Interview

Anna Loos: „Ich liebe es, eine Frau zu sein“

Anna Loos war Sängerin von „Silly“, zum Frauentag erscheint ihr erstes Soloalbum. Ein Gespräch über Musik und Liebe.

Anna Loos / Schauspielerin und Musikerin

Anna Loos / Schauspielerin und Musikerin

Foto: Reto Klar

Berlin. Anna Loos hat das Datum bewusst ausgewählt. Zum Frauentag erscheint ihr erstes Soloalabum. Wir treffen uns in Kreuzberg und reden - über das Frausein, die Musik und die Liebe.

Berliner Morgenpost: Frau Loos, Ihr erstes Soloalbum „Werkzeugkasten“ erscheint pünktlich zum Frauentag. Was ist das für ein Gefühl?

Anna Loos: Ich bin schon aufgeregt, aber ich freue mich, dass es jetzt endlich soweit ist. Für mich ist es gefühlt ja schon lange fertig, aber ich hatte die crazy Idee, dass der 8. März der Release-Tag ist. Ich hatte jedoch vergessen, dass ich ganz schön lange bis zum 8. März warten muss. (lacht) Ich hoffe, dass der Tag mir Glück bringen wird.

Sind Sie zufrieden mit Ihren zwölf Songs?

Ich bin nie zufrieden. (lacht) Doch, doch: Ich bin sehr stolz auf mein Album und freue mich jetzt riesig, dass es in die Welt zieht. Das Faszinierende bei einem Soloalbum ist ja, das man sich als Künstler allein austoben kann. Es redet keiner rein, und man muss keine geschmacklichen Kompromisse machen. Das ist für mich etwas Neues, denn ich komme ja aus einer zwölfjährigen Geschichte mit Silly. In einer Band muss jeder Kompromisse machen. Jetzt bin ich alleine mit meiner Arbeit, meiner Kreativität, meinem Geschmack, meinem Zweifel und meinen Songs, dass ist eine tolle Erfahrung.

Der erste Song heißt „Startschuss“. Und geht so: „Ich bin wer ich bin. Wo ihr hinrennt, da will ich nicht hin...“ Ist das ein Abschiedslied zu Silly?

Nein, Quatsch. Wenn ich was will, dann ist das für mich immer stärker als das, was die Anderen von mir wollten. Bei „Startschuss“ möchte ich dafür stehen, das es richtig und wichtig ist, sein eigenes Tempo zu haben und auch ab und zu mal gegen den Strom zu schwimmen, Mut zu haben, Fehler zu riskieren und selbst zu bestimmen, was einen glücklich macht. Jeder hat sein eigenes Tempo. Ich glaube nicht, dass man glücklich wird, wenn man nur das macht, was dienanderen von einem erwarten. Man sollte hauptsächlich machen, wofür man brennt.

Aber das hat mit Silly nicht mehr geklappt?

Die Band wollte vor zwei Jahren nicht die Arbeit an einem neuen Album aufnehmen. Ich hatte jedoch länger schon ein paar Ideen, die ich zu Papier bringen wollte. Da es bei Silly keine Kreativarbeit gab, war Zeit für mich, mich hinzusetzen und zu beginnen, an meinen eigenen Ideen zu arbeiten. Nach einer kurzen Anlaufphase rollte das Ganze so richtig los. Das war der Punkt, an dem mir klar wurde, dass ich daraus ein Album machen will, und das habe ich den Jungs dann gesagt. Sie wollten live spielen, ich wollte ein neues Album schreiben. Manchmal braucht man einfach eine Pause, bei uns war das der Fall.

Und jetzt gehen Sie mit dem Album auf Tour?

Ja. Ich habe zwei Jahre lang an dem Album gearbeitet, ab März geht es auf Tour – in kleinen Clubs. Da freue ich mich schon wahnsinnig drauf.

Als ich die Lieder angehört habe, dachte ich: Anna Loos ist schon eine sehr emotionale Frau.

Stimmt. Ich bin eine sehr emotionale Frau. Ich liebe es, eine Frau zu sein. Ich habe früher immer gedacht, wenn ich mir was wünsche könnte, wäre ich gern für einen Tag ein Mann. Wie ein Mann empfindet, wie er denkt, das fände ich spannend. Vielleicht bin ich nicht emotionaler, sondern einfach anderes emotional. Was mich aufregt oder traurig macht, nimmt Jani locker, umgekehrt gibt es das natürlich auch.

Und Sie sind voller Liebe. Es sind fast alles Liebeslieder...

(lacht). Ich bin voller Liebe – und ein Positivist. Das Wort gibt‘s nicht, ich weiß. (lacht) Ich habe diese Grundeinstellung zum Leben von meinen Eltern geerbt. Sie haben nie dagesessen und gesagt: Oh Gott, jetzt haben wir ein Problem.

Das war zu DDR-Zeiten aber auch nicht einfach. Oder anders: Da dachte man doch eher: Wir haben ein Problem.

Meine Eltern haben sich oft mit einem Lächeln hingesetzt und sagt: Okay, was machen wir denn jetzt. Heute denke ich oft, die Leute machen sich so viele Probleme und haben Angst davor, Fehler zu machen. Meine Mutter hat immer gesagt: Fehler sind nicht schlimm, schlimm ist, wie ein Kaninchen vor der Schlange zu sitzen und sich aus Angst vor Fehler nicht zu bewegen. Geh raus – und mach etwas, das war und ist ihre Devise. Ich hatte nie Angst vor Fehlern. Meine Misserfolge, all die Stolpersteine, die haben mich am meisten weitergebracht. Ein Erfolg macht einen ja nicht besser.

Die Songs – sind die alle Sie selbst, authentisch? Es geht viel um Liebe, um Jungs in Frauenkleidern, ums Verlassenwerden.

Das Album ist eine Reise durch mein Leben. Ich wollte aus ein paar Stationen in meinen Leben Songs machen, habe dann später aber auch gedacht, dass einige von ihnen sehr privat geworden sind. Da entstand auch die Idee zu dem Cover für das Album: Alles ist weiß, kein Make-up. Das Durchsichtige passt für mich hundertprozentig zu den Songs.

Sie sind ja nicht nur Sängerin, sondern auch Schauspielerin und waren kürzlich wieder als Kommissarin „Helen Dorn“ im Fernsehen zu sehen. Sind Sie auch so eine einsame Wölfin wie Helen Dorn?

Nein. Ich bin schon so eine Alleinkämpferin, ich bin aber auch ein guter Teamplayer. Im Gegensatz zu Helen Dorn lache ich unheimlich gerne, mich interessieren andere Menschen, ich rede gerne mit Leuten. Ich finde Menschen inspirierend. Ein gutes Gespräch ist für mich besser, als ein gutes Buch zu lesen.

Die Rolle der Helen Dorn spielen Sie aber sehr überzeugend...

(lacht) Ich habe mir die auch mit ausgedacht. Das ist bestimmt auch eine Seite von mir. Polizist zu sein, ist ein anstrengender Job – und der Beruf macht ja auch etwas mit einem.

Ihr Mann Jan-Josef Liefers ist ja auch Tatort-Ermittler. Stört es Sie, dass Sie oft auch über Ihren Mann wahrgenommen werden?

Das empfinde ich nicht so. Jani ist ja ein bisschen älter, fast sieben Jahre – was witzig ist, denn bei meinen Eltern ist der Altersunterschied genauso –, und hat natürlich schon mehr in seinem Beruf gemacht. Ich bin stolz auf ihn. Als er die Rolle für den Tatort angeboten bekam, war ich gerade mit dem ersten Kind schwanger, wir haben das Drehbuch gelesen, viel diskutiert, was es bedeutet, Mitglied eines Tatort-Ensembles zu sein. Ich habe mich so gefreut über seinen Erfolg im Münsteraner Tatort – und das jetzt schon seit 17 Jahren. Wenn jemand mich vorstellt als „die Frau von Jan-Josef Liefers“, dann sage ich gerne: „Hallo, mein Name ist Anna.“

Wie kriegen Sie das alles unter einen Hut – Schauspielen, singen, Familie, Haushalt, Freunde, Hunde haben Sie auch noch?

(lacht) Zwei Hunde und einen Kater. Manchmal bekomme ich das nicht unter einen Hut, dann funke ich schon S.O.S. Aber irgendwie geht es immer. Eines von meinen Talenten ist es, eine Struktur zu haben und viele Sachen gleichzeitig im Blick zu haben. Zum Glück.

Typisch Frau?

Vielleicht. Mein Mann kann das nicht so gut. Aber bei uns gibt es da keinen Streit. Wir haben uns vorgenommen, unsere Stärken zu stärken und uns nicht die Schwächen um die Ohren zu hauen. Das funktioniert bei uns sehr gut.

Wollen Sie bewusst Vorbild für Ihre Töchter sein?

Ich bin total glücklich, dass ich zwei Töchter habe. Und ja – ich will ganz bewusst Vorbild für sie sein. Als Frau. Da achte ich sehr drauf. Ich möchte, dass sie das Frausein auch leben oder zelebrieren können, also sich die Lippen rot schminken oder hübsche Kleider tragen, aber dass sie auch wissen, dass sie nicht auf ihr Aussehen reduziert werden. Ich hatte mit meiner Großen kürzlich eine Diskussion, weil ich ein Foto von mir bei Instagram gepostet habe, ungeschminkt, mit müden Augen. Sie meinte, ich dürfe das nicht machen, weil ich megahässlich ausgesehen habe. Ich habe ihr aber gesagt: So sehe ich morgens aus, eben nicht wie aus dem Hochglanzmagazin. Und ich versuche, ihnen beizubringen, für andere da zu sein, nicht nur zu reden, sondern auch zuzuhören.

Die Metoo-Debatte hat vor zwei Jahren in Ihrer Branche vieles aufdeckt, was man nicht mehr für möglich gehalten hätte. Wie wichtig war und ist diese Debatte?

Sie ist nicht grundlos – und deshalb auch wichtig. Ich habe sehr jung in der Branche angefangen, aber ich habe mit meiner burschikosen Art immer sofort gestoppt, wenn sich jemand mir gegenüber unangemessen genähert hat. Aber es gibt Frauen, die können das nicht so gut, die können nicht sofort sagen: Hey, was machst du denn hier, bist du bescheuert? Ich finde die Debatte deshalb wichtig, aber man muss auch aufpassen, dass man nicht überzieht. Mein Mann steigt beispielsweise nicht mehr mit einer Frau allein in einen Fahrstuhl ein – weil er nicht weiß, was sie sagt, wenn sie aussteigen. Das hat leider auch die Metoo-Debatte ausgelöst. Das finde ich traurig – denn ein ungezwungenes Miteinander ist doch so wichtig.

In diesem Jahr ist der Frauentag zum ersten Mal in Berlin ein Feiertag. Sie kennen das noch aus der DDR?

Mein Vater hat meiner Mutter immer einen Strauß Blumen gekauft. Und meine Mutter ist am Frauentag immer mit ihren Freundinnen einen trinken gegangen. Muttertag und Frauentag – das bedeutete „Mami feiern“. Meine Mutter hat das sehr gemocht.

Finden Sie gut, dass der Frauentag ein Feiertag geworden ist?

Ich finde es gut, dass jetzt offiziell an diesem Tag den Frauen Respekt erwiesen wird. Wenn jetzt noch dafür gesorgt wird, dass die Frauen genauso viel verdienen wie Männer, dann wäre das noch besser. Schritt für Schritt – ich glaube an die kleinen Schritte.

Was machen Sie am Frauentag?

Ich probe fürs meine Werkzeugkastentour, und werde mir einen schönen Tag machen. Und ich werde an meine Mutter denken. Und ich werde allen Frauen, die ich auf der Straße treffe, gratulieren.

Alle Artikel zum Thema „Frauentag in Berlin“ lesen Sie hier.