Zehnter Todestag

Gedenken an Peter Zadek: Mutmacher des Theaters

Vor zehn Jahren starb Peter Zadek. In seiner Geburtsstadt Berlin wird am Montag eine Gedenktafel für den Regisseur enthüllt.

Regisseur Peter Zadek im Jahr 1987.

Regisseur Peter Zadek im Jahr 1987.

Foto: picture alliance / dpa

„Ich träumte von einem Theater, das Mut macht.“ Ein schlichter, klarer Satz von Peter Zadek, von 1992 bis 1995 – neben Heiner Müller – Mitglied des Direktoriums des Berliner Ensembles. Hinter Zadeks Träumerei steckt aber auch Großes. Und dazu einer der Gründe für ein schweres Zerwürfnis: Zadek hasste Müllers zynischen Pessimismus und verließ Berlin. Jahre später nahm das Peymann-BE besagten Satz als Motto für eine bewegende posthume Gedenkfeier zum 90. Geburtstag für Peter Zadek – Theaterberlins bislang einzige Ehrung, abgesehen von einer Veranstaltung der Akademie der Künste. Blässliche Übung im Vergleich zu Wien, wo das Burgtheater zum 75. Geburtstag eine prunkvolle Gala inszenierte mit einer Parade der Stars und üppigem Festmahl im Foyer mit Kellnern, edlem Porzellan und schwerem Besteck – derart imperial feiert Österreich Großkünstler.

Immerhin spendiert ihm der Berliner Senat jetzt eine Gedenktafel in Wilmersdorf am Haus der Kindheit dieses bedeutenden Regisseurs, der unser Nachkriegstheater revolutionierte, sich selbst jedoch gelassen für konservativ hielt. Das bescheidene Denkmal wird am heutigen Montag, 20. Mai, einen Tag nach Peter Zadeks 93. Geburtstag, um 14 Uhr in der Offenbacher Straße enthüllt werden.

Als Peter, der jüdische Junge aus Berlin, Jahrgang 1923, anno Hitler 1933 mit den Eltern nach England emigrierte (erst im Alter von gut dreißig Jahren sollte er in die alte Heimat zurückkehren), da fiel ihm auf, dass die Deutschen glaubten, „alles schon zu wissen“. Er meinte, mit seinem Theater – in England laborierte er an kleineren Bühnen den Leuten den Kopf aufstoßen zu müssen. Und zwar mit unideologischer Lust allein durch pralles Spiel mit einer Truppe, die er fortan möglichst dauerhaft an sich band. Die sprengte, anders als ihre „wie ein Beamtenvolk“ werkelnden Kollegen, den Gips weg, den allwissende Oberlehrer über die Bildungsanstalt Bühne geschichtet hatten.

Ausbruch aus den Zwängen der Bildungsbürgerei

Die Zadek-Familie schlug aus den alten Stücken (gern von Shakespeare) ungeahnt neue Feuer, die das Publikum entflammten zwischen Jubel und Wut. Regisseur Zadek warf mit kalkuliertem Übermut und leichter Hand die Blitzlichter des Boulevards, den saftigen Sound des Pops, die dampfenden Pferdeäpfel des Zirkus (was für V-Effekte!) gegen die Vorstellung von Theater als moralische Erbauungsanstalt. Er zeigte als einer der ersten, dass Theater auch in Fabrikhallen, Kneipen und Kellern funktioniert. Ein wahrlich toller Ausbruch aus den Konventionen der Bildungsbürgerei.

Immer, wenn dieser klassische Patriarch aufkreuzte mit luxuriösen Allüren und Hofstaat, mit Künstlerschal und dunkler Brille, da knisterte die Luft. Der Bohemien und Grandseigneur mit wachem, dabei deutlich mokantem Blick bekannte: „Als Kind war ich ein furchtbarer kleiner Snob. Meine Lebensform ist Spielen.“ Das blieb so bis zum Tod im Sommer 2009.

Er wollte, dass wir aufeinander klatschen, weiß Angela Winkler, eine von Zadeks Lieblingsschauspielerinnen. Klar, P.Z. wollte tolles Schauspielertheater. Ein Theater, das die Erfahrungen und Gefühle der Spieler mit denen des Autors konfrontiert, indem die akribisch dem Text nachspüren. Das klappt allein mit äußerst feinfühligen, besonders hingebungsvollen, sagenhaft spinnerten und ungeniert neugierigen, für (fast) alles offenen Schauspielern.

„Erklärungstheater“ sei ihm ein Graus; seine Kunst sei „kindlich“, gestand dieser notorische Beobachter, der nie ein Parteigänger war. Für ihn zählten Instinkt und Phantasie, was damals schon die Kritik auf den Plan brachte (Peter Stein: „Gefühlsduselei“), in den 1970er-Jahren. Und erst recht später, als das Konzept-, Diskurs- oder Projekt-Theater aufkam, das wir hier nicht verteufeln wollen. Doch auch in postdramatischen Zeiten muss gelten: ästhetische Vielfalt. Alle Formen sollen sein, keine darf herrschen.

Psychologie plus Textanalyse, daraus erwuchs wie selbstverständlich die Gegenwärtigkeit von Zadeks besten Inszenierungen. Wobei ihm „Gesellschaftskritik“ nicht „das wichtigste“ war. Und schon gar nicht „Bewusstseinsentwicklung“, die sein Gegenspieler, der Achtundsechziger Peter Stein, so verbissen anstrebte. Zadek, der seine kometenhafte Karriere in den 1960er-Jahren in Bremen begann, sich jedoch nie als Achtundsechziger sah, der war bescheiden fürs Mutmachen. Regie galt ihm als nachrangig.

Der Regisseur eines Stücks sollte unbemerkt bleiben

Der raffinierte Spieler und naive Streuner durch der Menschen unaufgeräumtes Dasein hatte keinen Stil. Die Stilisierungsmanien, der Dekonstruktionswahn, das Ballermannhafte vieler Regisseure schon damals gingen diesem Genie des Einfühlungstheaters schwer auf die Nerven. Die Dominanz einer Interpretation war ihm suspekt. Wie auch eine (deutsche?) Mentalität, die „demjenigen Recht gibt, der am lautesten brüllt“. Selbst auf ganz großer Bühne war sein Theater ein letztlich intimes Theater. Eins der befreienden Gefühle und gewagten Gedanken nebst einem irritierenden Rest Unerklärbarkeit. „Wenn man gut war“, sagte er, „merkt niemand, dass da ein Regisseur war.“