Neu im Kino

Familie, ein liebevoller Neurosenstadl: „Das Familienfoto“

Das können nur die Franzosen: Eine herrliche Tragikomödie, in der es auch um Demenz, vor allem aber um die vielen kleinen Dinge geht.

Manchmal hilft einfach in den Arm nehmen: Mutter Claudine (Chantal Aubry) mit ihren Töchtern Gabrielle (Vanessa Paradis, l.) und Elsa (Camilla Cottin)

Manchmal hilft einfach in den Arm nehmen: Mutter Claudine (Chantal Aubry) mit ihren Töchtern Gabrielle (Vanessa Paradis, l.) und Elsa (Camilla Cottin)

Foto: Alamode Film

Wie machen das die Franzosen nur? Immer die großen Themen erzählen, aber immer im kleinen, überschaubaren Rahmen. Diese Form der Gesellschaftskomödie oder besser -tragikomödie – weil Lachen und Weinen hier ganz oft nah bei einander liegen –, die macht dem französischen Kino in dieser Leichtigkeit, dieser Eleganz, diesem Wortwitz kaum einer nach.

Jüngstes Beispiel: „Das Familienfoto“. Cecilia Rouaud, die den Film geschrieben und inszeniert hat, schafft es in Kürze, dass man eine große Familie über vier Generationen in kürzester Zeit ins Herz schließt. Und obwohl es gleich erdschwer mit einer Beerdigung losgeht, wird der Ton von Anfang an ironisch gebrochen.

Die eine kommt zu spät, der andere schafft es gar nicht. Und die Großmutter (Claudette Walter), von allen liebevoll „Mamie“ genannt, fragt vorn im Trauerzug, ob da ihr Sohn beerdigt werde. Nein, belehrt man sie, der laufe doch neben ihr. Es sei ihr Gatte. „Ach, ist er tot?“, entgegnet sie abwesend. „Der Arme.“

Die Demenz ist mal nicht das zentrale Thema

Demenz, lange Zeit ein Tabuthema, wird in der zunehmend älter werdenden Gesellschaft immer offener behandelt. Auch im Kino. Erst vor zwei Wochen startete ein anderer französischer Film, „Der Flohmarkt von Madame Claire“, in der Catherine Deneuve aus Angst, bald alles zu vergessen, ihre letzten Dinge ordnet. In „Das Familienfoto“ aber steht das Thema nicht im Mittelpunkt – was auch einmal erfrischend ist, vielleicht auch zur Normalität beiträgt. Es ist Auslöser einer ganz anderen Geschichte.

Mamie nämlich ist gar nicht unglücklich mit ihrem Zustand, ist sich ihrer Defizite nicht bewusst. Dass die 86-Jährige bald sterben wird, weiß sie. Sie will nur nicht in Paris beerdigt werden, sondern auf dem Land, in Saint-Julien, wo die Familie früher den Sommer verbracht hat. Dafür steht sie nachts schon mal auf und läuft im Pyjama zum Bahnhof. Um sich ein Ticket zu besorgen.

Hilfe von Enkeln, die selbst Hilfe brauchen

Sohn Pierre (Jean-Pierre Bacri), selbst schon fast Rentner, möchte seine Mutter am liebsten in ein Heim stecken. Aber seine erwachsenen Kinder sträuben sich dagegen. Sie wollen für Mamie sorgen. Zumindest die Töchter. Auch wenn die selbst genug Probleme haben.

Die allein stehende Gabrielle (Vanessa Paradis) hangelt sich durchs Leben und kann nicht damit umgehen, dass ihr pubertärer Sohn lieber zu seinem Vater ziehen will. Elsa (Camilla Cottin) lebt in einer Beziehung, die aber leidet darunter, dass es mit dem Kinderkriegen nicht klappt. Ihr Bruder Mao (Pierre Deladonchamps) ist schon gar keine Hilfe, er ist bindungsunfähig und neigt gar zu Selbstmordabsichten.

Dass ihre Mutter Claudine (Chantal Aubry) Psychiaterin ist, hat ihnen nicht geholfen.

Die Familie ist ein einziger Neurosenstadl und lebt das bei jedem gemeinsamen Treffen aufs Neue aus. Warum sie so neurotisch sind, ist auch bald heraus: weil die Eltern sich früh scheiden ließen und die Geschwister auseinandergerissen wurden. Sie können sich nur an gemeinsame Sommerferien erinnern – in Mamies Sehnsuchtsort Saint-Julien.

Der Film bricht erfrischend mit Klischees

Man ahnt, worauf es im Film hinausläuft. Die Familie kommt sich in der Sorge um die Urgroßmutter – die einzige, die aufgrund der Demenz ganz kummerfrei ist – näher. Aber das Schöne an Rouauds Film ist, dass sie zwar mit den Klischees und Erwartungen spielt, dann aber doch alles überraschend anders auflöst. Und nicht alles in ein fades Happy End mündet.

Neben den wunderbaren Dialogen und dem grandiosen Spiel der Schauspieler lebt „Das Familienfoto“ auch von den vielen hübschen Momenten. Die Psychologin, die nicht mehr rauchen will, aber am Rauch von Zigaretten schnuppert. Oder die Mutter, die das Kinderzimmer in Unordnung bringt, um sich vorzugaukeln, der Sohn sei noch da. Es sind diese kleinen, schön beobachteten Details, die diesen Film so reich machen. Großes, emotionales Kino, das die vielen kleinen Unzulänglichkeiten des Lebens auf eine Weise verhandelt, dass sie einem ein Lächeln entlockt.

Tragikomödie F 2019 99 min., von Cecilia Rouaud, mit Vanessa Paradis, Camille Cottin, Pierre Deladonchamps, Jean-Pierre Bacri, Chantal Aubry