Filmfestival

„Achtung Berlin“: Die Stadt als Spiegel ihrer Bewohner

Zum 15. Mal zeigt das Festival „Achtung Berlin“ Filme aus der Stadt und der Region. Die Retrospektive widmet sich 30 Jahre Mauerfall.

Das Leben gerät in Schräglage: In „Liebesfilm“ sieht Eric Klotsch sogar die Costa Concordia in der Spree liegen

Das Leben gerät in Schräglage: In „Liebesfilm“ sieht Eric Klotsch sogar die Costa Concordia in der Spree liegen

Foto: Emma Rosa Simon

Plötzlich liegt die Costa Concordia in der Spree. Das Kreuzfahrtschiff kenterte ja eigentlich vor der italienischen Insel Gigli. Aber in dem Film „Liebesfilm“ von Robert Bohrer und Emma Rosa Simon treibt es, auf der Seite liegend, vor der Oberbaumbrücke. Und ist doch nur ein Sinnbild für den Protagonisten, bei dem das eigene Seelenleben in Schieflage geraten ist. „Liebesfilm“ ist, was der Titel verspricht: ein Herzschmerzdrama um ein junges Paar, das sich stürmisch liebt, stürmisch streitet und wieder versöhnt.

Aber das sehr persönliche Kammerspiel wird immer wieder ironisch gebrochen. Weil die taffe Ira (Lana Cooper) mit Schutzweste auf Geheimoperationen durch die Welt fliegt, während der Schlurfi Lenz (Eric Klotzsch) einfach in den Tag lebt, erscheinen ihm in Berlin immer wieder Figuren aus den Nachrichten, vom Osama-bin-Laden-Jäger bis zum Kreuzfahrtschiffskapitän. Und die Figuren aus all den Krisenherden, bei denen Ira potenziell immer sein könnte, stehen ihm mit Rat und Tat zur Seite bei seinem Liebeskummer.

Berlin als Hauptstadt der Tagträumer, der Unentschlossenen, der Generation Y, die das Leben feiert, sich aber nie entscheiden kann: Das zeigt sich auch in „Dreißig“, einem Episodenfilm von Simona Kostova, der in langen Plansequenzen 24 Stunden im Leben von sechs Freunden, alle um die 30, alle Singles, an einem Freitag in Neukölln zeigt.

Geschichten voller Witz und Überraschungen

Oder in „Arme Ritter“ von Florian Schmitz, wo sich drei junge Menschen treiben lassen, erst in der Provinz, dann in Leipzig und schließlich in der Hauptstadt. Aber so sehr die Protagonisten dieser Filme durchs Leben stolpern und keinen rechten Plan haben: Die jungen Filmemacher, die diese Werke gedreht haben, wissen genau, was sie wollen. Erzählen ihre Geschichten voller Frische, Witz, mit formalen Spielen und überraschenden Ideen. Um die Filmgeneration Y zumindest muss man sich keine Sorgen machen.

Das zeigt sich jetzt bei dem Filmfestival Achtung Berlin, das am Mittwoch beginnt und in diesem Jahr in die 15. Runde geht. Eine Woche lang sind in elf Kinos 32 Spielfilme, 16 Dokumentarfilme sowie 29 Kurzfilme und mittellange Werke aus Berlin zu sehen. Wobei der Fokus seit Jahren auch aufs brandenburgische Umland erweitert wurde. Und auch der „Berlin“-Stempel gilt in drei Kategorien: Bei der Location, bei der Regie oder der Produktion. Im besten Fall gelten natürlich alle Stempel auf einmal. Dann ist die Stadt oft auch der Spiegel ihrer Bewohner.

Aber es kommt auch vor, dass Berliner Filmstudenten aus dem Ausland Geschichten über ihre Heimat erzählen. Oder dass heimische Filmemacher mutig in die Welt aufbrechen.

So ist das Lebensgefühl der Generation Y nur eines von vielen Themen des 15. Festivals: Die Filme behandeln auch Reizthemen wie Vergewaltigung, Internetmobbing, Gender-Identität, Freitod. Und sie blicken auch weit in die Welt, nach Afrika, Kalifornien und auf die Krim.

Programm mit starker Bandbreite

Ein Höhepunkt dabei ist „Wenn Fliegen träumen“, das Regiedebüt der Schauspielerin Katharina Wackernagel, in dem zwei höchst unterschiedliche Halbschwestern ein Feuerwehrauto und ein Haus in Skandinavien erben und sich mit ersterem auf dem Weg zum zweiten machen. Wobei ihnen ein ganzer Tross an schrägen Menschen hinterher hetzt. Ein höchst vergnügliches Roadmovie.

Ein weiterer Höhepunkt ist Sven Taddickens „Das schönste Paar“, in dem ein Ehepaar damit umgehen muss, dass es im Urlaub überfallen und missbraucht wurde. Was halbwegs geglückt scheint, bis sie dem Haupttäter in ihrer eigenen Stadt wiederbegegnen. Ein beklemmendes Drama, bei dem man sich ständig fragt, wie man selber in solch einer Situation handeln würde, intensiv gespielt von Maximilian Brückner und Luise Heyer, die dafür eine Nominierung für den Deutschen Filmpreis erhielt. Zwei Filme, die die ganze Bandbreite des Programms aufzeigen.

In seinem 15. Jahr sei das Festival sei jetzt „im besten Teenager-Alter“, wie Hajo Schäfer meint, der Achtung Berlin gemeinsam mit Sebastian Brose leitet. Gestartet als kleines Festival, sind immer mehr Sektionen, immer mehr Kinos dazu gekommen. Und rund um das Festival gibt es jede Menge Panels, Diskussionsveranstaltungen und Workshops. Kino wird hier nicht nur passiv zum Konsumieren verstanden, sondern auch als aktives Forum für Filmemacher wie Filmbesucher.

Das junge Kino von einst und heute

Zum Jahr 2019 bietet das Festival zudem eine Retrospektive, die auf zwei mal 15 Jahre zurückblickt, auf den Mauerfall 1989. Unter dem Motto „Berlin Acht Neu(n) Null“ werden 14 Filme aus Ost und West vorgestellt, die die Zeit vor und kurz nach dem Mauerfall verarbeiten. Klassiker wie der Defa-Film „Solo Sunny“ etwa oder Rudolf Thomes „Berlin Chamissoplatz“. Und Schwulendramen wie „Westler“ aus dem Westen und „Coming Out“ aus dem Osten können hier direkt miteinander verglichen werden.

So breit war das Angebot bei Achtung Berlin noch nie: eine Vor- und Rückschau zugleich, auf das junge Kino der Stadt von heute und von einst.