Neue Biografie

Walter Gropius war der Glücksritter der Architektur

Wer war Bauhaus-Gründer Walter Gropius? Eine neue Biografie des Designhistorikers Bernd Polster versucht sich an einem Denkmalsturz.

Der deutsch-amerikanische Architekt Walter Gropius und seine Ehefrau Ise Frank im Jahr 1929.

Der deutsch-amerikanische Architekt Walter Gropius und seine Ehefrau Ise Frank im Jahr 1929.

Foto: Scherl / SZ Photo

Berlin. Als Walter Gropius 1969 starb, wollte er keine Trauerfeier, stattdessen sollte ein fröhliches Fest stattfinden. Was auch geschah. Der Biograf und Designhistoriker Bernd Polster beschreibt aber nicht dieses Fest, sondern einen fiktiven „Ball der Vergessenen“, auf dem sich all jene trafen, die Gropius Lebensweg entscheidend geprägt hatten, deren Bedeutung er aber heruntergespielt oder „vergessen“ – habe, aus dem einzigen Grund, so selbst heller strahlen zu können.

Ein Scharlatan und Hochstapler

So ist dann auch aus der ursprünglich geplanten Heldengeschichte ein Schelmenroman geworden, schreibt Polster im Anhang seines Buches. Oder anders gesagt: Polsters Gropius-Biografie ist ein brutaler Denkmalsturz. In diesem Jahr wird das 100. Bauhaus-Jubiläum gefeiert. Polster aber zerstört den Mythos seines Gründers so gründlich, dass nichts mehr übrig bleibt als ein genialer Selbstdarsteller, der andere skrupellos ausgebeutet hat. Ein Scharlatan, ein Hochstapler. Und als Gropius-Bewunderer, schreibt Polster, werde man zum „Opfer der größten Gehirnwaschanlage der Architektur“.

Die Entwürfe kamen von anderen

Konkret ist hier die Gropius-Werkschau nach seinem Tod im Jahr 1969 gemeint. Die Wanderausstellung hatte auf einen Katalog verzichtet, um etwaigen Urheberstreitigkeiten aus dem Weg zu gehen. Das berühmte Fagus-Werk im niedersächsischen Alfeld? Stammte von seinem Angestellten und späteren Partner Adolph Meyer. Ebenso die Gropius-Türklinke und das Gropiuszimmer als Hommage an das Quadrat. Das Bauhaus Dessau - der entscheidende Entwurf kam von seinem Zeichner Carl Fieger. Die Werkstättenidee - von Peter Behrens. Das pädagogische Programm des Bauhauses mit dem berühmten Vorkurs - von Johannes Itten. Seine Reden und Schriften - größtenteils von seiner Frau Ise Gropius. Gropius selbst habe nur an einer Sache gebaut, an seinem „Kosmos der Legenden”.

Die Dynastie - ein Schwindel?

Das fängt schon mit seiner Herkunft an. Sich als Spross einer Architekturdynastie zu bezeichnen, hält Polster für grobe Übertreibung. Zwar war der berühmte Martin Gropius wirklich sein Großonkel und auch sein Vater war Schinkel-Bewunderer und Architekt, aber gebaut hat er als Beamter nie.

Das war es dann aber auch mit der Dynastie. Und überhaupt: Architekt? Für Polster eine Anmaßung. Gropius studierte ein Semester lang in München und knapp zwei Jahre in Charlottenburg, verließ dann aber im Sommer 1907 die Hochschule ohne Abschluss. Wie gut das „System Gropius“ bis heute funktioniert, kann man sehen, wenn etwa die Architekturzeitschrift „AW“ ganz selbstverständlich schreibt, er habe in München und Berlin Baukunst studiert, was ja auch keine Lüge ist, aber eben nur ein Teil der Wahrheit.

Ein Architekt ohne Abschluss

Zur Ehrenrettung Gropius’ könnte man einwenden, dass er nicht der einzige Architekt der frühen Moderne ohne Abschluss war: Peter Behrens war „nur“ diplomierter Bildhauer und Hans Scharoun, der Erbauer der Philharmonie, zog in den Krieg, ohne sein Studium danach abzuschließen. Polster will diesen Einwand aber nicht gelten lassen, denn im Unterschied zu seinen Kollegen habe Gropius, was Kunst, Literatur oder Musik betreffe, „keinerlei Talente entwickelt“, er sei „in Fragen der modernen Kunst und Architektur völlig unbedarft gewesen“, habe nur „über ein recht begrenztes historisches Wissen verfügt“ und sei „ein absoluter Laie” gewesen, der sich “in der Avantgarde kaum auskannte”.

Dass Gropius nicht gut zeichnen konnte und deshalb von Anfang an Zeichner beschäftigen musste, ist bekannt. Jahrzehntelang haben sich Studenten mit der gleichen Schwäche daran aufgerichtet - wichtig sei allein die Idee. Damit kam Gropius durch. Mehr noch: Die Arbeit im Kollektiv wurde besonders hervorgehoben. Polster aber legt es gegen ihn aus. Im kompletten Bauhaus-Archiv sei keine eigenhändige Zeichnung von Gropius. Hat Gropius alle nur getäuscht? Aber womit? Mit seiner eleganten Erscheinung? Mit seiner geschliffenen Rede? Seinem Charme?

Die Glücksfeen schwirren

Am Anfang, 1908, stand eine Begegnung mit dem Gründer des Folkwang-Museums in Essen, Karl Ernst Osthaus. Hier suggeriert Polster eine homoerotische Komponente, so dass Osthaus, den ihm bis dahin völlig Unbekannten, an das Büro von Peter Behrens vermittelte und später für eine Werkbundausstellung gewinnen konnte, die dann direkt in den Bauhaus-Direktoren-Posten mündete. Rational könne man diesen Aufstieg nicht erklären, schreibt Polster und bemüht ernsthaft Glücksfeen, die in seinem Buch herumschwirren und immer zur Stelle sind, wenn Gropius an einem Wendepunkt steht.

Als es Anfang der 30er-Jahre schwierig wird mit dem Bauhaus – Polster nennt eher finanzielle Ungereimtheiten als die politische Lage – erhält Gropius eine Einladung für einen Vortrag im Royal Institute of British Architects in London. Die Engländer sind begeistert. Mäzene ermöglichen ihm mit Billigung des deutschen Propagandaministeriums eine Emigration de luxe und kümmern sich um Lebensunterhalt, Wohnung und eine Partnerschaft in einem Architekturbüro. Damit sind die Weichen für Amerika gestellt. Wieder ist es eine persönliche Begegnung, die Gropius zu einer Ausstellung in New York verhilft und schließlich zu seiner Berufung als Professor in Harvard.

Und wieder hat Polster keine andere Erklärung dafür als Glücksfeen mit Feenstaub. Das ist ein bisschen schade. Denn damit verunglimpft er auch Gropius’ Wegbegleiter, die er ja rehabilitieren will, als blinde Jünger, die auf einen Glücksritter hereinfielen und eine leere Aura verehrten. Aber es war Gropius, der sie angezogen hat, der sie auch aktiv gesucht hat, der sie zusammenhielt und der sie auch gewähren ließ. Dazu gehört mehr als Glück.