Neu im Kino

Mythischer Elf als Sinnbild für Ausgrenzung: „Border“

Der schwedische Film „Border“ ist ein einziger Grenzgang zwischen den Genres. Und erzählt von der Ausgrenzung von Minderheiten.

Im schwedischen Film „Border“ lernt Tina durch Vore ihre eigene Identität kennen – und entdeckt ihre Sexualität.

Im schwedischen Film „Border“ lernt Tina durch Vore ihre eigene Identität kennen – und entdeckt ihre Sexualität.

Foto: Wild Bunch

Der Elf ist ja ein wenig aus dem Bewusstsein entschwunden. Einst spielte er nicht nur in der nordischen Mythologie eine große Rolle, sondern auch in der klassischen Literatur, sei es in Shakespeares „Sommernachtstraum“ oder in Goethes „Erlkönig“. Heute fristet er nur noch ein Nischendasein in der Fantasy-Sparte, etwa als Elbe in Tolkiens „Herr der Ringe“-Trilogie. Aber nun kehrt er mit dem herausragenden schwedischen Film „Border“ (Gräns), der am Donnerstag in unsere Kinos kommt, zurück. Ganz im Hier und Heute angesiedelt. Und als Sinnbild für vielerlei.

Dabei hadert die 40-jährige Grenzbeamtin Tina (Eva Melander) lange mit sich. Mit ihrer Stirnwulst, ihrem schielenden Blick, den hervorstehenden Zähnen und überhaupt ihrer verwachsenen Gestalt fühlt sie sich selbst hässlich und ausgestoßen. Die Menschen meiden sie, haben Angst vor ihr. Weshalb sie abgelegen im Wald wohnt, wo sie gern barfuß übers Moos wandelt oder an abgelegen Seen abtaucht. Und wo Fuchs und Elch, ganz anders als die Menschen, ihre Nähe suchen.

Wo Fuchs und Elch dir Gute Nacht sagen

Auf der Arbeit immerhin wird sie respektiert. Weil sie buchstäblich den richtigen Riecher, ein geradezu animalisches Gespür hat und Schuld, Scham oder Wut wittern kann. An der Zollstation am Fährhafen weiß sie genau, wer Alkohol aus Dänemark schmuggelt. Sie erschnüffelt sogar, dass ein Anzugträger einen Chip mit Kinderpornos bei sich trägt.

Weshalb die Polizei sie bittet, ihr bei Ermittlungen gegen einen Pädophilenring behilflich zu sein. Aber trotz ihrer Gabe bleibt sie ein Freak. Und wird auch so behandelt.

Das abgeschottete Leben, in dem diese Frau sich eingerichtet, in das sie sich zurückgezogen hat, gerät aber mit einem Mal ins Wanken, als ihr am Zoll eines Tages ein Reisender gegenübersteht, der ihr irritierend ähnlich sieht.

Und erstmals scheint sie hier ihr Näschen, ihre Gabe zu trügen. In einer Leibesvisitation wird bei Vore (Eero Milonoff) nichts Widerrechtliches gefunden. Der Grenzkollege ist nur betreten, dass der Mann keinen Penis, sondern eine Scheide hat.

Irritierende Selbsterkenntnis

Tina ist irritiert. Und angezogen zugleich von diesem Fremden, der auch eine Narbe am Steißbein hat, an derselben Stelle wie sie.

Sie sucht seine Nähe. Auch er ist äußerst naturverbunden, auch er fühlt sich den Tieren näher als den Menschen. Und schließlich führt er sie zu der Erkenntnis, dass sie nicht die ist, die sie zu sein glaubte. Eine irritierende, dann aber befreiende Selbstfindung über die eigene Identität und – auch das – das wirkliche Geschlecht. Aber das ist nicht etwa schon das Ende, immer wieder zaubert der Film eine weitere, überraschende Wendung aus dem Ärmel.

Dabei ist der Titel des Films Programm. „Border“ ist eine einzige Grenzüberschreitung. So wie die Hauptfigur nicht genau weiß, wer und was sie ist, so kann man auch den Film von Ali Abbasi keinem klaren Genre zuordnen. Mal ist er Liebesfilm, mal Märchen, dann wieder Krimi, sogar mit Abstecher zum Horrorfilm, vor allem aber das Coming-Out-Drama einer Transsexuellen. Und immerzu trifft sozialer Realismus dabei auf magischen Realismus, Realität auf Imaginäres.

Nicht von ungefähr erinnert „Border“ ein wenig an „So finster die Nacht“, den schwedischen Kultfilm von 2008 über einen lesbischen Vampir: Beide basieren auf einem Roman von John Ajvide Lindqvist , bei beiden hat der Autor das Drehbuch selbst mit entwickelt.

20 Kilo zugelegt, vier Stunden am Tag in der Maske

Für die Verfilmung ging Regisseur Abbasi quasi den ganzen Schauspielerkatalog Schwedens durch und fand seine Idealbesetzung der komplexen Hauptfigur schließlich in Eva Melander, die für diese Rolle 20 Kilo zulegte und jeden Drehtag vier Stunden lang in der Maske sitzen musste. Und doch weiß sie durch all die Maskenschichten hindurch mehr Nuancen anzudeuten, als mancher Schauspieler mit blankem Gesicht.

Wiewohl „Border“ sein Publikum immer wieder herausfordert und manchen Zuschauer auch überfordern könnte, hat der Film einen spektakulären Siegeszug hinter sich: In Cannes gewann er vergangenes Jahr den Preis in der Nebenreihe Un certain Regard gewonnen, für sein Make-Up wurde er für den Oscar nominiert, beim Europäischen Filmpreis war er fünf Mal nominiert, beim Schwedischen Filmpreis sahnte er mit sechs Preisen ab und weltweit lief er auf zahlreichen Festivals.

Schon sein Erstling „Shelley“, den Abbasi vor drei Jahren auf der Berlinale vorstellte, war genremäßig ein einziger Grenzgang zwischen Sozialdrama und Fantasy. „Border“ geht noch einen mutigen Schritt weiter.

Ganz allgemeingültige Fragen

Der Regisseur, der in Persien aufgewachsen ist und dann nach Skandinavien zog, hat immer wieder am eigenen Leib erfahren müssen, was es bedeutet, anders zu sein.

In „Border“ nutzt er seine fabulöse Hauptfigur, den Elf, und seine Hauptkulisse, die Grenze, um die Ausgrenzung von Minderheiten jeglicher Art zu thematisieren, sie aber zugleich mythologisch zu überhöhen. Das macht den Reiz dieses Werks aus, das letztlich ganz allgemeingültige Fragen stellt: Wer bin ich? Wo ist mein Platz in der Welt? Aber das auf ganz außergewöhnliche, auf so betörende wie verstörende Weise.