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„Birds of Passage“ - Ein Drogendrama mal ganz anders

Gegen die üblichen Klischees: Der bildgewaltige Film ist eine Moritat, die vor dem Reiz des schnellen Drogen-Geldes warnt.

Birds of Passage

Birds of Passage

Foto: MFA+ / MFA

Der Drogenkrieg ist eines der brennenden Probleme der Gegenwart. Eine Vorstellung davon, wie er im Konkreten aussieht, sei es in Kolumbien, in Mexiko oder in den USA, hat fast jeder – allerdings vor allem aus der Fiktion. Aus den Büchern von Don Winslow („Tage der Toten“, „Das Kartell“) etwa oder auch aus der Netflix-Serie „Narcos“.

Man kennt das ungefähre Ausmaß: Da gibt es hier die Nordamerikaner, die vornehmlich die Konsumenten sind (und in den meisten Thrillern zum Thema wie selbstverständlich auch die mal mehr, mal weniger effektiven Bekämpfer). Und da gibt es die Südamerikaner, die die Drogen anbauen, verkaufen und in die USA schmuggeln. Es ist eine Konstellation, deren fiktionales Nacherzählen auch konkrete politische Folgen hat. Die Kontroverse um die Mauer, die Präsident Donald Trump bauen will, ist nur eine Variante davon.

Wenn Kaffee nicht reicht, dann eben Marihuana

„Birds of Passage“, ein Film von Cristina Gallegos und Ciro Guerras, zeichnet sich als Erstes dadurch aus, dass hier alles zunächst ganz anders wirkt. Es beginnt wie einer jener ethnographischen Dokumentarfilme, in denen die Kamera sich geduldig zum teilnehmenden Beobachter macht. Ein blinder Mann trägt in einer indigenen Sprache eine Ballade vor, dazu sieht man den Rand einer Wüste, deren Wind die bunten Kleider des kolumbianischen Ureinwohner-Volks der Wayuu aufbläht.

Doch sehr schnell nimmt die Handlung Tempo auf. Der Zuschauer wird Zeuge einer Initiationsfeier. Das Mädchen Zaida (Natalia Reyes) wird zur heiratsfähigen Frau erklärt. Augenblicklich finden sich Freier, die in einem rituellen, athletischen Tanz von Zaida selbst durch eine Art Arena getrieben werden. Mit wehenden Tüchern gleicht Zaida dabei einer Art Raubvogel, während die Männer im Lendenschurz als ihre Beute erscheinen.

Einer, der ihr besonders lange stand hält, ist Rapayet (Jose Acosta), der sogleich bei Zaidas Mutter Ursula (Carmina Martinez) um ihre Hand anhält. Ursula erklärt dem jungen Mann rundheraus, dass sie eine mächtige Person bei den Wayuus ist, während er von zweifelhafter Familienherkunft sei und zu viel Zeit bei den „anderen“ verbracht habe – den „Alijunas“, wie die Wayuu die spanischsprachige Mehrheitsbevölkerung nennen.

Ein Zufall mit Katalysator-Wirkung

Sie fordert einen hohen Brautpreis, der Rapayet wohl entmutigen soll. Doch kaum dass der sich aufmacht, um mit mühevoller Kaffeesack-Schlepperei das Nötige zu verdienen, kommt ihm ein Zufall zu Hilfe. Er und sein afro-kolumbianischer Kumpel Moncho (John Narvaez) entdecken eine Marktlücke: den Marihuana-Anbau.

Es ist ein Zufall mit Katalysator-Wirkung. Man schreibt die Mitte der 60er-Jahre, lange bevor der Name Pablo Escobar in aller Munde ist. Dass Rapayet sowohl die Welt der Wayuu als auch die der „Alijuna“ kennt, erweist sich als großer Vorteil.

Er überredet den Wayuu-Patriarchen Anibal (Juan Martinez) dazu, seine Felder für den Marihuana-Anbau zur Verfügung zu stellen und organisiert mit dem Verbindungsmann „Bill“ den Abtransport per Kleinflugzeug. Das Brautgeld hat er so schneller zusammen als gedacht. Ursula jedenfalls staunt nicht schlecht, als Rapayet mit den bestellten Ziegen, Rindern und Bernsteinketten aufkreuzt.

Dinge wie Waffen und Gewalt drängen ins Idyll

Die Hochzeit findet statt. Für Ursulas Familie stellt sich Wohlstand ein. Aber mit diesem dringen weitere Dinge in das bislang durch Tradition gut abgeschottete Leben der Wayuu ein: Dinge wie Waffen, Gewalt und auch jene menschlichen Konstanten, Gier und Neid. Man kennt das Genre.

Genau das ist der Punkt, den auch das kolumbianische Autoren- und Regie-Paar Gallego-Guerra hier macht: Man kennt das Genre. Rapayet ist tatsächlich eine Art Mischung aus kriminellen Patriarchen der Filme „Scarface“ und „Der Pate“ .

Einerseits ohne jede moralische Vorbehalte gegen Drogen an sich, andererseits zögerlich, was die im Drogenhandel nötige Ruchlosigkeit anbelangt.

Versatzstücke aus Hollywoodfilmen

Diese aus Hollywoodfilmen vertraute Figur lassen die Regisseure auf den real-recherchierten Traditionskosmos der indigenen Wayuu treffen, deren wohlgeordnete Welt zu Beginn Ursula als Matriarchin in Idealgestalt verkörpert.

Von der ersten Szene der Brautwerbung an erscheint Rapayet als ein Störfaktor, der sich mit Ritualen nicht gut genug auskennt. Sei es die Ziege, die er statt der Halskette hätte bringen müssen oder der Zeitpunkt, an dem er mit dem Brautgeld auftaucht, ein ums andere Mal wird er gerügt. I

hm und uns Zuschauern kommt vieles davon zunächst wie engstirnige Konvention, wenn nicht gar Aberglauben vor. Aber mehr und mehr zeigt sich, dass mit jeder Überschreitung der alten Bräuche tatsächlich die brutalen Gesetze des Drogenkriegs mehr Macht bekommen – und letzten Endes zum zivilisatorischen Bruch, zu Mord und Totschlag führen.

Auf die üblichen Gewalt- und Blutorgien wird verzichtet

In fünf „Gesängen“, sprich Kapiteln erzählt „Birds of Passage“ auf diese Weise eine Moritat, die vor dem Reiz des Drogengelds warnt. Spannend wird der Film dadurch, dass Gallego und Guerra die Moritat mit atmosphärischen Bildern und ambivalent zu deutenden Figuren verbinden. Die im Drogenthriller üblichen Gewalt- und Blutorgien lassen sie konsequent aus, beschwören aber auch nicht den simplen Gegensatz von der heilen Welt der „edlen Wilden“ gegen die Korruption der Moderne. Ursula, Rapayet, Anibal – sie alle sind komplizierte Charaktere, die hier eben nicht als „die Anderen“ porträtiert werden, sondern deren Regungen, sei es die Gier nach Respekt oder Gold oder Sex, in allen Details verständlich bleiben.