Filmfestspiele

Wer kann, geht nach Cannes

Nach einem schwachen Festivaljahr suchen die Filmfestspiele in Cannes ihre alte Größe. Leiter Thierry Frémaux setzt auf große Namen.

Wie im Film: Der Blick auf den Palais des Festivals im südfranzösischen Cannes.

Wie im Film: Der Blick auf den Palais des Festivals im südfranzösischen Cannes.

Foto: Arthur Mola / dpa

Als kürzlich die Wettbewerbsfilme für das diesjährige Filmfestival in Cannes bekanntgegeben wurden, fehlte ein wichtiger Name. Obwohl sein neuntes Werk „Once Upon A Time In… Hollywood“ im Vorfeld ganz hoch gehandelt wurde, war Quentin Tarantino nicht dabei – noch nicht. Erst rund zwei Wochen vor der Eröffnung kam sie dann aber doch noch, die Nachnominierung: Nachdem sich Tarantino monatelang im Schneideraum vergraben und unter Hochdruck gearbeitet hat, wird sein Film rechtzeitig fertig.

Alles andere wäre für das Festival auch eine herbe Enttäuschung gewesen. Die Premiere mit dem Cannes-Veteran beschert dem Festival mit Brad Pitt, Leonardo DiCaprio und vielen weiteren bekannten Gesichtern schließlich einen heftigen Glamour- und Aufmerksamkeitsschub – und das mit bestem Timing: genau 25 Jahre, nachdem Tarantino die Goldene Palme für „Pulp Fiction“ gewann“. Damit ist er einer von 21 Beiträgen, die auf der 72. Festivalausgabe ab nächstem Dienstag um die Goldene Palme konkurrieren.

Es schien, der Stern von Cannes zu sinken

Tarantino ist aber nicht der einzige Hochkaräter im diesjährigen Programm. Es scheint so, als sei das Festival im vergangenen Jahr ein kleiner Ausrutscher gewesen. Es hatte weniger Stars und weniger Strahlkraft als gewohnt und manch einer sah das schon als ernstes Anzeichen dafür, dass der Stern langsam sinkt und das Ende der großen Cannes-Ära naht.

Auch die Kontroverse über die Produktionen von Streamingdiensten im Wettbewerb war in dieser Hinsicht sicherlich wenig hilfreich. Diesmal aber sieht es anders aus. Sieht man von einer Sondervorführung von zwei Folgen von Nicolas Winding Refns Amazon-Serie „Too Old To Die Young“ ab, spielen Netflix und Co. weiterhin keine Rolle. Und zumindest auf dem Papier verspricht die Auswahl, nach dem Zwischentief mit einer starken Mischung aus Autorenfilmern, Stars und Glamour wieder zur gewohnten Hochform aufzulaufen.

Alte Stars kehren zurück nach Cannes

Anteil daran haben auch die US-amerikanischen Produktionen, die anders als zuletzt wieder zum Festival kommen – mit grandiosen Ensembles. Neben Tarantino kehrt Jim Jarmusch, Independent-Ikone und ebenfalls ewiger Cannes-Stammgast, mit einem All-Star-Ensemble nach Südfrankreich zurück und eröffnet das Festival mit „The Dead Don’t Die“, seiner Version der Zombie-Apokalypse: einem, so deutet der Trailer an, lakonisch komischem Genreausflug unter anderem mit Bill Murray und Adam Driver als Zombiejäger, Iggy Pop als kaffeesüchtigem Zombie und Tom Waits als vollbärtigem Einsiedler-Zausel.

Ebenfalls ein Star-Spektakel, wenn auch außer Konkurrenz, verspricht „Rocketman“ mit dem Regisseur Dexter Fletcher nach dem oscarprämierten „Bohemian Rhapsody“ abermals eine Künstlerbiografie auf die Leinwand bringt. Diesmal steht Elton John im Fokus, der neben den Hauptdarstellern Taron Egerton und Jamie Bell auch zur Premiere auf dem roten Teppich erwartet wird.

In der Konkurrenz um die Goldene Palme hingegen treten sich einmal mehr die namhaften Autorenfilmer fast schon auf die Füße. Einige von ihnen gehören zu den üblichen Cannes-Verdächtigen aus der Generation 60plus, die mitunter bereits karrierelang mit dem Festival verbunden sind. Gleich zwei Mal sind Doppel-Palmen-Gewinner mit neuen Sozialdramen darunter: Ken Loach zeigt „Sorry We Missed You“ und die belgischen Dardenne-Brüder gehen mit „The Young Ahmed“ ins Rennen.

Auch ein deutschsprachiges Drama ist im Rennen

Terrence Malick, der vor acht Jahren für „The Tree of Life“ seine erste Goldene Palme gewann, hat es endlich geschafft, sein deutschsprachiges Zweiter-Weltkriegs-Drama „A Hidden Life“ fertigzustellen – unter anderem mit Matthias Schoenarts und August Diehl sowie Bruno Ganz in einem seiner letzten Auftritte. Pedro Almodóvar hingegen kann mit dem Drama „Pain and Glory“ mit Penélope Cruz und Antonio Banderas einmal mehr von seiner ersten Palme träumen.

Xavier Dolan gehört mit „Matthias und Maxime“ derweil zu den jungen, Regisseur Ira Sachs mit „Frankie“ (unter anderem mit Isabelle Huppert) zu den neuen Gesichtern im Wettbewerb.

Überhaupt hat Festivalleiter Thierry Frémaux diesmal erfreulicherweise mehr Unbekannte in die Wettbewerbsgleichung eingebaut. Neben neuen Talenten hat er in den in die Jahre gekommenen Boys-Club diesmal immerhin, aber letztlich doch nur vier Regisseurinnen eingeladen – und kann damit die anhaltende Kritik an dem von Männern dominierten Wettbewerb vorerst etwas abschwächen.

Mehr Frauen im Festival-Programm

Die senegalisch-stämmige Französin Mati Diop etwa schickt ihr Debüt „Atlantiques“ in die Konkurrenz. Und während Deutschland in der Königsklasse diesmal nur mit Co-Produktionen vertreten ist, hat die Österreicherin Jessica Hausner erstmals den Sprung aus der Nebenreihe „Un Certain Regard“ in den Wettbewerb geschafft: Der englischsprachige „Little Joe“ ist ein Science-Fiction-Drama mit Ben Wishaw.

Ob das Festival mit der verheißungsvollen Auswahl aber tatsächlich wieder vollends zu alter Form zurückfindet? Das steht erst am 25. Mai fest, wenn die Jury unter Vorsitz von Regisseur Alejandro González Iñárritu („The Revenant“) die Goldene Palme verleiht.