Neu im Kino

Mit Dick & Doof durch dick und dünn

Ode an die Freundschaft: Steve Coogan und John C. Reilly lassen in der Komödie „Stan & Ollie“ die berühmten Komiker wiederauferstehen.

Verblüffende Ähnlichkeit: John C. Reilly (l.) als Oliver Hardy und Steve Coogan (r) als Stan Laurel, hier beim Dreh ihres Klassikers „Zwei ritten nach Texas“

Verblüffende Ähnlichkeit: John C. Reilly (l.) als Oliver Hardy und Steve Coogan (r) als Stan Laurel, hier beim Dreh ihres Klassikers „Zwei ritten nach Texas“

Foto: Square One Entertainment

In Deutschland kennt man sie vor allem als „Dick & Doof“. Auch wenn man sie damit auf wenige Merkmale reduzierte. Die Welt aber liebte sie als Laurel & Hardy, oder auch persönlicher als Stan & Ollie. Oliver Hardy und Stan Laurel waren zwei der größten Komiker der Filmgeschichte, deren Alleinstellungsmerkmal es war, dass sie im Gegensatz zu den großen Kollegen Charlie Chaplin, Buster Keaton oder Harold Lloyd im Doppel funktionierten.

Als Paar brachten sie Millionen zum Lachen, gerade in schlechten Zeiten. Mit einem zeit- und alterslosen Humor, der auch viele nachkommende Generationen amüsierte.

Die berühmten Gesten und Gags verblüffend imitiert

Nun feiern „Stan & Ollie“ Wiederauferstehung im Kino. In einem Film, in dem zwei Komiker in die übergroßen Fußstapfen ihrer Vorgänger treten. Das hätte schrecklich in die Hose gehen können. Deshalb geht man auch erst mal mit bangen Gefühlen ins Kino. Aber dann ist man von der ersten Minute an verblüfft.

Steve Coogan und John C. Reilly sehen Laurel und Hardy nicht nur zum Verwechseln ähnlich (was ja erst mal nur ein Verdienst der Maske ist). Sie imitieren auch deren Körpersprache und Mimik so verblüffend genau und spielen einige ihrer berühmten Sketche so detailgetreu nach, dass es eine wahre Gaudi ist. Dass das noch mal für ganz andere Lacher sorgt. Und man sich manchmal wirklich die Augen reiben muss, weil man glaubt, die Originale zu sehen. Auch wenn man die ja nie in Farbe sah.

Es ist kein klassisches Biopic, das den langen Weg der beiden nachzeichnet. Der Film beschränkt sich klug auf eine kurze Episode, die aber doch viel über diese einzigartige Doppelkarriere erzählt. „Stan & Ollie“ beginnt 1937, auf dem Höhepunkt ihres Ruhms.

In einer virtuosen lange Eingangssequenz, die ganz ohne Schnitt auskommt, sitzen die beiden erst in ihrer Garderobe und schminken sich, laufen dann durch die weiten Hallen eines Filmstudios, vorbei an Gangster-, Varieté- und Römer-Kulissen, und kommen schließlich an ihr Set, wo sie ihren Klassiker „Zwei ritten nach Texas“ drehen.

Bevor sie dafür den berühmt gewordenen Tanz vor dem Saloon aufnehmen, streitet sich Laurel – der eben nicht der Doofe, sondern immer der Klügere, der Kopf der beiden war – mit Studioboss Hal Roach, der Millionen mit ihnen verdient, aber nie ihre Gage erhöht. Laurel droht sogar, sie könnten sich unabhängig machen. Und Roach wütet, das werde ein Nachspiel haben.

Dann der erste Schnitt. Ein Zeitsprung um 16 Jahre. Laurel und Hardy starten eine Bühnentournee durch Großbritannien und hoffen auf einen letzten großen Film. Es ist die Spätphase des Erfolgsduos, die auch Fans weitestgehend unbekannt ist.

Und es ist vielleicht kein Zufall, dass es keine Amerikaner waren, die diesen Film gemacht haben. Die hätten wohl eher die Erfolgsgeschichte der Komiker zementiert. Der Schotte John S. Baird aber hält sich an den Roman „Laurel & Hardy – The British Tours“ des Briten A. J. Marriot, der von jener Ochsentour durch die britischen Provinz erzählt.
Wo die erfolgsverwöhnten Stars in billigen Absteigen untergebracht werden, in drittklassigen Häusern spielen müssen, die nur schlecht verkauft sind, und vor Fans auftreten, die nicht glauben können, dass die Originale selbst auftreten. Die, glauben sie, hätten sich doch längst zurückgezogen. Vielleicht halten sie sie sogar schon für tot.

Laurel und Hardy stehen all das tapfer und stoisch durch, weil sie auf ihren neuen Film, eine Robin-Hood-Komödie, hoffen. Auch wenn es immer unwahrscheinlicher wird, dass der je zustande kommt.

Zudem spürt Hardy, dass er zu alt wird, es fällt ihm mit seinem massigen Körper und seinem schwachen Herzen immer schwerer, die penibel durchchoreographierten Slapsticknummern Abend für Abend zu bestehen.

Ein Verrat, der nie ganz verziehen wurde

Und dann ist da noch diese eine Wunde, die nie ganz verheilt ist: dass Laurel damals, 1937, von Roach gefeuert wurde, Hardy aber, der keinen Streit wollte und auch Geld brauchte für seine vielen Frauengeschichten und Alimente, einen Film ohne Laurel gemacht hat.

Ein Verrat, den Laurel nie verziehen hat. Eine Spannung zwischen den beiden, die latent immer da war und nun auf der Tour, wo sie Tag und Nacht zusammen sind, aufbr­icht.

„Stan & Ollie“ ist ein reicher Film, der viele Themen anreißt. Die Ausbeutung der Stars durch die Studios etwa. Oder auch das Aufkommen des Fernsehens in den 50er-Jahren, weshalb keiner mehr ins Theater geht.

Dann sind da noch die beiden Gattinnen Lucille Hardy (Shirley Henderson) und Ida Kitaeva Laurel (Nina Arianda), die die unterdrückten Konflikte ihrer Männer offen austragen und deren auf die Sketche übertragenen Sticheleien in echt ausleben. Zwei Paare zum Preis für einen, wie der Tourneemanager feixt. Das gilt auch für den Film.

Und doch ist „Stan & Ollie“ ganz und gar die Bühne für Steve Coogan und John C. Reilly. Beide haben ja sonst andere Komikerpartner. Reilly hat gerade mit Will Ferrell seinen dritten, nicht ganz so geglückten Film „Holmes & Watson“ herausgebracht, Coo­gan hat mit Rob Brydon drei Staffeln der Sitcom „The Trip“ abgedreht.

Coogan und Reilly sind fremdgegangen

Für „Stan & Ollie“ sind sie nun quasi fremdgegangen. Und obwohl sie noch nie zusammen gearbeitet, ja sich sich noch nicht mal gekannt haben, stimmt die Chemie zwischen ihnen vollkommen.

Dank ihnen und ihrer grandiosen Performance wird „Stan & Ollie“ zu einem Film über echte Freundschaft, die alle Dissonanzen übersteht. „Dick & Doof“, um diese verkürzte Titulierung noch einmal zu bemühen, gehen durch Dick und Dünn.

„Stan & Ollie“ ist eine liebevolle Hommage an zwei Legenden. Eine Gaudi für alle, die mit ihnen groß geworden sind. Aber für all die Jüngeren, die sie gar nicht mehr kennen, weil Schwarzweiß und Slapstick für sie zur Steinzeit der Filmgeschichte gehört, auch eine schöne Gelegenheit, sie für sich zu entdecken.