Klavierkonzert

Erdiger Brahms trifft frühreifen Mahler

Nicholas Angelich und das Rundfunk-Sinfonieorchester überzeugen im Konzerthaus. Dabei überrascht der Brahms-Spezialist in der Zugabe.

Schauplatz: Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Schauplatz: Das Konzerthaus am Gendarmenmarkt.

Foto: KFS / picture alliance / imageBROKER

Tapsende Schritte, grauer Blick. Eine Verbeugung, so tief und beschwerlich, dass man sich sorgenvoll die Augen reibt: Ist dieser Pianist wirklich Jahrgang 1970? Und hält er Brahms’ langes, schwieriges Zweites Klavierkonzert op. 83 überhaupt durch?

Doch dann: große Erleichterung im Konzerthaus. Sobald Pianist Nicholas Angelich nämlich am Steinway-Flügel sitzt, übernimmt da plötzlich ein ganz anderer, jüngerer Mann das Geschehen.

Ein Nicholas Angelich, der Kraft und Sicherheit ausstrahlt. Ein Pianist, der Brahms mit viel Gewicht und viel Körper spielt. Und der bei Bedarf auf samtige Pianissimo-Klangkultur umschalten kann.

Schumann als Überraschung in der Zugabe

Ganz ähnliche Vorstellungen von Brahms scheint auch das Rundfunk-Sinfonieorchester unter seinem Chef Vladimir Jurowski zu haben. Und so entsteht ein sehr einheitliches, erdverbundenes Brahms-Klavierkonzert mit dosierten Ausflügen in träumerische Sphären. Man könnte sagen, es ist ein Brahms ohne Risiko und Überraschungen. Oder anders formuliert: ein runder, kompakter Brahms, dem das Publikum gut folgen kann.

Und Angelichs Zugabe? Die ist doch noch eine kleine Überraschung. Denn es gibt keinen weiteren Brahms vom Brahms-Spezialisten. Von jenem Angelich, der hierzulande am ehesten CD-Liebhabern bekannt sein dürfte: wegen seiner lückenloser Brahms-Diskographie und wegen seiner raren Live-Auftritte in Deutschland.

Angelich also spielt jetzt Schumanns „Von fremden Ländern und Menschen“ op. 15 Nr. 1. Und das auf so zärtliche und anrührende Weise, so intim in sich hineinsingend, dass man Angelich gern ein weiteres Mal erleben möchte. Am liebsten mit einem Berliner Solo-Klavierabend.

Mahlers Jugendwerk, schon ganz reif

Aber auch Jurowski und das Rundfunk-Sinfonieorchester machen Freude an diesem Abend, auch in der zweiten Konzerthälfte wieder. Und die ist nochmal rund 50 Minuten lang: Mahlers Erste Sinfonie steht nämlich auf dem Programm. Erweitert um den „Blumine“-Satz, ein Andante, das Mahler einst verworfen hat. Und das wohl aus gutem Grund.

Wie ein Fremdkörper wirkt es in dieser Sinfonie. Wie ein Jugendwerk von Schubertscher Leichtigkeit und Anmut, das auf ganz anderem Niveau steht als die übrigen Sätze. Wenn man es allerdings so macht wie Jurowski, dann scheint der „Blumine“-Satz trotzdem zu funktionieren. Denn Jurowski fällt für alle Sätze klare musikalische Entscheidungen, setzt auf Gradlinigkeit und Stabilität. Und nutzt die Gelegenheit, auch an anderen Stellen Schubert-Anklängen nachzuspüren.

Etwa in der Durchführung des Kopfsatzes, wo Mahler ein Motiv aus Schuberts a-Moll-Klaviersonate D 784 aufzugreifen scheint. Andererseits: Bei Jurowski ist Mahler keineswegs ein Komponist, der noch auf der Suche nach sich selbst ist. Sondern vielmehr einer, der schon längst zu sich gefunden hat – und nun mit breiter Brust seine Reife unter Beweis stellt.