Konzert

Iván Fischers garantiert familienfreundlicher Strawinsky

Gepflegte Routine: Iván Fischer dirigiert im Konzerthaus ein Strawinsky-Programm mit dem Amsterdamer Concertgebouw Orchestra

Dirigent Iván Fischer

Dirigent Iván Fischer

Foto: Marco Borggreve

Vierter Abend des „Absolut Strawinsky!“-Festes am Gendarmenmarkt. Oder besser gesagt: „Iván Fischers Orchesterfest“, Teil zwei. Denn Iván Fischer, der Ex-Chef und Ehrendirigent des Konzerthausorchester, steht diesmal ganz eindeutig im Zentrum des musikalischen Geschehens. Und zwar mit allen drei berühmten Ballettsuiten des frühen Strawinsky an drei Abenden, verteilt auf drei Orchester, die Fischer besonders am Herzen liegen: das Konzerthausorchester und die „Feuervogel“-Musik zu Festivalbeginn; zum Abschluss dann der „Sacre“ und Fischers selbst gegründetes Budapest Festival Orchestra – jenes Ensemble, durch das Fischer in den 80ern und 90ern internationale Bekanntheit erlangt hat.

Noch bekannter ist allerdings nun der dritte Klangkörper in der Festival-Mitte. Ein Klangkörper, dem Fischer schon seit vielen Jahren als Gastdirigent verbunden ist: das Royal Concertgebouw Orchestra aus Amsterdam. Bekannt vor allem, weil es in Orchesterrankings regelmäßig unter den Top 3 der Welt auftaucht. Keine Überraschung also, dass die Erwartungen bei Strawinskys „Petruschka“-Suite jetzt einigermaßen hoch sind.

Gepflegte Routine und viel Wohlklang

Doch das Publikum muss sich noch etwas gedulden. Zuvor gibt es nämlich zwei unbekanntere Werke aus Strawinskys neoklassizistischer Phase: das Concerto in D für Streicher und das Capriccio für Klavier und Orchester. Und es ist ein gemütliches Warten, das Iván Fischer hier den Zuhörern bereitet. Mit viel Ofenwärme und viel Vibrato im Streicher-Concerto. Man könnte auch sagen: ein Sofa-Strawinsky.

Gepflegte Routine und besinnlicher Wohlklang herrschen dann sogar beim folgenden Capriccio vor, bekannt auch als Strawinskys Klavierkonzert Nr. 2. Hier versuchen die Bläser zwar mitunter anzutreiben, doch vergeblich: Der Pianist Emanuel Ax macht lieber gemeinsame Sache mit den bedächtigen Streichern – und lässt sich kaum aus seiner Komfortzone locken. Auch als Zuhörer kann man sich dabei natürlich bequem zurücklehnen und genießen, so zuverlässig und klangschön, wie Ax die Musik fließen lässt. Man könnte sich aber auch fragen, wo der Esprit und der Humor geblieben sind, jene musikalischen Charaktereigenschaften also, die Iván Fischer laut Programmheft an Strawinsky so sehr schätzt.

Strawinsky wie in einem Zeichentrickfilm

Und „Petruschka“ in der zweiten Konzerthälfte? Stämmig und liebenswürdig zugleich wirkt das Royal Concertgebouw Orchestra hier, sowohl muskulös als auch hochkultiviert. Mit anderen Worten: Unter Fischer klingt „Petruschka“ keineswegs nach Provokation. Was aber eigentlich naheliegend gewesen wäre – schließlich ist Petruschka ja eine Art zuckende Zombie-Holzpuppe mit grotesker Fratze und heftigen Eifersuchtsanfällen. Doch Fischer vermeidet an diesem Abend alles Fremde und Hässliche. Stattdessen liefert er lieber einen Petruschka, der so klingt, als hätte der gute alte Walt Disney einen Zeichentrickfilm über Petruschka gemacht: sehr unterhaltsam, garantiert familienfreundlich – und mit hundertprozentig sympathischem Helden.