Neu im Kino

Wer wird denn gleich in die Luft gehen? „Dumbo“ neu verfilmt

Tim Burton hat Disneys Trickfilmklassiker „Dumbo“ real verfilmt. Das Remake ist viel abgründiger und kritischer als das Original.

Die Computeranimation macht’s möglich: Der kleine Elefant Dumbo fliegt mit seinen Riesenohren durch die Zirkuskuppel – zur Gaudi des Publikums.

Die Computeranimation macht’s möglich: Der kleine Elefant Dumbo fliegt mit seinen Riesenohren durch die Zirkuskuppel – zur Gaudi des Publikums.

Foto: Disney Enterprises / .

Diese Ohren! Im Disney-Trickfilm „Dumbo“ von 1941 hat ein kleiner Elefant so riesige Ohren, dass er ständig darüber stolpert und in seinem kleinen Zirkus nicht nur von den Zuschauern, sondern auch von den anderen Dickhäutern verlacht und verhöhnt wird. Bis er schließlich mit eben diesen Ohren wedelt, abhebt, zu fliegen beginnt. Und so zur Attraktion des Zirkus wird.

Seither ist „Dumbo“ nicht nur der Trostfilm für alle Kinder mit Segelohren. Er wurde zum Sinnbild für alle, die etwas anders sind als die anderen und lernen müssen, genau diese Abweichung nicht als Makel, sondern als Besonderheit zu begreifen. Ein Mutmachfilm für alle Minderheiten also, eine Symbolfigur für Diversität, lange bevor es das Wort überhaupt gab. Wobei sogar ein Schimpfwort – die Jumbo-Verballhonung „Dumbo“ leitet sich vom englischen „dumb“ (doof) ab – zur Auszeichnung, ja zur Marke wird.

Dumbo passt bestens in Burtons Welt der Freaks

Es gab Zeiten, da hat Walt Disney mit genau solchen Filmen die Menschen weltweit ins Herz getroffen. Wie kein zweites Trickfilmstudio gelangen Disney mit solch fantasievollen Geschichten von herzigen Strichtierchen ergreifende Metaphern auf die menschliche Seele. Auch der Name Disney wurde so zur Marke, ja zum Synonym für Trickfilme schlechthin.

Heute, in Zeiten der Computeranimation, ist Disney nur noch ein Player unter vielen. Und statt, wie früher, Kinder- und Jugendbuchliteratur zu vertrickfilmen, schlachtet das Studio seit nunmehr acht Jahren systematisch seine eigenen Trickfilmklassiker aus, um sie neu zu verfilmen, diesmal als „Realfilme“ mit echten Menschen und, zugegeben, doch computeranimierten Tieren.

Burton und Disney - eine wechselhafte Beziehung

Nach „Die Schöne und das Biest“ 2017 und „Christopher Robin“ 2018 (nach „Pu, der Bär“) startet nun „Dumbo“ an der Reihe, der 1941 der vierte abendfüllende Disney-Trickfilm war. Regie führte mit Tim Burton einer, der einst bei Disneys Trickabteilung begonnen hat, mit seinen makabren und abgründigen Bilderwelten aber zu düster für das Mäuseimperium war und dann bald eine andere Karriere eingeschlagen hat.

Nachdem ein paar seiner Filme immerhin von Disneys Subunternehmen Touchstone produziert wurden, durfte Burton erstmals wieder an Bord des Mutterschiffs, als er 2010 mit „Alice im Wunderland“ das erste Trickfilm-Real-Remake inszenierte.

Das ist so bunt, hell und zuckrig geraten, wie man das zwar von Disney, nicht aber von Burton erwartet hätte. Dass er doch mal einen großen Disney-Film realisieren durfte, dafür hat der Meister des schwarzen Humors, der Autorenfilmer des Go­thic allzu willig Konzessionen gemacht. Burton-Fans waren damals ein wenig enttäuscht.

Das „Dumbo“-Remake ist dagegen viel finsterer angelegt. Und viel mehr ein Burton- als ein Disney-Film. Was 1941 schon der Schluss-Coup war, dass der kleine Elefant plötzlich in die Luft geht, wird hier schon in den ersten Minuten abgehandelt.

Lauter Sonderlinge im Zirkus

Um die Tiere geht es dabei weniger als um die Menschen des Zirkus, die im Original bis auf den Zirkusdirektor gesichtslose Konturen blieben, hier aber zu einer Ansammlung von Sonderlingen und Außenseitern werden, wie man das auch aus anderen Burton-Filmen wie „Edward mit den Scherenhänden“, „Ed Wood“ oder „Big Fish“ kennt. Das Elefantenbaby mit den Riesenohren ist da auch nur ein Freak mehr wie das Meerjungfrauwesen oder der kleinwüchsige Zirkusdirektor.

Auch das Remake spielt im Jahr 1919, aber nicht in einer entrückten Märchenwelt, sondern in einem geschundenen, zerrissenen Amerika. Erzählt wird zwar disney-gerecht, also familientauglich aus der Perspektive zweier Zirkuskinder, aber es geht doch ziemlich erwachsen zu. Der Vater der Kinder, Holt Farrier (Colin Farrell), einst ein Zirkusstar, kehrt aus dem Großen Krieg in Europa mit nur einem Arm zurück und kann jetzt nur noch den Elefantenstall misten. Auch der Zirkus steckt in großen Nöten. Die Spanische Grippe hat etliche Artisten dahingerafft, auch die Mutter der Kinder. Diese Familie muss wahrlich Dickhäutigkeit beweisen.

Diesmal ist es denn auch keine Maus, diesmal sind es die Kinder, die die Flugbegabung des Elefanten entdecken, was die Erwachsenen natürlich erst mal nicht glauben wollen. Die zwei Kinder müssen Dumbo auch davor bewahren müssen, dass ihn der Zirkusdirektor (Danny de Vito) wegen der Segelohren („Ich wollte einen echten Elefanten, keinen weiteren Freak“) gleich wieder verkauft.

Ein finsteres Sinnbild auf den Disney-Konzern

Aber auch der Triumph des Originals, dass Dumbo zum Star wird, ist hier kein Happy End. Denn der finstere Entertainment-Unternehmer Vandevere (Michael Keaton) kauft nicht nur Dumbo, sondern den ganzen kleinen Zirkus auf, um ihn in seinem Vergnügungsimperium maximal zu Kasse zu machen.

Tim Burton vereint hier viele seiner Lieblingsstars, seinen „Batman“ Michael Keaton etwa, Alan Arkin oder Eva Green, die seit einiger Zeit auch seine Lebensgefährtin ist. Aber auch Neuzugänge wie Danny de Vito oder, in einem Kurzauftritt, selbst Lars Eidinger finden Eingang in diesen Abnormitätenstadl.

Burton gelingen auch ein paar schöne Variationen auf die alten Trick-Effekte, die dennoch völlig anders wiederkehren: wie die schon sprichwörtlich gewordenen rosa Elefanten von 1941, die zum Sinnbild für Wahnvorstellungen im Suff geworden sind. Aber wo steckt Johnny Depp, Burtons Alter Ego? Hätte der nicht eigentlich die Rolle des zerrissenen Vaters spielen müssen, der seine ebenfalls traumatisierten Kinder vor einem weiteren Verlust beschützen will?

Und dann ist Burton in seiner Abgründigkeit eine Metapher gelungen, die das Disney-Studio in seiner Deutlichkeit wohl übersehen hat. Der Unterhaltungs-Mogul Vandevere, der sämtliche Attraktionen aufkauft und in seinem Entertainment-Konzern industriell ausschlachtet – das ist auch ein Sinnbild für Disney selbst. Ein Unternehmen, das sich erst das Konkurrenzstudio Pixar einverleibte, dann das Comic-Studio Marvel und jüngst sogar das ehrwürdige Hollywoodstudio 20th Century Fox aufgekauft hat.

Alles, um bald einen eigenen Streamingdienst voller Attraktionen zu starten.

Zu taub für kritische Untertöne?

In Burtons „Dumbo“-Remake wird diese Entertainment-Konzentration als das Böse schlechthin gebrandmarkt, mit einer Kommandobrücke wie auf dem „Star Wars“-Todesstern. Die hässliche Fratze des Kapitalismus. Trotz aller großen Ohren hat Disney diese deutlichen Untertöne, diese lautstarke Kritik an der eigenen Konzernpolitik wohl überhört. Oder einfach nicht verstanden.

Dumbo: USA 2019, 114 min., ab 6 Jahren, von Tim Burton, mit Colin Farrell, Danny DeVito, Eva Green, Michael Keaton, Alan Arkin, Lars Eidinger.