Komische Oper

Psychogramm eines Kinderschänders

Barrie Kosky bringt „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ auf die Bühne der Komischen Oper und vergreift sich.

Träume eines Kinderschänders: An der Komischen Oper wird Bariton Scott Hendricks in der Rolle des Mörders von jungen Mädchen bedrängt

Träume eines Kinderschänders: An der Komischen Oper wird Bariton Scott Hendricks in der Rolle des Mörders von jungen Mädchen bedrängt

Foto: Reto Klar / Funke Foto ServicE

Die neue Produktion an der Komischen Oper geht auf den legendären Film „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ von Fritz Lang zurück. In der Vorlage von 1931 wird ein Kindermörder von der Berliner Polizei und der Unterwelt gejagt. Der vom 26-jährigen Peter Lorre gespielte Mörder war eine Überraschung in diesem frühen Tonfilm: M hat keine Täterfratze, ist kein Monster, sondern offenbart am Ende ein kindlich unschuldiges Gesicht, das die Welt nicht mehr versteht. An dieses Schlussbild knüpfen Komponist Moritz Eggert und Regisseur Barrie Kosky in ihrer Bühnenfassung an und versuchen im Rückblick das Psychogramm eines Kinderschänders auf die Bühne zu bringen. Sie verheben sich.

Verantwortungen von Opfern und Tätern vertauscht

Es ist eine moralisch hanebüchene Produktion. In einer Szene wird der Kindermörder von jungen Mädchen befummelt, bedrängt, ja gejagt. Was auch immer die Szene aus den Innenwelten eines Außenseiters offenbaren soll, von dieser affirmativen Darstellung ist es nicht mehr weit zur Argumentation, junge Mädchen sind selber schuld, wenn sie kurze Röcke tragen. Im Stück werden missverständlich Verantwortungen von Tätern und Opfern vertauscht.

Moritz Eggert hat mit „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ keine Oper geschrieben. Wie auch die vergleichbare „Dreigroschenoper“ keine Oper ist, selbst wenn es der Titel verspricht. Es handelt sich bei dem neuen Stück eher um ein Musical. Eggert, ein erfolgsverwöhnter Reaktionär unter den zeitgenössischen Komponisten, weiß die eindreiviertel Stunden Aufführungsdauer mit eingängigen Musiknummern und Geräuschen zu füllen. Seine lautstark auftrumpfende Klangcollage verbindet gekonnt Oper à la Puccini mit Alban Berg und dem politischen Songstil der 20er-Jahre. Es gibt Klangflächen, elektronisch sterile Sinustöne und Choralartiges. Die Unterwelt tanzt zu Jazz, der Mörder singt Kinderlieder. Was wirklich gespenstisch klingt.

Mit Gedichten von Satiriker Walter Mehring angereichert

Generalmusikdirektor Ainars Rubikis hat in seinem Orchestergraben auch Drumsets, E-Gitarre, E-Bass und Synthesizer-Sampler für Sounds aus den 80er-Jahren zu verwalten. Der Begriff Live-Musik ist relativ bei dem Surround-Sound im Zuschauerraum. Aber das ganze akustisch-musikalische Zusammenspiel zwischen Bühne und Graben macht Eindruck. Auf der Bühne wird die Filmhandlung nachvollzogen, der knappe Urtext ist durch Gedichte des Berliner Schriftstellers Walter Mehring, einem bedeutenden Satiriker der Weimarer Republik, angereichert. Angeprangert wird in „Die Arie der großen Hure Presse“ etwa die Hysterie der Täterjagd, in der sich auch Nachrichtensprecher voller Zynismus präsentieren. Aber eigentlich gibt es in Koskys surrealer Bühnenwelt nur einen Handelnden. Der handfeste Bariton Scott Hendricks spielt und singt M, den Mörder. Im Gegensatz zu Peter Lorre zeigt er aber kein unschuldiges Gesicht. In der Kneipenszene singt Hendricks das von Moritz Eggert verfremdete Kinderlied „O du lieber Augustin“ mit bestürzender Gewaltlust.

Umgeben ist der Einzelgänger von einer Welt voller Zwerge, die mal auf und mal unter einem Gerüst agieren oder Faltwände für bestimmte Szenen aufziehen. Es handelt sich aus Sicht des Mörders wohl um geistige Zwerge, die ihn nicht verstehen können und als Außenseiter verfolgen. Kosky hat Kinderdarsteller mit Masken versehen. Die Masken zeigen erwachsene Menschen, ob Hausbewohner, Kriminelle oder Polizisten. Sie agieren mit kindlichen Bewegungen. Das ist putzig anzuschauen, aber die Idee nutzt sich schnell ab. Überhaupt hat das Bühnenstück einige Längen. Alle Figuren sind von der Szene entfremdet, die Stimmen kommen aus dem Off, sowohl Sopranistin Alma Sadé und Tenor Tansel Akzeybek als auch die Schauspieler Emilia Giertler, Noelle Haesling, Laura Kiehne, Max Haase, Jan Eric Meier und Daniel Warland treiben die Handlung eher wie bei einem Hörspiel voran.

Der Kinderchor bringt seine klingende Unschuld ein

Das Pfund, mit dem die Komische Oper bei dieser Uraufführung wuchern kann, ist der Kinderchor. Er ist die wunderbar klingende Unschuld im düsteren Geist. Es hat sich ausgezahlt, den Chor über Jahre hinweg mit Kinderoper-Produktionen im großen Haus zu profilieren. In „M - Eine Stadt sucht einen Mörder“ präsentieren sich die Mädchen und Jungen stimmstark und auf der Bühne ebenso spielgewandt. Der Kinderchor wird am Ende bejubelt, ebenso Hauptdarsteller Scott Hendricks und das Orchester. Regisseur Barrie Kosky erhält zumindest keine Buhs, die bekommt Komponist Moritz Eggert. Die Produktion wird vermutlich ein Flop am Haus werden.