Deutsches Theater

„Der Menschenfeind“: Der ultimative Außenseiter

Anne Lenks Inszenierung von „Der Menschenfeind“ erntet im Deutschen Theater prustendes Gelächter.

Das Theaterstück "Der Menschenfeind".

Das Theaterstück "Der Menschenfeind".

Foto: ARNO DECLAIR

Berlin.  Molières „Menschenfeind“ ist ein Drama, dessen vollständiger Titel für gewöhnlich unterschlagen wird. Denn eigentlich heißt das Stück ins Deutsche übertragen: „Der Menschenfeind oder der verliebte Melancholiker“. Und wenn es schon der Titel nicht unversehrt in unsere Zeit geschafft hat, wie soll man das Stück dann einem Zuschauer des 21. Jahrhunderts verdaulich präsentieren?

Auf diese Frage findet Regisseurin Anne Lenk bei der Premiere am Freitagabend im Deutschen Theater eine ebenso simple wie effektive Antwort. Die Geschichte des Dramas ist schnell erzählt. Es geht um die abgrundtiefe Unehrlichkeit der französischen Aristokratie des 17. Jahrhunderts und um Alceste (gespielt von Ulrich Matthes), einen Idealisten, den die ewige Heuchelei in den Menschenhass treibt.

Doch so hoch Alceste seine Ideale hält, so lächerlich wirkt er im Angesicht der von ihm verehrten Célimène (Franziska Machens). Denn diese lebt ungehemmt, lästert und kokettiert mit zahlreichen Männern. Um einem heutigen Publikum vollkommene geistige Barrierefreiheit zu ermöglichen, könnte man das Geschehen plump in einen neuen zeitlichen Kontext setzen. Naheliegend wäre es, die Brücke zu heutigen Social-Media-Plattformen zu schlagen.

Ganz so einfach macht Regisseurin Lenk es ihrem Publikum jedoch nicht. Sie lässt den Text der Komödie, die 1666 uraufgeführt wurde, unberührt. Selbst die Reimform wird beibehalten.

Lediglich Kostüm und Bühnenbild brechen mit der Welt des 17. Jahrhunderts. Die Kostüme von Sibylle Wallum sind modern gehalten. So läuft Alceste äußerst stilvoll in grauer Anzughose mit Hemd und passender grauer Weste über die Bühne.

Widerspruch zwischen Garderobe und Sprache der Figuren durch Bühnenbild aufgelöst

Das Bühnenbild von Florian Lösche löst den Widerspruch zwischen Garderobe und Sprache der Figuren ein Stück weit auf und macht die Bühne zum zeitlosen Raum. Die Schauspieler agieren auf einer Schräge, die dem Publikum zugeneigt ist.

Die Bühne kommt ohne Requisiten aus, sofern man die drei Bühnenwände nicht Requisiten nennen möchte. Denn diese bestehen vollkommen aus vertikalen grauen Gummiseilen, zwischen denen die Figuren effektvoll verschwinden und auftauchen können.

Die Umsetzung zeigt, wie modern der Text von Molière ist. Denn das Stück selbst legt die Reduktion des Bühnenraums nahe, da es sich vor allem durch Handlungsarmut und humorvolle Dialoge auszeichnet.

Tatsächlich gibt es an diesem Abend Momente, in denen das Prusten vereinzelter Zuschauer die Schauspieler fast übertönt. Die Komik entsteht zum Beispiel durch das Spiel mit den Gummiseilen, die mal als Guckloch, mal zur akrobatischen Betätigung dienen. Vor allem sind es jedoch die stichelnden Kommentare der Figuren, die Lachen hervorrufen.

Dabei ist es Alceste in seiner Sache durchaus ernst. Matthes bringt ihn sehr überzeugend als Getriebenen auf die Bühne, der sich durchgehend als Märtyrer der Wahrheit und als ultimativen Außenseiter inszeniert. Dass er seine Grundsätze nicht mal verletzt, um die Gefühle anderer zu schonen, zeigt eine Szene zwischen Alceste und Oronte, der ebenfalls ein Verehrer Célimènes ist.

Gespielt wird Oronte von Timo Weisschnur, dem die komische Rolle sichtlich liegt und der die Bühne im Trainingsanzug beschreitet. Holprig wird es bloß, als das Stück einmalig versucht, einen Aktualitätsbezug herzustellen, indem Oronte ein Smartphone zieht, um ein Selfie mit Alceste zu schießen. Die Geste erntet nur müde Lacher, als Oronte jedoch ein Sonett vorträgt, das Alceste anschließend bewerten soll, kommt das Publikum aus dem Lachen kaum noch heraus.

Spannung herrlich ausgereizt

Der unsichere, zögerliche Vortrag des Gedichts und die Antizipation des gnadenlosen Urteils durch Alceste erzeugen eine Spannung, die herrlich ausgereizt wird und sich schließlich kaum anders als in Gelächter entladen kann. Ein gänzlich anderes Verhältnis pflegt Alceste zu seinem Freund Philinte (Manuel Harder). Die Beziehung zwischen den beiden Freunden ist von Ehrlichkeit geprägt, auch wenn Philinte die Ansichten Alcestes nicht teilt.

Von Regisseurin Lenk heißt es zur Freundschaft der beiden im Programmheft: „Es gibt Vertrauen, eine gemeinsame Sprache und kaum Missverstehen wie in der Liebe oder in Konversation mit anderen.“ Vor allem in Sachen Liebe wird Alceste seinen eigenen Idealen nicht gerecht. Er selbst bemerkt dazu, dass jemand, der den Menschen als Vernunftwesen bezeichnet, wohl nie selbst ein Mensch gewesen sein könne. In diesem Sinne schlägt er die Liebe zweier Frauen aus, die seinen Vorstellungen eigentlich entsprechen, um sich ganz der umtriebigen und deutlich jüngeren Célimène hinzugeben.

Die leichtherzige Lebefrau wird von Franziska Machens durchaus ambivalent auf die Bühne gebracht. Zum einen wirkt sie niederträchtig in der Art wie sie mit den Hoffnungen der Männer spielt, zum anderen wirkt sie durch ihre befreite Sexualität äußerst modern. Dass ihr doppeltes Spiel am Ende nicht das große Glück für Alceste und Célimène bedeutet, scheint dabei von Anfang an klar. Nicht auszumalen wie deprimierend man die zum Scheitern verurteilte Beziehung in einer Tragödie hätte darstellen müssen.

Komik ist Kern des Stücks

Doch Kern des Stücks ist die Komik, die bei der Aufführung im DT großartig zur Geltung kommt. Auch das reduzierte Bühnenbild funktioniert einwandfrei und öffnet zahllose Interpretationsräume. Nur die Smartphone-Szene nimmt der Inszenierung, die sonst bewusst deutungsoffen bleibt, für einen Moment die Konsequenz.

Denn dass ein Stück über den Wert der Wahrheit in Zeiten von Fake News und oberflächlichen Internetpersönlichkeiten höchst aktuell ist, darauf wäre jeder Zuschauer auch selbst gekommen.