Neu im Kino

Eine Frau steht in Moskau ihren Mann: „Ayka“

„Ayka“ ist ein so kühler wie kluger Film über eine kühne Kämpferin im kalten Kapitalismus. Dafür gab es in Cannes eine Auszeichnung.

Kämpft für ihren Traum: Ayka (Samal Yeslyamova).

Kämpft für ihren Traum: Ayka (Samal Yeslyamova).

Foto: mm filmpresse

Moskau ist ein hartes Pflaster. Besonders im Winter, wenn Schneemassen die Stadt in einen unwegsamen Moloch verwandeln. Trotzdem möchte die 25-jährige Kirgisin Ayka (Samal Yeslyamova) genau hier sein. Sie hat viel Geld dafür bezahlt, hierher zu kommen.

Geld, das sie gar nicht hat und das sie nun ominösen Männern schuldet, vor denen sie sich mehr schlecht als recht verbirgt. Und das mangelnde Geld ist nicht das einzige Problem: Sie hat soeben ein Kind entbunden und in der Geburtsklinik zurückgelassen.

In der erzwungenen Auszeit hat sie ihren Job verloren und braucht nun dringend einen neuen, doch ist ihr Arbeitserlaubnis längst abgelaufen. Noch blutend von der Geburt und wachsenden Schmerzen in der milchenden Brust schleppt sie sich durch Moskau auf der Suche nach Arbeit. Bereit zu allem, sei es putzen, Hühner rupfen oder Schnee schaufeln. Ihr Körper macht nicht alles mit, aber ihre Entschlossenheit, ihre Chance in Moskau zu nutzen, scheint ungebrochen.

Der russische Filmemacher Sergei Dvortsevoy hat mit „Ayka“ einen auf den ersten Blick wunderbar einfachen Film gedreht: Er folgt seiner Hauptdarstellerin einfach mit der Kamera von einer Station zur nächsten, vom Krankenhaus zum Horror-Job bis zu ihrer Unterkunft in einer heruntergekommenen Altbauwohnung.

Der Blick ist kühl beobachtend, aber weil man als Zuschauer den ganzen Film über in der intimen Nähe der stöhnenden, schnaufenden, aber nie klagenden Heldin verbringt, verliert sich die Objektivität bald.

Man wird hineingezogen in das Schicksal von Ayka, man fiebert mit ihr regelrecht mit: Wird sie es schaffen, rechtzeitig zu dem Job-Angebot zu erscheinen? Wird sie das Geld zusammen kriegen? Wird sie je als Schneiderin arbeiten, was offenbar ihr Plan war? Natürlich ist auf den zweiten Blick nichts an diesem Film wirklich einfach.

Man kann sich dem Film nicht entziehen

Dvortsevoy ist es gelungen, seine Heldin gleichsam dokumentarisch inmitten des Moskauer Schneechaos zu filmen. Aber was seine Kamera vorgeblich zufällig aufschnappt, ist eine so kühle wie kluge und in jeder Minute interessante Verdichtung der sozialen und ökonomischen Praktiken in Russlands Hauptstadt. Ein Kapitalismus mit kaum mehr menschlichem Antlitz: Ausbeutung, Korruption und zwischendurch ein Motivationskurs, wie man es sonst nur aus den USA kennt: „Denke und werde reich!“

Drama RUS/D/PL 2019 114 min., von Sergey Dvortsevoy, mit Samal Yeslyamova, Zhipargul Abdilaeva, David Alavverdyan