Neu im Kino

Berliner Türsteher öffnen auch mal die Tür zu sich selbst

David Dietl hat für den Film „Berlin Bouncer“ über Jahre drei der legendärsten Türsteher begleitet. Und ganz intime Momente entlockt.

Sven Marquardt antwortet nicht immer, sondern atmet die Antwort auch mal einfach aus.

Sven Marquardt antwortet nicht immer, sondern atmet die Antwort auch mal einfach aus.

Foto: dpa

Irgendwann steht Sven Marquardt an der Ostsee, auf dem Balkon des Hotels, in dem er jedes Jahr einmal absteigt. Er atmet ein und aus. Aus dem Off die Frage, wie das so sei, das Leben allein, ohne Partner. Sven Marquardt antwortet nicht, sondern atmet die Antwort einfach aus — und wieder ein und wieder aus. Und die Kamera blendet nicht ab.

Der Film „Berlin Bouncer“ rückt seinen drei Protagonisten empfindlich nahe. Der Regisseur David Dietl hat über mehrere Jahre die wohl berühmtesten Türsteher Berlins begleitet und ihnen auch unangenehme Fragen gestellt, sie mit sich selbst konfrontiert. Er zeigt sie bei der Arbeit, beim Schwelgen in Erinnerungen, er setzt ihnen mit schön inszenierten Bildern ein Denkmal — und er fragt sie nach ihren Kriterien für das „rein mit dir“ und „du leider heute nicht“.

"Bouncer" porträtiert die Türsteher Sven Marquardt, Smiley Baldwin und Frank Künster

Wer, wenn nicht diese drei können das beantworten? Frank Künster stand vor dem „Delicious Donuts“ und dem „King Size“ und ist jetzt freier Künstler. Smiley Baldwin kam als US-Soldat nach Berlin, stand vor dem „Cookies“ und hat jetzt seine eigene Sicherheits-Firma. Und Sven Marquardt steht an der Tür des „Berghain“, wenn er nicht gerade Fotografie-Ausstellungen eröffnet oder Foto-Studenten von seiner Kunst erzählt.

Doch man wird nicht aus dem Film gehen und wissen, wie man sich vor den Clubs kleiden soll, damit man reinkommt. Vielmehr erfährt man, woher die drei Männer kommen und wie es dazu kam, dass sie jahrzehntelang gern diese Aufgabe übernommen haben, Menschen zu sagen, das sie „nicht erwünscht“ sind. Nachdenkliche Momente haben alle drei Türsteher und einer von Ihnen wird vor der Kamera anfangen zu weinen.

Auffällig aber zunächst, wie gut gelaunt die drei vorgestellt werden. Kaum eine Einstellung, in der sie nicht zuerst lachen, darüber wie irre doch ihre Vergangenheit ist. „Und das schauen sich dann irgendwann Menschen an“, fragt ein Neffe von Frank Künster seinen Onkel. Und der kann das alles selbst nicht glauben.

Die Kunst, den perfekten Salat herzustellen

Denn eigentlich ist ihre Arbeit eher hart: Sie stehen da, wo oft das Wetter schlecht ist und die Stimmung immer „edgy“: Am Eingang zu einem der Orte, für den viele Leute weite Reisen auf sich nehmen. Sie müssen versuchen, den „perfekten Salat“ herzustellen (Marquardt) oder „ein schönes Bild zu malen“. In einem Satz: „Man trägt eben Verantwortung für die Leute, die da drin so sein können, wie sie sind.“

Zum Glück hört aber David Dietls Porträt nicht beim mythenumrankten Job auf. Er nimmt die Menschen dahinter ernst und streichelt sie so lange, bis sie wirklich ihre Türen öffnen. Smiley nimmt den Zuschauer mit in seine Heimat, die Virgin Islands. Der Gegensatz zum Glamourleben in Berlin könnte nicht stärker sein.

Der Alptraum, selbst nicht eingelassen zu werden

Frank Künster weiß im Grunde gerade nicht, wie es mit ihm weitergehen soll, jetzt, wo das „King Size“ weg-gentrifiziert wurde. Und Sven Marquardt träumt manchmal davon, dass er in der Vorhölle landet und immer wieder an eine Tür klopft — aber niemand lässt ihn rein.

Das alles ist so kurzweilig und dicht erzählt, dass es fast wundert, dass der Regisseur Berlins Club-Geschichte so ausführlichen Platz einräumt. Das haben viele Dokus vorher bereits besser gemacht. Schade auch, dass keine Türsteherinnen im Film zu Wort kommen, zum Beispiel Lotta von der Bar25. Ihr Humor („Alle die etwas Graues anhaben, können nach Hause gehen!“) hätte dem „harten Job“ auch etwas Leichtigkeit zurückgegeben. Immerhin geht es um die Partywelt.

Dokumentarfilm D 2019 90 min., von David Dietl