Konzertkritik

Slime beweisen im Astra-Kulturhaus: Sie werden gebraucht

Die AfD hat schon versucht, Auftritte der Band zu verbieten - vergeblich. In Berlin zeigten sie ihre Aktualität.

Dirk Jora (M.) mit seiner Band "Slime"

Dirk Jora (M.) mit seiner Band "Slime"

Foto: Viktor Schanz / dpa

Slime sind kein bisschen gealtert. Das will etwas heißen bei einer Band, die beanspruchen kann, eine der ersten und besten Punkbands Deutschlands zu sein, gegründet bereits 1979. Eine richtige Punkband. Die Ärzte mögen genialen Fun-Punk kultivieren. Die Toten Hosen sich mit Mainstreamrock wichtigmachen. Slime aber sind Punkrockmeister der ursprünglichen Sorte, erfreuen ihre Hörer nicht nur mit satten Gitarren und schnörkellosen Drums, sondern auch mit kompromisslosen politischen Texten.

Am Sonnabend gab es Gelegenheit, sie ausgelassen mitzugrölen. Slime traten im Astra Kulturhaus auf und vom Kreuzberger Punkurgestein bis zum Friedrichshainer Szenejungspund waren Hunderte angetreten, um sich ordentlich etwas auf die Ohren geben zu lassen. Soviel steht fest: Enttäuscht wurde niemand.

Beeindruckend frisch ist der Sound von Slime geblieben, druckvoll, melodisch. Hier und da einmal mit Reggaeanleihen durchsetzt, wie bei dem ausnahmsweise auf Englisch gesungenen Titel „Artificial“. Sänger Dirk Jora versprüht eine bemerkenswerte Energie und hat sogar darauf verzichtet, einen Bierbauch anzusetzen. Seine ungezwungene direkte Art, mit dem Publikum zu kommunizieren, macht ihn sehr sympathisch. Ein blonder Strubbelkopf mit Grips.

Hannah Arendt vertont nicht jeder

Genau das unterscheidet Slime von einigen ihrer Genrekollegen. Dummbrote sind sie gewiss nicht. Hannah Arendt oder Erich Mühsam vertont nicht jeder, geschweige denn kennt sich mit deren Werk aus. Slime reduzieren ihre Botschaften ganz punkrockmäßig auf schlagkräftige Refrainzeilen und treffen den Nagel doch verlässlich auf den Kopf.

Argumentativ auf der Höhe der Zeit, das ist es wohl, was mehrere Wiedervereinigungen der Band nach ebenso vielen Trennungen immer wieder angeschoben hat. Auf Slime ließ sich schwer verzichten. Leider, meint die Band selbst. „Mir wär’ es lieber, unsere Lieder wären nicht mehr aktuell“, singt Jora zu Beginn. Doch das ist nicht der Fall.

„Demokratie, die klappt wohl nie“ bleibt hochaktuell

Beispiele gefällig? „Demokratie, die klappt wohl nie“, könnte das nicht ein Kommentar zum Brexit sein? „Religion hat Millionen von Menschen getötet, doch die Kirchen sind immer noch voll“ - ein ewig gültiger Ostergruß? Und man glaubt kaum, wie alt dieser Song schon ist, der doch geradezu auf eine noch recht junge Partei der Bundesrepublik zugeschneidert erscheint: „Braune Ratten kriechen aus ihren Löchern, um die Freiheit einzuäschern“. Dass die AfD tatsächlich schon versucht hat, Konzerte von Slime zu unterbinden, beweist mustergültig, wie richtig die Band liegt. Mehr als einem lieb sein kann.

Slime haben sich nie vereinnahmen lassen, kotzen sich über Nazis genauso aus wie über „linke Spießer“ und „Bullenschweine“. Letzteres Lied wurde sogar auf den Index gesetzt, absurderweise über zwanzig Jahre nach Erscheinen. Eine gute Portion Anarchie liefern Slime immer gern frei Haus.

Wenn die Hamburger überhaupt ein Vorbild akzeptieren, dann höchstens den Seeräuber „Störtebeker“. Sie gehört zu den Evergreens der Band, die Hymne auf diesen Unbeugsamen, der sich nicht fügte. „Sich fügen heißt lügen“, und sich zu fügen war das Geschäft von Slime noch nie. Stattdessen benennen, beschreien sie die Lügen unserer Zeit. Die Band wird nach wie vor gebraucht.