Neu im Kino

Ein Leben abstrampeln

Für Unternehmensberater verspürt man kaum Mitleid. In diesem Filmdrama aber entwickelt man welches: „Der Boden unter den Füßen“.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ständig erhält Lola (Valerie Pachner) geheimnisvolle Anrufe.

Wer bin ich und wenn ja, wie viele? Ständig erhält Lola (Valerie Pachner) geheimnisvolle Anrufe.

Foto: salzgeber

„Eine 48 einschieben“ – diese lockere Formulierung meint, zwei volle Tage am Stück durchzuarbeiten. Lola (Valerie Pachner) muss in ihrem Beruf zu so etwas bereit sein. Sie ist Unternehmensberaterin, ein Job, der mit schicken Hotelbars und Designer-Anzügen lockt, aber der absoluten Versklavung gleicht. Und wenn die Zahlenkolonnen endlich analysiert sind und die Präsentation zum Ausdruck bereit steht, steigt Lola noch aufs Fitnessrad, auch nachts. Sich abstrampeln – das ist in etwa ihre Lebensdevise.

Die österreichische Regisseurin Marie Kreutzer porträtiert die Arbeitswelt ihrer Protagonistin mit einer Eindringlichkeit, die unter die Haut geht. Während die Kamera immer dicht an Lola bleibt, bekommt der Zuschauer einen Einblick in die anstrengende und doch seltsam leere Welt der glatten Oberflächen, durch die sie sich bewegt.

48 Stunden am Stück, Flirt inklusive

Erst nach und nach begreift man, dass ein großer Teil in Rostock spielt, wo Lolas Firma einen Kunden an Land ziehen will. Sie muss die Chefs einer Firma von einem rigiden Sparkonzept überzeugen, das ihnen weh tut. Lolas voller Einsatz ist gefragt, was eine gewisse Bereitschaft zum Flirt mit einschließt.

Die junge hübsche Frau stellt sich dem mit der gleichen Verschlossenheit, mit der sie ihren ganzen Alltag angeht. Selbst im Bett mit ihrer Geliebten (Mavie Hörbiger) – wie sich herausstellt: ihrer Chefin – hält sie die Fassade aufrecht. Wer eigentlich ist diese Frau? Diese Frage stellt man sich mehr und mehr.

Schatten der Vergangenheit

Einiges in „Der Boden unter den Füßen“ gleicht einem Mystery-Thriller. Etwa die Anrufe, die Lola von ihrer Schwester Conny (Pia Hierzegger) erhält. Psychisch labil, ist sie mal wieder eingeliefert worden – dürfte also gar kein Handy haben. Und woher weiß sie so genau, was Lola in Rostock treibt? Zwischendurch glaubt man sich fast in einer Variante von „Fight Club“, in der die gegensätzlichen Hauptfiguren sich als ein und dieselbe Person herausstellen.

Aber dann wieder ist Conny erschreckend real in ihrer Hilfsbedürftigkeit. Und für Lolas Abstrampel-Manie gibt es die übliche Erklärung, dass sie sich aus schlimmsten Verhältnissen nach oben gekämpft hat und ständig Angst hat, ihre Kindheit könnte sie doch noch einholen. Im Thema fesselnd, mit tollem Gespür für Atmosphäre, fehlt es dem „Boden unter den Füßen“ leider letztlich an einem Plot, das über die Zustandsbeschreibung hinausgeht.