Konzert

Wenn Beethoven in Schnipsel zerpflückt wird

Dirigent mit klaren Ansagen: Valentin Uryupin leitet das Debütkonzert beim Deutschen Symphonie-Orchester Berlin

Dirigent Valentin Uryupin

Dirigent Valentin Uryupin

Foto: DSO / DSO Berlin

Valentin Uryupin wird vielleicht mal so etwas wie ein Kümmerer. Ein Kümmerer für Orchester. Wenn der hochgewachsene russische Nachwuchsdirigent das Deutsche Symphonie-Orchester in der Reihe „Debüt im Deutschlandfunk Kultur“ in der Philharmonie dirigiert, dann versucht Uryupin, mit seiner Aufmerksamkeit bei allen Orchestergruppen gleichzeitig zu sein.

Angesichts der teilweise extrem virtuosen oder rasend schnellen Passagen in Sergej Rachmaninows Paganini-Variationen oder Auszügen aus Sergei Prokofjews Ballett „Romeo und Julia“ ist das nicht so leicht möglich.

Ein reizvolles Stück von Jörg Widmann

Uryupin dirigiert ein seltsames Programm. Da ist zu Beginn die „Con-brio“-Konzertouvertüre für Orchester von Jörg Widmann von 2008. Dieses Stück ist sicherlich das reizvollste des Abends, ausgenommen vielleicht Prokofjew.

Widmann hatte in München einst den Auftrag, ein Stück über Beethovens siebte und achte Sinfonie zu schreiben, und er hat das behände erledigt. Obwohl vermutlich kein echter Beethovenakkord dabei ist, klingt das Ganze, als hätte Widmann die Partituren des Bonners in kleine Schnipsel zerschnitten, durcheinander gemischt und wieder zusammengeklebt.

Wenn irgendwelche Phrasen durch die Luft fliegen, meint man noch am ehesten, etwas neu Erfundenes zu hören.

Richard Strauss’ Oboenkonzert von 1945 dagegen wird zwar von den Orchesterstreichern und der Solistin Juliana Koch beseelt gespielt, aber gerade Koch verherrlicht mit ihrem betörenden Oboenton und sehnsüchtigem Musikerblick gen Himmel die eskapistische Schönheitssucht des alten, schuldbeladenen Komponisten doch zu sehr.

Musik als bedingungslos Absolutes, ohne Politik, ohne Geschichte? Fraglich natürlich, ob man das auch anders spielen könnte.

Dirigieren als organisatorische Disziplin

Die interpretatorische Sternstunde des Abends ereignet sich nach der Pause mit dem Spiel des russischen Pianisten Philipp Kopachewski, junger Gewinner von Dutzenden Wettbewerben. Zur Bewältigung der enormen technischen Klippen von Rachmaninow Rhapsodie nach einem Thema von Paganini für Klavier und Orchester Opus 43 wählt Kopachewski unbeirrt den Mittelweg zwischen emotionalem Engagement und technischer Abgeklärtheit.

Dirigent Uryupin mit dem Orchester löst die Aufgabe der Begleitung in diesen wüst heterogenen Variationen für sein Alter und Stadium grandios. Am Ende kann Valentin Uryupin mit dem von ihm selbst zusammengestellten Nummern aus Prokofjews Ballett noch einmal bestens beweisen, dass Orchesterleitung als organisatorische Disziplin für ihn bereits in jungen Jahren ein gelöstes Problem ist.