Theaterkritik

Tristan und Isolde oder Luft! Luft! Mir erstickt das Herz!

Die Theaterpremiere in den Sophiensälen: Musikvideochoreografien werden parodiert und Rammstein gecovert.

Tristan und Isolde in den Sophiensälen

Tristan und Isolde in den Sophiensälen

Foto: THILO MOESSNER COPYRIGHT

In den Sophiensälen gab es am Freitagabend eine Wagnerpremiere, von der man gern wüsste, wie der Komponist selbst sie aufgefasst hätte. „Tristan und Isolde oder Luft! Luft! Mir erstickt das Herz!“ heißt die Koproduktion in der Regie von Julia Lwowski. Beteiligt sind das Musiktheaterkollektiv Hauen und Stechen und das Theater HORA aus Zürich, ein professionelles Schweizer Theater, dessen sämtliche Ensemblemitglieder eine geistige Behinderung haben.

Unkonventionelle Herangehensweise

Hier deutet sich schon die Herausforderung beziehungsweise eine unkonventionelle Herangehensweise an. Laut Programmkärtchen wird Wagners Oper mit dieser Aufführung aus ihrem „hochkulturellen Korsett“ befreit, was immer das sein soll. Man könnte auch sagen, sie wird weitgehend unkenntlich gemacht. Denn dass und warum Wagners Sagenvertonung hier zur Grundlage genommen wurde, ist eher nebensächlich oder kaum offensichtlich.

Natürlich ist mit Wagner ein Soundtrack da. Hauptsächlich werden Auszüge der Partitur an Klavier und E-Piano gespielt, bearbeitet, verarbeitet, verwurstet. Einige Arien, gesungen von der herrlich mit ihrem Wuchtbrummencharme kokettierenden Vera Maria Kremers und Armands Silinš, bleiben bestehen. Der Rest ist wie alles andere Material, an dem beliebig herumgeknetet werden darf.

Der abgeschlagene Kopf von Isoldes Verlobten landet an der Wäscheleine, genauso wie später ein paar Hakenkreuzlaken. Eine Waschmaschine spuckt Traumschaum auf die Bühne. Plastikplanen werden ausgelegt, es wird Kohl gefuttert, getanzt und gesungen, Morde geschehen. Isolde will nach Moskau fahren, Cosima Wagner hat einen Auftritt im langen Ledermantel mit nichts darunter, Musikvideochoreografien werden parodiert, Rammstein gecovert.

Riesiger Wal als dominierendes Requisit auf der Bühne

Das alles spielt sich vor, unter oder sogar in einem riesigen Wal ab, dem dominierenden Requisit auf der Bühne, Sinnbild der Odyssee, auf die es geht. Wer die zu Grunde liegende Opernhandlung kennt, findet Orientierungsanker im Auf und Ab. Es lohnt aber nicht, die Geschichte hier nachzuzeichnen, denn dem weniger gut Vorbereiteten erschließt sie sich schwerlich, auch wenn die nicht immer gut verständlichen Passagen des Librettos zum Mitlesen auf die große Videoleinwand projiziert werden.

Natürlich, anfangs gehen die Schauspieler mit dem berühmten Todestrank, der eigentlich ein Liebestrank ist, durch die Reihen und bieten jedem davon an. So wird man hineingezogen in den folgenden Reigen, der vielleicht am ehesten an Wagner erinnert, weil er wie dessen unendliche Melodie kaum abreißt, weil eins ins andere fließt und es selten langweilig wird.

Beabsichtigte Gesellschaftskritik bleibt sehr undeutlich

Die lustvolle Operndekonstruktion gebiert viele komische Momente, die beabsichtigte Gesellschaftskritik aber bleibt sehr undeutlich. Dies ist keine Marthaler-Inszenierung, kein Castorfscher Gewaltritt und man muss so etwas ohne Frage mögen.

Einigen wird es in den zwei Stunden bis zur Pause schon zu bunt, so dass sich die Sitzreihen in der zweiten Hälfte etwas gelichtet zeigen. Die anderen vergnügen sich bei Slapstick, Situationskomik und Opern-Trash gar nicht schlecht und fast noch einmal so lange bis zum Finale, zu dem das halbe Ensemble im Walbauch verschwindet.

Weitere Aufführungen sind am 28., 29. und 30. April