Neue Musik

Komponistin Olga Neuwirth: Der Traum vom knisternden Tonband

Aggressivität beginnt mit der Sprache: Olga Neuwirth ist eine politisch engagierte Komponistin. Zum Festival „MaerzMusik“ ist sie in Berlin.

Komponistin Olga Neuwirth im Haus der Berliner Festspiele.

Komponistin Olga Neuwirth im Haus der Berliner Festspiele.

Foto: jörg Krauthöfer

Komponistin Olga Neuwirth sitzt inmitten des Trubels der MaerzMusik-Eröffnung an einem Tisch im Haus der Berliner Festspiele – zierlich, etwas nervös.

Sie spricht schnell: Zwei Werke von ihr sind dieses Jahr beim Festival MaerzMusik zu erleben, dazu ein kleines Projekt an der Deutschen Oper, im Herbst dann die Wiederaufführung ihres jazzigen Trompetenkonzerts beim Musikfest in der Philharmonie.

Schließlich hat sie ihre Musikerlaufbahn als Jazztrompeterin begonnen – sie kennt dieses heikle, delikate Instrument bis ins Innerste.

Die Schülerin und die Nobelpreisträgerin

Jazztrompeterin in der konservativen Steiermark – da war wohl die Spannung zur Mehrheitsgesellschaft schon aufgemacht, die Olga Neuwirth seither ihr Künstlerleben lang begleitet.

Die Menschen seien hart in dieser Gegend an der Grenze zu Slowenien, erzählt Neuwirth, geprägt durch harte Arbeit in kaum noch wirtschaftlichen Landbetrieben. Heute sei es eine Brutstätte der Identitären Bewegung in Österreich. Das hat sie früh sensibilisiert für ein gesellschaftliches Problem, das mittlerweile ganz Europa ergreift.

Schon als junge Komponistin, selbst noch Schülerin, ging sie gemeinsam mit der rund 25 Jahre älteren Elfriede Jelinek in die politische Offensive. Sie wurden damals angefeindet für ihre Hinweise auf gesellschaftliche Tendenzen – in der Oper „Bählamms Fest“ über sadomasochistische Verstrickungen einer spießbürgerlichen Gesellschaft.

Die Masse ist schwer zu stoppen

Olga Neuwirth schüttelt den Kopf. „Bekommt den Nobelpreis und wird trotz ihres wunderbaren Librettos in der Musikwelt mit mir gemeinsam hinausgeworfen!“ Gemeint ist Jelinek: Zeitdiagnostisches wurde in der Komponistenszene scheel angeschaut, das musste auch die große Autorin erfahren.

Mittlerweile würden sich viele Komponisten politisch engagieren. „Etwas zu spät. Aggressive Sprache setzt sich in den Köpfen der Menschen fest.“ Seit die rechtspopulistische FPÖ wieder in der österreichischen Bundesregierung sitzt, nimmt Olga Neuwirth die Zunahme der öffentlichen Verhetzung durch Sprache wahr.

„Ich habe vor Jahren den Berliner Richard Sonnenfeldt kennengelernt, der emigrieren musste und Chefdolmetscher bei den Nürnberger Prozessen war. Der Hass beginne mit der Sprache, sagte er immer. Und wenn die Masse erstmal negativ aktiviert ist – dann ist sie schwer zu stoppen.“

Die Mechanismen wiederholen sich

Auch der Stummfilm „Stadt ohne Juden“ aus dem Jahr 1924, von welchem vor kurzem entscheidende Teile auf einem Pariser Flohmarkt aufgetaucht sind und der nun bei MaerzMusik mit Neuwirths Musik gezeigt wird, spiegele diese populistischen Agitationen bereits.

Olga Neuwirth spricht von Nivellierung und Verharmlosung damals und heute – ihren Ärger darüber trägt sie seit Jahren mit sich herum.

„Die Mechanismen der Machtausübung und überspitzter Nationalismus sind immer dieselben. Es ist kein Stummfilm nur für die Zwanziger Jahre: Ich wollte einen Bogen spannen ins Heute, wo Rechtsstaatlichkeit auch wieder mit Füßen getreten wird.“

Arbeit an der Oper „Orlando“ für die Wiener Staatsoper

Brisant ist der Film auch, weil der Autor der Vorlage Hugo Bettauer 1925 von einem fanatischen Nazi ermordet wurde. Der Mörder wurde nie verurteilt.

Für solche Botschaften hat die Komponistin Neuwirth etwas von ihrer knappen Zeit abgezwackt – die eigentlich ihrer neuen Oper „Orlando“ nach dem Roman von Virginia Woolf gehört, eine fiktionale Biografie über 400 Jahre, die Geschlechteridentitäten hinterfragt. Es ist ein Auftragswerk der Wiener Staatsoper. Im Dezember soll es uraufgeführt werden.

„Ich bin mit der Oper nicht fertig. Jetzt mit Ihnen hier über alte Stücke zu sprechen, ist für mich eine Tortur.“

Ein Auftragswerk für ein weltberühmtes Orchester: Könnte man sich nicht auch mal zurücklehnen bei so viel Anerkennung?

Keine Angst vor Altbewährtem

Zurücklehnen? Olga Neuwirth gestikuliert so, dass es kaum Zweifel daran gibt, wie fern ihr genau dies liegt. „Ich kann mich nie zurücklehnen. Ich bin freischaffend und ich arbeite seit 30 Jahren immer unter dem Druck der Deadlines. Ich bin auch niemand, der mit Preisen überschüttet wird.“

Deshalb ist sie bei ihren Arbeiten für die Wiener Philharmoniker behutsam. „Ich könnte in die Partitur alles mögliche an ungewohnten Spieltechniken hineinschreiben – aber es gibt nur drei Proben für 110 Minuten Musik, und am Ende wird dann wegen schlechter Laune mehr diskutiert als geprobt. Das möchte ich mir nicht mehr unbedingt antun. Denn zu kurz kommt am Ende die Musik.“

Auch in ihrem 2013 für das Eliteorchester komponierten Stück „Masaot / Clocks without Hands“ („Heimat“ / „Uhren ohne Zeiger“) hat sich Neuwirth eher auf dessen berühmten traditionellen Klang konzentriert.

Spielen mit musikalischer Erinnerung

„Masaot“ basiert auf einem Traum, den Olga Neuwirth 2013 hatte: Ihr Großvater spielte ihr in diesem Traum ein knisterndes Tonband vor mit den Musiken, die in seinem Leben eine Rolle spielten.

Als nie ganz heimisch gewordener Flüchtling aus dem Zwischenstromland zwischen Kroatien und Ungarn hat dieser Großvater in seinem Leben immer wechselnde Heimaten und die Lieder dazu sein Eigen genannt. Ein Stück wie der musikalische Erinnerungsfluss eines durch die Landschaft Wandernden.

Auch Enkelin Olga Neuwirth wandelt in dem Stück durch eine Landschaft der musikalischen Erinnerungen und Stile – schließlich sind diese Erinnerungen auch bei ihr seit ihren frühen Jahren als Jazzmusikerin ins Unermessliche angewachsen.