Konzert

Projekt des Orchesters: Mozart ausgepackt und erläutert

Ein Selbstversuch: Das Mahler Chamber Orchester hat mit Spieledesignern ein neues Musikvermittlungskonzept entwickelt.

Pianist Lars Vogt

Pianist Lars Vogt

Foto: Giorgia Bertazzi

Vor seinem Konzert mit dem Pianisten Lars Vogt bringt das Mahler Chamber Orchestra eine ungewöhnliche Aktion in den Kammermusiksaal der Philharmonie. Zwei Stunden vor Konzertbeginn werden etwa vierzig angemeldete Besucher im Foyer empfangen und in Gruppen eingeteilt. Innerhalb der Gruppe dürfen sich alle per Kärtchen eines von jeweils fünf Instrumenten aus Mozarts Klavierkonzert Nummer 20 d-Moll aussuchen. Ein Computerspieledesigner wendet sich an die Teilnehmer: Gleich werde man sich auf den Vorplatz der Philharmonie begeben und nach Klangspuren der zigtausend Konzerte suchen, die in den vergangenen Jahren, Jahrzehnten hier stattgefunden hätten. Klingt ein bisschen esoterisch.

Jeder Besucher sucht sich seinen Instrumentenpaten aus

Zunächst allerdings geht es in den Saal. Auf dem Weg dorthin dürfen sich alle Teilnehmer in der Kantine Mitglieder des Mahler Chamber aussuchen, die zu ihrem Instrumentenkärtchen passen. Smalltalk beginnt – weshalb etwa spielt Naomi aus Amsterdam, so heißt meine Instrumentenpatin, die zweite Geige? Die hochkulturelle Distanz wird vollends angenehm aufgehoben, als wir uns auf dem Podium im noch leeren Saal zwischen sie stellen.

Selbst die zweiten Geigen, erfährt man, sind, wenn man mitten in der Klangwolke steht, doch ziemlich laut. Und man versteht durchaus nicht so viele der gespielten einzelnen Töne wie in sicherer Entfernung aus dem Auditorium heraus. Wolke eben.

„Unboxing Mozart“ heißt dieses Projekt – was nach den Termini der Netzkultur soviel wie „Mozart auspacken und erläutern“ bedeutet. Das Mahler Chamber Orchestra wird es künftig vielen seiner Mozartkonzerte weltweit vorschalten. Man versucht hier so etwas wie Museumspädagogik, übertragen auf das klassische Konzert. Das hat seine Reize, seine Unterstützung durch digitale Vernetzung und Unterhaltungselektronik, aber durchaus auch seine Grenzen.

Die Freude an technischer Spielerei überwiegt

Denn begrenzter als die Instrumente der Künstler, die man zuvor im Saal getroffen hat, sind die in helle Resonanz-Holzkästen geklemmten Tablets, die nun jeder Mitspieler, wieder im Freien, um den Hals gehängt bekommt.

Das ist das Wesentliche von „Unboxing Mozart“, erdacht von den Spieledesignern Sebastian Quack und Josa Gerhard.

Man wird von einer App zu verschiedenen Orten im Außenbereich der Philharmonie geführt, wo per Video der Klaviersolist sowie die Orchestermusiker immer wieder neue Stellen aus dem düsteren Mozart-Klavierkonzert erläutern. „Spielen“ müssen die Teilnehmer sie selbst, immer wieder mit einem anderen „eigenen“ Instrument auf dem Tablet. Die Einsätze können mit vertikalen Bewegungen der Holzapparatur koordiniert werden.

Man möchte die ambitionierte Idee des Mahler Chamber und der Spieleentwickler nicht zernörgeln – aber noch ist dieses interaktive Audioguide für klassische Musik eher von der Freude an technischer Spielerei getragen – über welche man den Willen bisher noch ein wenig aus den Augen verloren hat, wirklich barrierefreie Zugänge zu komplexen klassischen Werken freizulegen.