Bühne

Beim Theatertreffen wird den Nebelmaschinen applaudiert

Wolken ziehen vorüber: die vieldeutige Inszenierung „Girl From The Fog Machine Factory“ des Schweizer Regisseurs Thom Luz.

Szenenbild aus „Girl From The Fog Machine Factory“

Szenenbild aus „Girl From The Fog Machine Factory“

Foto: Sandra Then / Sebastian Hoppe

„Intelligenten Nebelmaschinen gehört die Zukunft“, versprechen sie uns von der Bühne, und man würde es nach diesem Abend sehr gerne glauben. Egal, ob intelligent oder nicht, Hauptsache Nebel. Ein bisschen Unschärfe für unsere durchökonomisierte, bis in jeden Winkel ausgeleuchtete und vermessene Welt.

Allein, von Zukunft kann keine Rede sein in dieser völlig aus der Zeit und aus der Welt gefallenen Nebelmaschinen-Fabrik. Ein uraltes Radio knistert geisterhaft vor sich hin, zwei Bodenscheinwerfer führen ein einsames Tänzchen auf, Papprollen stehen herum, Tonbandgeräte, Leitern, mehrere Ventilatoren. Manchmal muss der Chef (Samuel Streiff) ein sehr altmodisches Telefon bedienen und Gläubiger abwimmeln. Es läuft nicht gut, das Geschäft mit dem flüchtig Schönen, das sich jeder Haltbarkeit entzieht. Es passt nicht in unsere Welt.

Der Nebel trat schon immer bei Thom Luz auf

Umso besser passt es in die von Thom Luz. Der Schweizer Regisseur ist Nebelmaschinen-Fan, in all seinen Inszenierungen wabern dicke Schwaden. Der Nebel ist bei ihm nie nur Nebel, kein reines Show-Element, der Dunst ist Wegbereiter für Zwischenräume und Traumräume wie etwa in der am Deutschen Theater entstandenen Inszenierung „Der Mensch erscheint im Holozän“. Der Nebel geleitet uns bei Luz an Orte, die es nicht gibt und in Zeiten, die längst vergangen sind oder nie kommen werden. Dafür wurde er in diesem Jahr zum dritten Mal zum Berliner Theatertreffen eingeladen. Und macht in „Girl From The Fog Machine Factory“, das als Koproduktion unter anderem von der Gessnerallee Zürich, der Kaserne Basel und dem Kampnagel Sommerfestival entstand, seine liebsten Nebendarsteller jetzt zu den Stars des Abends.

Es gibt winzige Handnebelmaschinen, die kleine, elegant konzentrierte Wölkchen ausstoßen, es gibt eine mit einem Propeller vorne dran, ein paar tragbare mittelgroße und auch einen fettes Bodennebelgerät namens „Aqua Low Fog Vario 10“, das für die ganz große Einnebellei zum Einsatz kommt. Einmal gibt es sogar Szenenapplaus. Für die Maschinen. Da stoßen zwei von ihnen gleichzeitig zwei ganz zarte, aber erstaunlich konturstarke Dunstkringel aus, die sich fast berühren, scheinbar zueinander hingezogen werden, sich dann aber doch verpassen und dann über den Köpfen der ihnen hinterherblickenden Zuschauer ins Nichts entschwinden, aus dem sie kamen.

Menschen sind auch auf der Bühne, Unzeitgemäße in blauen Overalls, die hier in ihrer Fabrik die Dinge verrichten, die sie immer schon verrichtet haben und die neue Hoffnung schöpfen, als plötzlich ein Gast auftaucht, eine Besucherin im roten Kleid (Fhunyue Gao), die sich für das interessiert, was sonst niemanden mehr interessiert. Sie wird mit einem vierstimmigen Madrigal begrüßt: „Bonjour mon coeur“, und sie ist schnell angesteckt von der eifrigen, kindlichen Experimentierfreude der Mitarbeiter. Die Fabrik kämpft ums Überleben, gefragt ist frischer Wind im Kunstnebelgewerbe. Und also legen sie gemeinsam los: Sie schmecken den Nebel, sie berühren ihn, sie prüfen seine Dichte, seine Standzeit, sein Verwehungsverhalten. Er darf, gemeinsam mit den Ventilatoren, ein Cello und eine Geige bespielen. Er darf auch, in hauchdünnes Plastik gehüllt, zur Bettdecke werden. Vor allem aber darf er tun, was er will. Die Menschen hier sind seine Diener, sie versuchen, ihn zu verstehen, aber nicht, ihn zu beherrschen, weil sie wissen, dass das aussichtslos ist und dass sie ihn damit zerstören würden. Und also reagieren alle einigermaßen ungerührt, wenn es hier und da unerwartet pufft und qualmt.

„Jede Nebelschwade“, sagt der Fabrikdirektor, „ist nur so gut wie die Geschichte, die sich dahinter verbirgt.“ Und diese Geschichte muss gar nicht mal so groß sein. Sie kann sogar nur eine Andeutung sein, wie die Liebesgeschichte, die sich zwischen der Besucherin und einem der Nebelexperten anzubahnen scheint. Selbst das ist nicht sicher. Wie auch sonst nichts an diesem Abend. Er ist eine poetisch-sanfte, leise Hymne an das Vergängliche, an den Moment, an das, was nur vorübergehend sichtbar ist und bei dem man, wenn es verschwunden ist, nie ganz sicher sein kann, ob es überhaupt jemals da war. Und damit natürlich auch ans Theater. Das Thom Luz wie schon oft auch dieses Mal wieder mit sehr viel Musik aufgefüllt hat, es gibt Cello und Geige, Volkslieder und Choräle und erinnert darin sehr an die Inszenierungen von Christoph Marthaler.

Ein ungewöhnlicher Akzent im Festival

Nur knapp 80 Minuten dauert der Ausflug ins Reich des Nebulösen. Das ist genau richtig so, länger trägt ein Abend kaum, der ganz aufs Atmosphärische setzt, tatsächlich hat man gegen Ende bereits den Eindruck, dass die Originalität der Nebel-Nummern-Show nachlässt, dass es anfängt, sich leicht zu schleppen. Unter den eingeladenen Arbeiten setzt diese Inszenierung fraglos einen ungewöhnlichen Akzent. Fast wie versehentlich in die 10er-Auswahl hereingeweht wirkt sie, zwischen dem zehnstündigen Antiken-Projekt eines Christopher Rüping und der Dostojewski-Aneignung eines Sebastian Hartmann, in ihrer versponnenen Luftigkeit und ist gerade deshalb goldrichtig hier.

Der Abend ist eine poetisch-sanfte, leise Hymne an das Vergängliche, an den Moment, an das, was nur vorübergehend sichtbar ist.