Premiere

Für die Liebe das Gesamtwerk von Derrida lesen

Lennart Schilgen mit konzertanten Solo-Programm.

Stellt sein neues Programm vor: Lennart Schilgen.

Stellt sein neues Programm vor: Lennart Schilgen.

Foto: Jost Schilgen

Für die Liebe ist Lennart Schilgen bereit zu lügen. Sich weit von seinem Ich zu entfernen und auch schon mal ins Theater zu gehen. Selbst, wenn man für eine Inszenierung erst mal das philosophische Gesamtwerk von Derrida lesen muss, um überhaupt etwas zu verstehen. Er verbiegt sich auf Teufel komm heraus, damit sich seine Angebetete in ihn verliebt. Er hat sogar Klavier geübt, bis die Finger bluten. Nur die Frau kann er einfach nicht klar machen. Dafür ist sein Klavierspiel so gut geworden, dass er jetzt beruflich in Musik macht und seinen Lebensunterhalt damit verdient.

Nicht nur die Läufe am Flügel und auf der Gitarre haben Lennart Schilgen weit nach vorn gebracht. Sondern auch seine fintenreichen Songs mit hintergründigen Versen und geschliffenen Pointen. Die haben ihn zum preisgekrönten Shootingstar der Scherzfacharbeiter-Branche gemacht. Mittlerweile ist Schilgen Kabarettist, Singer-Songwriter und Liedermacher in Personalunion. Multitalentiert quasi. In der Bar jeder Vernunft feierte der gebürtige Zehlendorfer nun mit seinem zweiten konzertanten Solo-Programm „Verklärungsbedarf“ eine umjubelte Premiere.

Bevor es richtig losgeht, verrät Schilgen noch rasch, was er vor hat: „Ich spiele Lieder, Ihr hört zu! Das hat sich bewährt.“ Super Konzept. Da ist man sich auch im Publikum einig und macht mit. Unter den Zuschauern sind übrigens viele Wiederholungstäter, die bereits Schilgens erstes Solo „Engelszungenbrecher“ gesehen haben. Glück gehabt, dass der Musik-Kabarettist was Neues im Gepäck hat.

Eigentlich wäre Lennart Schilgen nämlich gern bis in alle Ewigkeiten mit den Liedern aus seinem Solodebüt unterwegs gewesen. Aber die Leute wollen nun mal was Neues. Wie lästig ihm das ist, besingt Schilgen gleich zu Anfang in „Alles neu“. Darin rechnet er mit dem Hype um Trends ab. Warum In-Getränke, wenn es in der Kneipe schon einen Lieblingsdrink gibt? Und wozu neue Songs, wenn doch alle nur die Hits aus dem letzten Solo hören wollen?

Der jungenhafte Charme des 31-Jährigen führt in die Irre

Mit dem frischen Material beantwortet er die Frage selbst. Abgesehen von den jungfräulichen Melodien, die akustisch noch nicht erodiert sind, ist es einfach schön, sich von unbekannten textlichen Wendungen überraschen zu lassen. Denn es sind die teils bitterbösen Twists, die einen besonders heftig lachen lassen. Wie im vermeintlichen Liebeslied „Ich bleib hier“, das einem das Gruseln lehrt.

Der jungenhafte Charme des gepflegt verstrubbelten 31-Jährigen führt dabei gründlich in die Irre. Denn obzwar sympathisch, ist Schilgen beileibe nicht nett. Mit schalkhaftem Witz ergründet er das Leben und entlarvt schwarzhumorig die Lügen, die wir uns aus Bequemlichkeit schönreden, um den Dingen nicht auf den Grund gehen zu müssen.

Auch seine schrägen Gedichte und die Definition des Programmtitels sind absolut sehenswert. Der Höhepunkt aber ist seine (bildungs-)bürgerliche Version von Peter Fox’ Berlin-Hit „Schwarz zu Blau“, umgetextet aus Sicht eines Zehlendorfer Jünglings. Mindestens ebenso urban, allerdings landschaftlich erhebender.