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Genie, Missbrauch und Selbstverleugnung

Hanya Yanagiharas Erstling „Das Volk der Bäume“ handelt von der Lebensbeichte eines wegen Missbrauchs verurteilten Wissenschaftlers.

Ihr Erstlingsroman erscheint auf Deutsch erst jetzt, zwei Jahre nach dem Erfolg von „Ein wenig Leben“: die US-Autorin Hanya Yanagihara.

Ihr Erstlingsroman erscheint auf Deutsch erst jetzt, zwei Jahre nach dem Erfolg von „Ein wenig Leben“: die US-Autorin Hanya Yanagihara.

Foto: imago stock

„Sie sind verträumt und arrogant. Ihre Professoren halten Sie für unkontrollierbar.“ So beurteilt sein Laborleiter den jungen Medizinstudenten Norton Perina. Aus Fernweh und Sehnsucht nach akademischem Ruhm macht der sich schließlich auf den Weg ans andere Ende der Welt. Was desaströse Folgen hat.

Hanya Yanagiharas Debüt aus dem Jahr 2013, das in Deutschland jetzt erst nach dem großen Erfolg ihres zweiten Romans „Ein wenig Leben” erscheint, behandelt die Geschichte eines Forschers und Nobelpreis-Gewinners namens Perina. Dessen Leben ändert sich drastisch, als er auf einer Forschungsreise in Mikronesien eine unglaubliche Entdeckung macht. Am Ende seines Lebens wird er mit Missbrauchsvorwürfen konfrontiert, und es stellt sich die Frage: Entschuldigt Genie Verbrechen?

Kann man diesem Erzähler trauen?

Der Großteil des Buches ist Perinas von ihm selbst erzählte Lebensgeschichte, teils Autobiographie, teils Apologie. Denn schon zu Beginn des Romans erfährt der Leser, dass der Protagonist wegen Kindesmissbrauchs eingesperrt wurde. Die reale Inspiration für Perina ist der Medizinforscher und Nobelpreisträger Daniel Carleton Gajdusek, der 56 Söhne adoptierte und auch wegen Kindesmissbrauchs verurteilt wurde.

Im Roman schreibt Perina im Gefängnis seine Memoiren, um der Welt zu erzählen, wie es wirklich war. Dadurch ergibt sich die spannende Frage: Kann ich dem Erzähler vertrauen? Denn der Ausgang der Geschichte schwebt wie ein dunkler Schatten über der Lektüre. Die kalte, dystopische Welt des Erzählers ohne Bezugspersonen verstärkt diesen inneren Konflikt.

Ein Roman aus Täter-, einer aus Opfer-Sicht

Die Erzählung aus „Tätersicht“ bildet einen interessanten Gegensatz zu Yanagiharas vieldiskutiertem Roman „Ein wenig Leben“, der in Deutschland 2017 erschien: Darin behandelt sie das Thema Missbrauch aus Sicht eines Opfers. Mit diesem Werk gewann die US-Autorin mit hawaiianischer Abstammung 2015 einen Preis und stand bei drei weiteren renommierten Preisen auf der Short List.

Die Arbeit an „Das Volk der Bäume“ begann Yanagihara bereits im Alter von 21 Jahren, wie sie auf dem Blog „nzbooklovers“ verriet. Viele Jahre und Überarbeitungen später entwickelte sie immer größeren Respekt für ihren Protagonisten.

Ein Verurteilter schreibt über sein Leben

Der Roman beginnt mit dem Ende: Zwei fiktive Zeitungsartikel nehmen nüchtern den Ausgang vorweg. Erst dann entfaltet sich die Geschichte, jetzt auf die persönlichste Art. Perina will zeigen, dass die Missbrauchsvorwürfe eigentlich nichts sind, nur einen unbedeutenden Teil seines erfolgreichen Lebens als Forscher ausmachen. So taucht das Thema Pädophilie lange gar nicht auf. Und tatsächlich schleichen sich beim Lesen immer wieder Zweifel ein: Ist er vielleicht doch unschuldig? Dass schon zu Beginn feststeht, worin die Geschichte mündet, tut der Spannung keinen Abbruch.

Perina legt seinen Fokus auf die Wissenschaft, der er sein Leben widmet. Während seines Medizinstudiums fühlt er sich allen überlegen und zieht sich ins Labor zurück, wo er Freude am grausamen Töten von Labormäusen findet. Der Erzähler beschreibt das in aller schauderhaften Deutlichkeit.

Auch die Umgebung wird detailliert und farbenreich geschildert, was sich teilweise allerdings sehr in die Länge zieht.

Riesenentdeckung im tropischen Urwald

Forschung ist das große Thema. So wird immer wieder auf fiktive Forschungsaufsätze verwiesen. Und dann gibt es auch noch lange Fußnoten von Perinas Herausgeber – einem angeblichen Vertrauten, der aber in Perinas Aufzeichnungen nie vorkommt –, die dem Text einen sehr wissenschaftlichen Charakter verleihen. Die Lektüre der ersten zwei Drittel des Romans gestaltet sich so ein wenig trocken und nüchtern.

Das Blatt wendet sich im mikronesischen Urwald, wohin Perina mit einem Anthropologen reist, um nach einem unbekannten Stamm zu suchen. Er entdeckt Mischwesen zwischen Mensch und Tier und findet nach und nach heraus, dass diese über 100 Jahre alt sind.

Rücksichtslos und nur auf die eigenen wissenschaftlichen Erfolge bedacht, sucht Perina fieberhaft nach dem Grund für ihre augenscheinliche Unsterblichkeit. Er publiziert seine Entdeckung und besiegelt damit den Untergang der Insel.

Doppelte Gier

So erzählt „Das Volk der Bäume“ auch eine grausame Geschichte von Kolonisatoren, die erbarmungslos alles niederwalzen, was ihnen in den Weg kommt. Sowohl Perinas unstillbare Gier nach Anerkennung als auch die Gier der anderen nach seiner Entdeckung zerstört die Insel und das Leben ihrer Bewohner.

Dieser Teil der Geschichte schält sich erst spät heraus, und während der Roman bis dahin sehr detailliert beschreibt, wird nun die Chronologie des Niedergangs gerafft und eher sprunghaft erzählt, in einer Flut von Fragen (Soll ich hiervon, soll ich davon erzählen?).

Nach der Zerstörung seines Forschungsgegenstands kehrt Perina immer wieder auf die Insel zurück und beginnt, bei jedem seiner Besuche Kinder mit nach Amerika zu nehmen. Ob aus Gutherzigkeit oder Selbstkasteiung, indem er sich die Auswirkungen seiner Zerstörung vor Augen führt, wisse er selbst nicht.

Zum Ende noch ein großer Schock

Wie ein Süchtiger nimmt er immer mehr Kinder auf und berichtet in langen Episoden davon, wie ihn deren Erziehung überfordert. Der Leser ahnt mit immer größerer Gewissheit, dass sich hier etwas Übles zusammenbraut, was aber nicht beim Namen genannt wird.

Der Roman eröffnet eine große Bandbreite an Themen und stellt viele grundsätzliche Fragen: Was ist Perversion? Haben Kinder Sexualität? Sind Ethik und Moral kulturabhängig? Das Erzählkonzept ist trotz langer trockener Passagen aufregend. Und am Ende wird der Leser doch noch schockierend aufgerüttelt, wodurch sich das Bild des Protagonisten noch einmal radikal wandelt.