Gallery Weekend

Warum Berlin so viel Potential als Kunststandort hat

Zum 15. Mal laden Berliner Galerien zum Rundgang ein. Ein Gespräch mit Direktorin Maike Cruse über die Kunst, erfolgreich zu bleiben.

Maike Cruse wünscht sich mehr Förderung von Künstlern und mehr Mäzenatentum.

Maike Cruse wünscht sich mehr Förderung von Künstlern und mehr Mäzenatentum.

Foto: Reto Klar

Zur 15. Ausgabe des Gallery Weekend präsentieren vom 26. bis 28. April 45 Galerien neue Produktionen. Die Kunstszene bleibt in Bewegung und erschließt sich stets neue Räume – 2019 verstärkt in Charlottenburg. Die immer stärker werdende dortige Galerien-Szene erweitert sich um Meyer Riegger, die Daniel Knorr zeigen, Wentrup mit Florian Meisenberg und David Renggli. Wir haben mit Direktorin Maike Cruse gesprochen.

Berliner Morgenpost: Zum 15. Mal jährt sich das Gallery Weekend. Was war bei Gründung 2005 die Idee dahinter?

Maike Cruse: Der Galerieraum ist für die Galerie und ihre Identität besonders wichtig und außerdem wichtiger Präsentationsort für ihre Künstler. Einige Galeristen, die seit Jahren weltweit auf den Kunstmessen unterwegs waren, wollten die internationale Kunstwelt wieder nach Berlin in die eigenen Räume holen.

Was hat sich seither verändert?

Die Stadt an sich hat sich sehr verändert und mit ihr auch die Kunst- und Galerienszene. Die Galerienszene und damit auch das Gallery Weekend sind gewachsen, 2005 haben wir mit nur etwa 20 Galerien angefangen. Dann sind einige Galerien aus dem Rheinland nach Berlin gezogen, junge Galerien haben eröffnet. Jetzt nehmen jedes Jahr zwischen 45 bis 50 Galerien am Gallery Weekend teil. Gleichzeitig haben sich viele Sammler in Berlin angesiedelt, und junge Leute fangen an, Kunst zu kaufen. Es gibt jetzt einen stetig wachsenden Markt vor Ort.

Das Gallery Weekend zeigt junge und etablierte Künstler. Welche Klassiker werden zu sehen sein?

Das Besondere am Gallery Weekend ist unter anderem die interessante Mischung aus Evergreens und ganz jungen Künstlern. Die Stars tragen natürlich zur internationalen Strahlkraft des Gallery Weekends bei, aber Neuentdeckungen sind genauso wichtig. Dafür steht Berlin. An internationalen Stars werden Fischli/Weiss bei Sprüth Magers, James Lee Byars bei Kewenig, Ernst Wilhelm Nay bei Aurel Scheibler, Ryan Gander bei Esther Schipper und Richard Long bei Konrad Fischer zu sehen sein. Junge vielsprechende Talente sind Sol Calero bei Chertlüdde, Frieda Toranzo Jaeger bei Barbara Weiss, Pieter Schoolwerth bei Krauper-Tuskany Zeidler, Signe Pierce, eine Instagram-Künstlerin und Influencerin, bei Eigen+Art Lab und schließlich Jana Euler bei der Galerie Neu.

Das sind viele Künstlerinnen. In der Vergangenheit wurde das Gallery Weekend als eine Bühne der Männer kritisiert. Ist das eine Antwort darauf?

Wir haben seit Jahren zwischen 30 und 40 Prozent Frauen im Programm. Die Künstlerauswahl beim Gallery Weekend wird nicht kuratiert und ist damit ein Zufallsprodukt. Sie spiegelt daher den gegenwärtigen Zustand. Wenn man die Liste analysiert, erkennt man, dass die etablierten Künstler meistens männlich sind, unter den jungen aufstrebenden Künstlern sind viele Frauen wie etwa Anne Neukamp, Jana Euler, Camille Henrot, Frieda Toranzo Jaeger, Fiona Banner, Anne-Mie van Kerckhoven, Sol Calero. Ich gehe davon aus, dass die Quote bei uns und in den Museen in wenigen Jahren eine bessere ist.

Die Galerienszene zieht jetzt verstärkt nach Charlottenburg. Was steckt dahinter?

Wentrup, Meyer Riegger und Crone haben tatsächlich neue Räume in Charlottenburg bezogen. Grundsätzlich erlebt der Westen derzeit eine regelrechte Renaissance. Während Galeristen und ihre Künstler früher gerne einen klassischen White Cube bespielten, interessieren sie sich nun für Wohnungen mit Haupträumen und kleineren Kabinetten. Die finden sie in Charlottenburg. Viele Galerien ziehen auch gemeinsam um, so dass es alle zehn Jahre zu neuen Konzentrationen kommt. Es gibt jedoch auch Neueröffnungen anderswo: Gregor Podnar in Moabit, die Galerie KOW in der Lindenstraße in Kreuzberg und Konrad Fischer auf der Fischerinsel.

Nach Berlin kommen Künstler aus aller Welt, nur wenige schaffen den Sprung auf den Kunstmarkt. Wer von ihnen wird auf dem Gallery Weekend gezeigt?

Berlin ist nach wie vor Hauptproduktionsstandort für Künstler. Auch beim Gallery Weekend sind viele Berliner Künstler präsent. Dieses Jahr sind etliche darunter, die von hier aus groß geworden sind wie etwa Björn Dahlem, Martin Eder, Jorinde Voigt, Daniel Knorr, Julian Charrière und Sol Calero.

Die Terminlage im Frühjahr wird immer gedrängter. Auf die Frieze in Los Angeles, die Arco in Madrid, die Armory Show in New York, die Art Basel Hongkong und die Art Cologne folgt nun das Gallery Weekend – für Galeristen eine große Herausforderung. Ist das Gallery Weekend dadurch in Gefahr?

Natürlich ist das insgesamt sehr viel für die Galeristen. Aber das Gallery Weekend würden sie vermutlich als Letztes kippen. Die Galeristen sind zu Hause in ihren Räumen, und die gesamte internationale Kunstszene kommt zu ihnen. Für sie ist es damit eine der wichtigsten und schönsten Veranstaltung des Jahres.

Auch die Sammler weltweit pilgern zu den internationalen Kunstevents. Kommen deshalb weniger nach Berlin?

Über das Renommee der Galerien und unsere VIP-Arbeit gelingt es uns, jedes Jahr wieder Hunderte internationale Kunstsammler in die Stadt zu locken.

Berlin hat lange von einer glamourösen Utopie gelebt. Den Standort attraktiv zu halten, ist mittlerweile harte Arbeit. Inwieweit trägt das Gallery Weekend dazu bei?

Das Gallery Weekend ist eine von den Berliner Galerien organisierte Veranstaltung, die maßgeblich dazu beiträgt, den Kunststandort Berlin nachhaltig zu stärken. Die Veranstaltung ist einzigartig und fungiert wie ein Museum für zeitgenössische Kunst, das in der ganzen Stadt verteilt ist

Viele Galerien, die in Berlin zu den Playern auf dem internationalen Kunstmarkt gehörten, mussten in den letzten Jahren aufgeben. Wie schätzen Sie das Potenzial von Berlin als Kunststandort ein?

Das Potenzial ist hoch. Die Künstler leben hier, deswegen können die Galerie auch so gute Arbeit leisten. Aber sie sind auf den internationalen Markt angewiesen, und das ist zum Teil sehr aufwendig. Wenn Berlin Produktionshauptstandort bleiben will, muss die Stadt den Kunstmarkt und die jungen Galerien fördern. Das wäre auch die beste Künstlerförderung, denn eine Galerie fördert einen Künstler nicht punktuell, sondern ein Leben lang.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Gallery Weekends?

Dass es mit dem Galerienstandort in Berlin weitergeht, dass neue junge Galerien aufmachen und so wachsen, dass wir sie beim Gallery Weekend integrieren können, dass es mehr Berliner Sammler gibt, die hier vor Ort kaufen und man nicht mehr nur auf internationale Kaufkraft angewiesen ist, dass es wie im Rheinland mehr Mäzenatentum in Berlin gibt.

Weitere Informationen zum Gallery Weekend im Netz unter www.gallery-weekend-berlin.de