Zu spät zu kommen, das hasst Aida Garifullina. Die 31-jährige Sopranistin überlässt nicht gerne etwas dem Zufall, höchstens, wenn dieser Zufall gekonnt inszeniert ist: Ihre frühlingshaft durchmischte Kleidung mit Lederhose, Pullover und rockiger Jacke ist solch ein gekonnt arrangierter Zufall. Auf Instagram kann man wenige Stunden später bereits ein bestens ausgeleuchtetes Foto von Garifullina aus der sonnigen Berliner Innenstadt sehen. Die gut aussehende Sopranistin ist eben nicht nur ein Opern- sondern auch ein Internetstar.

In der Premiere von Prokofjews Komödie „Die Verlobung im Kloster“ debütierte am Sonnabend an der Staatsoper Unter den Linden. Am Ende wurde sie vom Publikum bejubelt. Die Sängerin gilt als extrem fleißig und weiß auch mit dem Stress vor großen Auftritten umzugehen – sonst hätte sie vermutlich im letzten Sommer nicht vor einem Milliardenpublikum die Fußball-WM in Russland musikalisch eröffnet. Während ihres Singens gemeinsam mit Robbie Williams sei sie stolz gewesen, sagt sie, nervös eigentlich nur vorher.

Wien ist die neue Heimat der gebürtigen Tatarin

Von Deutschland kenne Aida Garifullina eigentlich eine andere Seite, nicht dieses mondäne Berlin – wobei die Sopranistin nicht mondän, sondern „fesch“ sagt, ein Wort aus ihrer neuen Heimat Wien, denn dort lebt die gebürtige Tatarin seit ihrer Zeit als Ensemblemitglied der Wiener Staatsoper. Mit 17 allerdings kam sie erst einmal nach Nürnberg – aus ihrer Heimatstadt Kasan, 800 Kilometer östlich von Moskau gelegen. Als sei es gestern gewesen, spricht sie über ihre erste Zeit in Deutschland vor rund 15 Jahren. „Es war eine sehr schwierige Zeit für mich. Ich konnte auch keine Fremdsprache – kein Deutsch, und mein Englisch war auch schwach“, erinnert sich Aida Garifullina in einem fast akzentfreien Deutsch – sie ist eben Sängerin, und wiewohl sie auch heute noch manchmal nach deutschen Worten suchen muss, beherrscht sie die Aussprache lupenrein.

Professionell eben. Und sehr gründlich. Auch für Nürnberg hatte sie eine durch sich selbst und ihre Eltern klar definierte Aufgabe: an der dortigen Musikhochschule zu studieren. Dass sie damit sofort anfing, habe sie auch vor zuviel Heimweh bewahrt. „Ich bin Kind einer tatarischen Familie“, sagt Aida Garifullina, als ob dies eigentlich schon alles sagen würde. Die Familie, das scheint für sie kaum erwähnenswert, ist der Mittelpunkt im Leben eines Mädchens aus Kasan: „Das bedeutet sehr viel. Immer umgeben von Mamas Liebe und Mamas Frühstück. Ich habe eine sehr gute Familie, wir stehen uns alle sehr nah. Für mich war es ein großer Schritt, in ein fremdes Land zu fahren, alleine.“ Auch wenn der Vater in Kasan als Arzt arbeitete, konnten die Eltern Flüge zwischen Nürnberg und der tatarischen Hauptstadt nicht finanzieren, Aida – der Name ist weniger mit der Opernfigur als mit dem arabischen Wort für „Geschenk“ verbunden – war auf sich selbst gestellt, auf ihr Talent und ihren Fleiß.

Lächeln ist die Geheimwaffe aller Gesangssolisten

Geholfen hat ihr sicherlich das innere Lächeln, die Geheimwaffe aller herausragenden Gesangssolisten. Aus Aida Garifullinas Augen sprüht dieses Lächeln. „Ich liebe es, meine Familie und meine Freunde zum Lachen zu bringen! Das Komödiantische ist in mir drin.“ Und sie liebt es, Komödien auch zu spielen, nicht nur zu singen. Beides kann sie nun in der Inszenierung der selten gespielten Oper „Die Verlobung im Kloster“. Angesichts des 1946 in einer für den Komponisten schwierigen Zeit entstandenen Stückes habe Dirigent Daniel Barenboim seinen Sängerinnen und Sängern, fast durchgehend russische Muttersprachler, zunächst einmal eine dreibändige russische Biografie des im Stalinismus drangsalierten Prokofjew zukommen lassen. Um das Stück zu durchdringen, sollen die Sänger bestmöglich vorbereitet sein. „Das Stück ist sehr klassizistisch, die Inszenierungen sind meistens vorhersehbar, aber hier hat der Regisseur Dmitri Tcherniakov etwas sehr Überraschendes gemacht – er hat das Stück auf den Kopf gestellt.“

Für Aida Garifullina ist es nicht die erste Begegnung mit Prokofjew auf der Opernbühne. Am berühmten Mariinsky-Theater in Sankt Petersburg, ihrer zweiten künstlerischen Heimat neben der Wiener Staatsoper, hat Garifullina vor einiger Zeit die Natascha in „Krieg und Frieden“ gesungen, unter dem Star-Dirigenten Valeri Gergiew und dem auch in Berlin bekannten britischen Regisseur Graham Vick. Es war keine Kleinigkeit, sagt sie, aber eine schöne Erfahrung. „Ich war fast vier Stunden auf der Bühne, habe viel gesungen, viel gespielt. Ich habe viel gelernt von Prokofjew – es gibt viele Nuancen, Rhythmus und Tonart ändern sich ungefähr alle vier Takte. Danach hat Maestro Gergiew gesagt: Ich bin glücklich, dass du die Musik so genau studiert hast.“

Barenboim will ihr eine Repertoireliste erstellen

Eineinhalb Monate hat Aida Garifullina damals mit dem Lernen ihrer Partie zugebracht. Für Barenboims Produktion der „Verlobung im Kloster“ hatte sie nun weniger Zeit – aber mehr Erfahrung. Die will übrigens auch Daniel Barenboim noch vergrößern: „Der Herr Barenboim hat mir vor ein paar Tagen gesagt, ich sollte mehr deutsche Lieder singen. Er hat mir versprochen, mir eine Repertoireliste zusammenzustellen. Speziell für mich.“

Deutsche Kunstlieder baut Garifullina schon heute nicht selten in ihre hoch gehandelten Solo-Recitals in Wien und anderswo auf der Welt ein. Denn deren spezielle, sprachnahe Interpretation hat sie von der Pike auf gelernt: beim Studium in Nürnberg beim deutschen Heldentenor Siegfried Jerusalem. Den einstigen Bayreuther Siegfried trifft sie zur Zeit regelmäßig im Treppenhaus der Staatsoper wieder, denn der mittlerweile fast 79-jährige Jerusalem ist für seine alten Fans noch einmal in Wagners „Meistersingern“ in der kleinen Rolle des Balthasar Zorn zu erleben. „Vor 12 Jahren habe ich beim Siegfried Jerusalem studiert und jetzt singen wir beide in der Berliner Staatsoper gleichzeitig als Kollegen. Das macht mich glücklich.”

Staatsoper Unter den Linden, Mitte. Tel. 20354555 Termine: 17. und 22.4. sowie 21., 28., 30.12.