Nein, nein, nein, man wollte sie einfach nicht ernst nehmen. Für einen gestandenen Rockfan in den Siebzigern waren The Sweet schlichtweg zu poppig, zu synthetisch, zu banal. Und dennoch konnte man sich dem hysterischen Sound der Band um Sänger Brian Connolly nicht entziehen. Sie zählte neben Slade oder T. Rex zu den Galionsfiguren des Glam-Rock. Sweet verkauften mehr als 55 Millionen Platten, landeten in Deutschland acht Nummer-1-Hits. Und haben sich mit Stücken wie „Block Buster“, „The Ballroom Blitz“ oder „Teenage Rampage“ auf ewig in den Annalen der Rockgeschichte festgeschrieben.

Eigentlich sind sie selbst längst Geschichte. Der alkoholkranke Frontmann Connolly erlag 1997 einem Nierenversagen. Schlagzeuger Mick Tucker starb 2002 an Leukämie. Bassist Steve Priest verabschiedete sich in den 80er-Jahren in die USA und spielt dort mit einer neuen Band alte Sweet-Songs. Auf dem Kontinent aber hält Gitarrist Andy Scott, der in diesem Jahr 70 Jahre alt wird, die Musik seiner einstigen Band am Leben. Und tourt mit neuen Musikern unermüdlich als Sweet durch Europa. Mit Erfolg. Rund 1100 Fans feierten am Dienstagabend in der Columbiahalle die Glam-Rock-Helden der Siebziger. Und die fegten jegliche Bedenken, nicht mehr als eine Coverband zu sein, mit hoher Professionalität und Spielfreude beiseite.

Gestandene Musiker, die ihr raubeiniges Handwerk aus dem Eff-eff beherrschen

Von der Musikpresse wurden sie zu ihrer Blütezeit nicht immer gut behandelt. 1975 machten sie sich mit dem Song „Action“ Luft und wehrten sich dagegen, nur als schnöde Popmusikanten abgetan zu werden. „Action“ steht nun auch am Anfang dieses neuerlichen Berlin-Konzerts. Neben dem einzig verbliebenen Originalmitglied Andy Scott, das vehement darauf verweist, dass seine schlohweiße Lady-Gaga-Mähne keineswegs eine Perücke sei, zählen seit vielen Jahren Sänger und Bassist Pete Lincoln, Gitarrist und Keyboarder Tony O’Hara und Schlagzeuger Bruce Bisland zur Band. Gestandene Musiker, die ihr raubeiniges Handwerk aus dem Eff-eff beherrschen.

Der Sound ist brillant, jedoch für diese doch sehr dem gitarrenlastigen Rock zugewandte Musik fast etwas zu sehr auf Zimmerlautstärke gepegelt. Mit „Hell Raiser“ kommt gleich als drittes Stück ein Meilenstein des Sweet-Oeuvres und wenig später spielen sie mit „The Six Teens“ einen ihrer großartigsten Songs, der ihnen wie die meisten ihrer Erfolge vom Glamrock-Songwritergespann Mike Chapman und Nicky Chinn auf den Leib komponiert worden war. Bei The Sweet treffen deftige Hardrockgitarren auf melodieselige Schlagerleichtigkeit und ausgefeilte Satzgesänge in den Refrains. Sie reproduzierten den Sound der Vergangenheit perfekt ins Heute.

Als Überraschung kommt erstmals an diesem Abend ein fünfter Mann auf die Bühne. Denn Bassist Pete Lincoln wird Sweet verlassen, um sich voll seiner eigentlichen Band The Frontmen zu widmen. Für ihn steigt der Gitarrist und Keyboarder Paul Manzi bei Sweet ein und spielt sich bei Stücken wie „Set Me Free“ schon einmal warm. So wird das Quartett für den Rest des Konzerts zum Quintett.

Auf überzeugende Weise das Erbe des Glam-Rock verwaltet

Nach einem stimmigen Akustikmittelteil mit „Lady Starlight“, „Co Co“ oder „Poppa Joe“ und dem unvermeidlichen Schlagzeug-Solo wird der Rest des Programms zur Hitrevue mit Klassikern wie „Teenage Rampage“, „Wig Wam Bam“, „Little Willie“. Und natürlich ihrem größten Hit „Love Is Like Oxygen“, dem sie im Mittelteil Emerson, Lake & Palmers „Fanfare For The Common Man“ unterjubeln. Zum Finale gibt’s zum Mitsingen „Fox On The Run“, das die Hannoveraner Scorpions übrigens einst für eine kuriose Single als „Fuchs geh‘ voran“ auf Deutsch gecovert haben. Mit „Action“ als „Wenn es richtig los geht“ als B-Seite.

Das Publikum in der Columbiahalle, das sichtlich mit der Musik von The Sweet groß geworden ist, ist in bester Feierlaune und bejubelt eine Band, die auf überzeugende Weise das Erbe einer der Säulen des Glam-Rock verwaltet. Und die sich die Seventies-Kracher „Block Buster“ und „The Ballroom Blitz“ für den Zugabenteil aufbewahrt hat. Sie machen ihre Sache gut. Der Applaus ist ohrenbetäubend.