Porträtband

Das Who is Who der jüdischen Vordenker

Von Jesus, über Einstein bis Mark Zuckerberg: Das Buch „222 Juden verändern die Welt“ stellt große Gründer und Erfinder.

Mark Zuckerbergs Name steht für Facebook

Mark Zuckerbergs Name steht für Facebook

Foto: Francois Mori / dpa

Obsthändler waren die Vorfahren des Firmengründers, als sie noch in Holland lebten, deshalb trugen sie den Familiennamen Lemonenman. Dann zog man weiter nach Paris, der Name wurde dem neuen Land angepasst: Citroen. Als Automarke ist der von Zitrone abgeleitete Name bis heute aufs engste mit der französischen Nation verbunden, obwohl die wenigsten wissen, dass der Gründer André Citroen (1878 bis 1935) einer jüdischen Einwandererfamilie entstammte. Citroen war ein Abenteurer, er trat als technischer Offizier in die französische Armee ein und gründete anschließend eine Firma für die Getriebeherstellung. Im Ersten Weltkrieg stellte er auf Munition um, mit dem Gewinn daraus gründete er seine Autofirma.

Eine Innovation jagte die andere: Statt Kurbel bekamen seine Autos einen Elektrostarter, er führte den Raupenantrieb ein und brachte das erste Auto mit Vorderradantrieb auf den Markt. „Ein Pferd schiebt ja auch keinen Wagen, sondern zieht ihn“, erklärte Citroen seine Neuerung. Auch im sozialen Bereich war der Unternehmer ein Vorreiter. Er unterhielt ein Betriebsorchester, eine betriebliche Krankenversicherung und führte als erstes europäisches Unternehmen das 13. Monatsgehalt ein.

Von der Sofortbildkamera bis hin zu Facebook

In seinem Buch „222 Juden verändern die Welt“ hat Mario Markus faktenreiche wie anschauliche, manchmal trocken humorvolle Kurzbiografien versammelt. Es ist ein Who is Who großer Vordenker, Erfinder und Gründer. Es ist auch ein Stück der abendländischen Geschichte, die natürlich im Religiösen beginnt. Es geht zunächst um Jesus von Nazareth und seine mehr als zwei Milliarden Anhänger. Vorgestellt werden der mittelalterliche spanische Gelehrte Maimonides oder der niederländische Philosoph Baruch Spinoza als Begründer des westlichen Pantheismus. Im Buch führt der Weg zu einem Berliner Talmudschüler: Philosoph Moses Mendelssohn gilt uns heute als ein wichtiger Aufklärer. Ein weltweit bekannter Name ist der von Karl Marx, dessen Lebenswerk von Mario Markus als „Das größte Experiment der Weltgeschichte“ überschrieben ist. Ferdinand Lassalle ist ein Kapitel als Urvater der SPD gewidmet, der 1919 in Berlin ermordeten Rosa Luxemburg eines als Anti-Kriegs-Märtyrerin.

Das Wirken im Weltlichen – manchmal auch mit uns heute ganz alltäglich vorkommenden Dingen – überwiegt natürlich im Buch. Vorgestellt werden Levi Strauss, der aus Buttenheim bei Bamberg nach Amerika auswanderte, und Jacob David als Designer und Vermarkter der Jeans – 1873 hatten sie ihr erstes US-Patent für „Verbesserungen in der Befestigung von Hosenöffnungen“. Emil Berliner wird als Gründer der Schallplatte porträtiert, Rose und Morris Michtom des Teddybärs, Laszlo Biro des Kugelschreibers und Edwin Land der Polaroid-Sofortbildkamera. Die modernen digitalen Gründer heißen Mark Zuckerberg für Facebook oder Sergey Brin, Larry Page und Susan Wojcicki für Google.

Viele Biografien beziehen sich auf Naturwissenschaftler und Mediziner. Der an der Berliner Charité wirkende Paul Ehrlich wird als Begründer der Chemotherapie vorgestellt. Einer der ersten Nobelpreisträger. Paul Zoll hat den Herzschrittmacher und den Defibrillator erfunden. Jonas Salk und Albert Sabin führten die Impfung gegen Polio ein. Arthur Kornberg steht für den Beginn der Gentechnik. Natürlich hat der Physiker Albert Einstein als Begründer der Relativitätstheorie seinen Raum. Die auffällige Häufung von Naturwissenschaftlern ist schnell erklärt: Der Buchautor, Jahrgang 1944, ist selber Physikprofessor.

Die Großmutter hatte einen Hutmacherladen am Hausvogteiplatz

Mario Markus’ eigene Biografie verbindet ihn mit vielen von den Nazis aus Deutschland vertriebenen Juden und deren Nachfahren. Seine Berliner Großmutter Paula Kaplan hatte einen Hutmacherladen am Hausvogteiplatz. Am 9. November 1938 überfielen SA-Horden ihr Geschäft und bedrohten sie. Die Eltern von Mario Markus flüchteten über Peru nach Bolivien, er kam in Chile zur Welt. Der Autor beschreibt, wie fremd man sich dort fühlte. 1964 beschloss die Familie, nach Deutschland zurückzukehren. Das Buch ist sicherlich auch der Versuch, die eigene Herkunft zu verstehen.

Im Vorwort betont der Autor, weder religiös noch zionistisch zu sein. Aber selbstbewusst allemal. Mario Markus verweist darauf, dass von den rund 850 bisher verliehenen Nobelpreisen 195 an Juden gingen. Also knapp ein Viertel der Preise, obwohl Juden nur 0,2 Prozent der Weltbevölkerung ausmachen. Markus will in seinem Buch weder „Jüdische Sitten“ noch „Juden als Opfer“ darstellen, ihm geht es um die kreativ Agierenden in Wissenschaft, Philosophie oder Kunst. Erwähnt sind auch Jacques Offenbach als Vater der Operette oder Zwölfton-Komponist Arnold Schönberg. Die gegen die südafrikanische Apartheid anschreibende Nadine Gordimer oder der in Prag geboren Schriftsteller Franz Kafka werden vorgestellt.

Die in der Schoa ermordete Anne Frank wird hervorgehoben, weil ihr Tagebuch bewirkt hat, dass Juden und Nichtjuden gemeinsam trauern. Im Buch gibt es eher wenige Künstler. Das hat seinen guten Grund, wie der Autor mitteilt: Der Verlag will großen jüdischen Künstlern ein eigenes Buch widmen.