Berliner Philharmonie

Aida Garifullina springt für erkrankte Anna Netrebko ein

Anna Netrebko litt an einer Kehlkopfentzündung, doch die Russin Aida Garifullina rettete den Abend in der Philharmonie.

Aida Garifullina sprang für die erkrankte Anna Netrebko ein.

Aida Garifullina sprang für die erkrankte Anna Netrebko ein.

Foto: Maurizio Gambarini

Berlin. Gewusel und Gedränge in der Philharmonie. Aufregung um einen Superstar: Sopranistin Anna Netrebko fällt sehr kurzfristig wegen einer Kehlkopfentzündung aus. Wer nun möchte, kann sich 30 Prozent des Ticketpreises von der Staatsoper zurückerstatten lassen. Und das möchten ziemlich viele. Denn Einspringerin ist Aida Garifullina – auch eine Russin, aber im Vergleich zur Netrebko fast noch unbekannt. Außerdem: Exklusiv wirkt Garifullinas Auftritt keineswegs.

Bereits am vergangenen Wochenende war sie nämlich mit der Staatskapelle unter Barenboim zu erleben gewesen. Bei der Premiere von Prokofieffs Oper „Hochzeit im Kloster“, ebenfalls im Rahmen der Barenboim-Festtage.

Garifullina ist die Retterin des Abends

Doch genug der Klage: Garifullina ist immerhin die Retterin des Abends. Tapfer fügt sie sich ins Verdi-Highlight-Programm der ersten Konzerthälfte ein. Allerdings nicht ohne Änderungen: Statt der geplanten drei Netrebko-Arien aus „Nabucco“ und „Aida“ singt Garifullina nun drei andere Verdi-Nummern – zweimal „Rigoletto“ und einmal „La Traviata“.

Und natürlich bleiben sie nicht aus, die künstlerischen Vergleiche mit Anna Netrebko. Wobei von vornherein klar ist: Netrebkos Stimme befindet sich in einem anderen Stadium, ist in den letzten Jahren immer mehr in die Breite und Tiefe gewachsen. Sie hat mehr Volumen, mehr Farben, mehr dramatisches Potenzial hinzugewonnen.

Garifullina ist dort, wo Netrebko am Anfang ihrer Karriere stand

Garifullina dagegen befindet sich eher dort, wo Netrebko am Anfang ihrer Karriere stand. Mit zwei wesentlichen Unterschieden: Garifullinas Stimme wirkt schlanker, leichter, heller. Und sie tendiert zum Koloratur-Sopran – was auch Garifullinas beiden Arien der Gilda aus „Rigoletto“ beweisen. Obwohl die junge Sängerin hier noch nicht frei von Druck und Lampenfieber scheint. Souveräner und nachhaltig berührend dann ihre vom Tode gezeichnete Violetta in der „La Traviata“-Arie „Addio del passato“.

Ansonsten bringt dieser Abend vor allem eines: einen Barenboim zwischen Routine und gelegentlichen Genialitätsblitzen. Einen Barenboim, der Verdis Vorspiele zur „Sizilianischen Vesper“ und zur „Macht des Schicksals“ auf maximalen Publikumseffekt bürstet. Umso kontrastreicher der Verdi nach der Pause: Intim und herzerwärmend lässt Barenboim hier Rundfunkchor und Staatskapelle durch die „Quattro pezzi sacri“ gleiten. Und das Publikum? Es hat reichlich Gelegenheit zum Zurücklehnen und Dahinträumen.