Neu im Kino

Elyas M’Barek deckt einen Justizskandal auf: „Fall Collini“

Marco Kreuzpaintner hat Ferdinand von Schirachs Roman verfilmt. Dabei ist die Besetzung mit Elyas M’Barek höchst sinnig gewählt.

Der Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek, r.) soll den Mörder Fabrizio Collini (Franco Nero) verteidigen. Doch der schweigt beharrlich.

Der Anwalt Caspar Leinen (Elyas M’Barek, r.) soll den Mörder Fabrizio Collini (Franco Nero) verteidigen. Doch der schweigt beharrlich.

Foto: dpa

Die Justiz ist ein höchst kompliziertes Metier, für den Laien eine Terra Incognita, kaum verständlich mit all seinen Paragrafen und seinem Bürokratendeutsch. Einer, der es versteht, das verwirrende Rechtssystem doch ein wenig allgemeinverständlicher zu machen, ist Ferdinand von Schirach.

In Büchern wie „Schuld“ oder „Verbrechen“ hat der praktizierende Strafverteidiger einzelne Fälle aus seiner Praxis so anschaulich beschrieben, dass sie zu Bestsellern wurden.

Und mit seinem Romandebüt „Der Fall Collini“ hat er es sogar geschafft, einen alten, völlig vergessenen Justizskandal wieder in Erinnerung zu rufen: die Erlassung des sogenannten Dreher-Gesetzes von 1968, von Alt-Nazis in der bundesrepublikanischen Justiz eingefädelt, durch das Tausende von Verbrechen aus der Nazi-Zeit nicht mehr geahndet werden konnten.

Schirach hat um das reale Gesetz herum einfach, aber höchst effektiv eine fiktive und sehr emotionale Geschichte konstruiert: die eines jungen Rechtsanwalts, der noch ganz frisch im Talar ist, der noch keinerlei Erfahrung hat und mit dem sich der Leser deshalb sofort identifizieren konnte.

Dieser junge Mann namens Caspar Leinen kommt gleich bei seinem ersten großen Fall in einen Gewissenskonflikt: Er soll in Berlin als Pflichtverteidiger einen Mörder vertreten, muss allerdings feststellen, dass der Angeklagte Fabrizio Collini just den Mann ermordet hat, der wie ein zweiter Großvater zu ihm war und in dessen Prachtvilla er quasi mit aufgewachsen ist.

Gewissenskonflikt gleich beim ersten großen Fall

Normalerweise müsste man einen solchen Fall aus Befangenheit gleich wieder abgeben, aber da ist die Häme, dass keiner Casper den Job zutraut. Und der Verdacht, dass man ihm überhaupt nur deshalb den Fall anvertraut hat. So ist der junge Anwalt angespornt, den Fall fortzuführen. Wofür er in der Vergangenheit des Toten recherchiert. Und nicht nur Kriegsverbrechen aufdeckt, sondern einem der größten Justizskandal der Bundesrepublik auf die Spur kommt: eben jenem Dreher-Gesetz.

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Nun ist der Erfolgsroman verfilmt worden. Und auch der Film sucht die größtmögliche populäre Umsetzung. Bis in die Nebenrollen ist er hochkarätig besetzt, mit Franco Nero als Collini sitzt sogar ein Weltstar auf der Anklagebank. Und die Hauptfigur des jungen Verteidigers wird von Elyas M’Barek, dem Star aus den „Fack ju Göhte“-Filmen, gespielt.

Der war bislang hauptsächlich im Komödienfach aktiv, „Der Fall Collini“ ist seine erste Hauptrolle in einem Drama. Eine tiefsinnige Besetzung, weil das zum einen Publikumsmassen und wohl auch jüngere Zuschauer garantiert, zum anderen aber auch gut zu der Rolle passt: einer, der neu ist in diesem Metier und sich beweisen muss.

Interessante Wendung durch die Besetzung

Auch M’Barek muss mit diesem Caspar zeigen, dass er nicht nur den Kasper kann. Im Roman kommt seine aus einer reichen Familie, auf Augenhöhe mit dem ermordeten Ziehgroßvater (Manfred Zapatka). Im Film aber kommt er aus einfachen Verhältnissen und hat auch einen Migrationshintergrund: Der Film-Casper ist ein Underdog, der sich durchkämpfen muss. Das gibt dem Film eine interessante zusätzliche Note.

Leider hat Regisseur Marco Kreuzpaintner es nicht dabei belassen. Als müsste man den Fall so peppig wie möglich aufbereiten, wird der Anwalt der Gegenseite (Heiner Lautenbach) in seiner Eitelkeit und Arroganz so überzeichnet, dass er zur Karikatur wird. In einer Rückblende werden außerdem schlimmste Hollywood-Naziklischees erfüllt. Und das Ende wird so kitschig in Szene gesetzt, dass das dem Aufklärungsduktus der Vorlage eigentlich zuwiderläuft.

Aber gleichwohl: Dass sich ein deutscher Mainstreamfilm mal an ein solches Thema wagt, ist sehr zu begrüßen. Und auch wenn der Skandal um das Gesetz längst verjährt ist, die Geschichte um Schuld und Verdrängung und vor allem um rechte Umtriebe sind heute wieder hochaktuell.

Drama D 2019 120 min., von Marco Kreuzpaintner, mit Elyas M’Barek, Franco Nero, Alexandra Maria Lara, Heiner Lauterbach, Manfred Zapatka, Rainer Bock, Jannis Niewöhner.

(ZDR)