Kammermusik

Das Klaviertrio wird schockgefroren

Spiel mit Gegensätzen: Frank Dodge eröffnet seine Spectrum Concerts mit Werken von Tschaikowsky und Schostakowitsch

Blick in die Generalprobe des Spectrum Concerts im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Blick in die Generalprobe des Spectrum Concerts im Kammermusiksaal der Philharmonie.

Foto: Adil Razali

Exquisite Kammermusik hat ihren Preis: Mit knapper Kasse und viel Mühe schafft es die renommierte Kammermusikreihe Spectrum Concerts, auch ihre 31. Saison in Berlin zu finanzieren. Sie bietet dabei im Kammermusiksaal der Philharmonie ein Eröffnungskonzert, das so etwas wie einen Kammermusik-Weltrekord aufstellen zu meinen scheint, sowohl in Programm als auch in Besetzung. Schon im anfänglichen Klaviertrio a-moll op. 50 von Peter Tschaikowsky tritt unter anderem der russische Geiger Boris Brovtsyn auf – keiner der Klassik-Glamourstars unserer Tage, aber immer dann in Kammerensembles auf internationalen Bühnen zu finden, wenn der Hauch des Exklusiven, Hochkarätigen weht.

Mischung aus Präzision und Obsession

Es geht Brovtsyn offenbar darum, Werke des Repertoires, die viele Kollegen nur knapp bewältigen, in Vollendung darzubieten – wozu er entsprechend kompetente Partner eben bei Spectrum Concerts findet. Eine hohe Gage werden die Mitwirkenden trotz kräftiger Unterstützung eines Berliner Spectrum-Förderkreises nicht bekommen haben – ihre Leistung ist ohnehin unbezahlbar.

Die Darstellung von Tschaikowskys Trio erzeugt Schwindel. Gerade das Zusammenspiel von Brovtsyn und dem Pianisten Eldar Nebolsin ist eine Mischung von Präzision des Klaviers und obsessiver Behandlung der Geige. Tschaikowskys ausladende und im Gebiet der Kammermusik in dieser Monumentalität kaum je dagewesene zwölf Variationen des zweiten Satzes beginnen Brovtsyn und der Cellist Jens Peter Maintz mit einem griffigen, ohne Aufwand erzeugten Ton und lassen sie in ein ekstatisches Spiel münden. Dieses bläst alle anfängliche Zweifel des Publikums fort, ob man diesen dunklen Winkel der romantischen russischen Seele nun wirklich kennenlernen wollte. Nebolsin seinerseits erweist sich mit seiner technisch vollendet ökonomischen Behandlung seines Instruments und seines Körpers in einem gleichwohl emotionalen Spiel als echter Schüler des großen russischen Klavierlehrers Dmitri Bashkirov, der mit seinen 87 Jahren ebenfalls im Publikum sitzt.

Horrorbilder einer diktaturgeschundenen Seele

Kammermusik-Weltrekord – das fällt einem vor allem zu Dmitri Schostakowitschs zerfurchter 15. Sinfonie ein, die im zweiten Teil des Konzerts in einer Fassung für Klaviertrio und 13 Schlaginstrumente erklingt. Der vorherige glühende Fluss der Emotionen aus Tschaikowskys Klaviertrio wird schockgefroren. Die komplexen Ablösungen des hochkonzentriert von Ni Fan und Lukas Böhm bedienten Schlagapparats mit den Instrumenten des Trios funktionieren in dieser Formation perfekt. Gnadenlose Galopps und sarkastisch entstellte Volkslieder: Es offenbart sich in der skelettierten Kammermusikfassung dieses Spätwerks überdeutlich, wie sich die musikalischen Horrorgestalten aus der diktaturgeschundenen Seele des alten Komponisten zu einer sinfonischen Form, zum allgemein Menschlichen verfestigen.