Konzert

Kettcar zeigt in der Columbiahalle eine Welt ohne AfD-Wähler

Kettcar zeigen in der Berliner Columbiahalle eindrucksvoll, dass Liebeslieder auch politisch sein können.

Die Band Kettcar in der Columbiahalle auf der Bühne.

Die Band Kettcar in der Columbiahalle auf der Bühne.

Foto: Carsten Thesingvia www.imago-images.de / imago images / Carsten Thesing

Berlin. Eigentlich wollte der Kettcar-Bassist Reimer Bustorff nur eine Überleitung liefern, er wollte erzählen, wie sie auf diesen Song „Den Revolver entsichern“ gekommen sind, aber ganz nebenbei erzählt er die wohl typischste aller Kettcar-Geschichten. Sie handelt von den fünf Bandmitgliedern, die in Hamburg ins Fußballstadion gehen (natürlich St. Pauli) und als Reimer für alle Bier holen geht, fällt das 1:0. Zuerst will er sich darüber ärgern, aber dann sieht er einen der „Viva-con-agua“-Männer.

Das sind Männer, die in Verkleidung auf Fußballspielen am Rand stehen und für sauberes Wasser in Entwicklungsländern Geld sammeln. Reimer fragt ihn, warum er das macht. Der Mann sagt: „Wir dürfen die verbitterten Idioten nicht gewinnen lassen.“ Der Song beginnt mit „An die ganzen guten Geister / Die Romantiker der Welt / An die mitfühlenden Seelen / Und was uns noch zusammen hält“. Als Sänger Marcus Wiebusch diese Zeilen anstimmt, singt das Publikum schon textsicher mit. Selten wurden Hamburger freundlicher in Berlin empfangen.

Die AfD-Wählerquote im Publikum dürfte bei Null liegen

Aber die fünf Männer schaffen es, dass man für einen Augenblick das Schanzenviertel und „den Kiez“ der Hansestadt nur in Fußwegweite wähnt. Aber sie fühlen sich auch sichtlich wohl in der ausverkauften Berliner Columbiahalle. Das Publikum an diesem Abend ist diese Mischung aus knutschenden Pärchen, mitgrölenden Mitt-20ern – und überraschenderweise auch immer wieder Eltern mit ihren Teenager-Kindern. Die AfD-Wählerquote dürfte bei Null Prozent liegen, und wenn man sieht, wie viele an diesem Abend mit Tränen in den Augen die Hits „Im Taxi weinen“ oder „Graceland“ mitsingen, dann macht man sich gleich weniger Sorgen um Klimawandel und Rechtsruck. Kettcar singen quer durch ihre fünf Studio-Alben von Fernbeziehungen („48 Stunden“), vom Kampf gegen Algorithmen („Palo Alto“) und dem Gefühl, am Flughafen jemanden zu umarmen, den man viel zu lange nicht gesehen hat („In der Ankunftshalle“).

„Humanismus ist nicht verhandelbar“

Den ersten Höhepunkt des Abends erreicht Sänger Wiebusch schon mit dem dritten Song. Er kündigt ihn an mit dem ganz unironischen: „Humanismus ist nicht verhandelbar“. Im Hintergrund läuft das Video zu „Sommer 89“ von ihrem fünften Studioalbum „Ich vs. Wir“. Spätestens bei „Sie kamen für Kiwis und Bananen / Für Grundgesetz und freie Wahlen“ heben alle im Raum und rufen: „Und genau für diesen Traum / Schnitt er Löcher in den Zaun.“ Es gibt Momente, da wirken die fünf Jungs von Kettcar, als könnten sie mit dieser übergroßen Begeisterung nicht ganz mitgehen. Marcus Wiebusch sagt an einer Stelle „Berlin, beruhigt Euch“ und Reimer Bustorff sagt mindestens dreimal an dem Abend allen Ernstes: „Wir wissen es wirklich zu schätzen.“

Dabei zeigte schon die Wahl der Vorband, dass sie ihr Berliner Publikum gut kennen. Die Deutschrocker von „Schrottgrenze“ haben einen satten Rock-Sound und einen starken Leadsänger zu bieten. Der nennt sich auch Saskia und seine pinken Augenlider dürfen auch noch in ganz hinten im Publikum noch erkannt worden sein. Ihre Lieder drehen sich fast ausschließlich um Toleranz und Queerness und irgendwann wiederholen sie einen Satz so lang, bis ihn der ganze Saal ruft: „Du kannst lieben wen du willst“. Passend dazu erreicht der Abend am Kettcar-Lagerfeuer ausgerechnet beim Song „Der Tag wird kommen“ den Siedepunkt.

Unterstützt von einem Bläser-Ensemble und mit weinenden Männern auf der Video-Leinwand singt und rappt Marcus Wiebusch vom ersten schwulen Fußballer, der sich nicht traut, sich zu outen. Und wie beim „Den Revolver entsichern“ spricht er die Zuhörer an, aber eben nicht diejenigen die jetzt gerade da sind: „All ihr homophoben Vollidioten, all ihr dummen Hater / All ihr Forums-Vollschreiber, all ihr Schreibtischtäter“. Wenn man sieht, wie viele hier textsicher mitsingen, dann gibt es noch genug Menschen, die wissen, dass Liebeslieder politisch sein können und umgekehrt.