Klassik

Barockshows mit extravaganten Kostümen

Die Berlinerin Simone Kermes ist die etwas andere Diva. Inzwischen ist sie mit ihrem eigenen Barockorchester unterwegs. Ein Treffen

Simone Kermes

Simone Kermes

Foto: Gregor Hohenberg /Sony Classica

Berlin. Die Sopranistin Simone Kermes hat einen Liebesbrief geschrieben. „Lieber Georg Friedrich, Du begleitest mein ganzes Leben, meine Karriere. Was wäre ich wohl heute ohne Dich. Seit mich Deine Musik ins Herz und in die Seele traf, bin ich beflügelt von Deiner Magie“, steht darin. Die innigen Zeilen sind an den Barockkomponisten Georg Friedrich Händel gerichtet, den sie als ihren Seelenverwandten empfindet. Sie hat den Brief im Booklet zu ihrer CD „Mio caro Händel“ veröffentlicht.

Simone Kermes ist die etwas andere Diva. Die Berlinerin gehört zu den gefeierten Barocksängerinnen unserer Tage, aber sie geht gern ihre eigenen Wege. Aus dem konventionellen Musikbetrieb, an dem sie viel zu kritisieren hat, zieht sie sich mehr und mehr zurück. Sie gestaltet am liebsten eigene Projekte mit viel Herzblut, Barockshows mit extravaganten Kostümen, farbigem Licht und Hüftschwung. Wer einen singenden Vulkan erleben möchte, ist bei Simone Kermes richtig. „Lady Gaga der Klassik“ wird sie gern genannt, auch weil sie keine Genregrenzen akzeptiert und mit Unterhaltungskünstlern wie Roland Kaiser zusammen auftritt.

Händel ist der Komponist für meine Stimme

Sie macht alles mit großer Leidenschaft. So ein Liebesbrief an Händel passt zu ihr. „Mit 14 Jahren habe ich mich in seine Musik verliebt. Er ist der Komponist für meine Stimme. Mit ihm habe ich immer Glück und Erfolg gehabt, egal ob in meiner ersten Oper, bei Wettbewerben oder später in New York und Italien“, schwärmt sie. Außerdem sieht sie Parallelen in ihrer und seiner Vita. Die Sängerin und der Komponist haben beide mit 12 Jahren den Vater verloren. „Wir haben uns allein durchgeboxt und sind in die Welt gezogen.“

Wie Händel hat sie ihren Zugang zur klassischen Musik selbst und eher gegen den Widerstand der Eltern gefunden. Mit fünf Jahren träumte sie, sie stünde auf einer Opernbühne. Musikunterricht hat sie von ihrem Taschengeld finanziert. Nach einer Ausbildung zur „Facharbeiterin für Schreibtechnik“, wie der Beruf der Sekretärin damals genannt wurde, konnte die Leipzigerin endlich Gesang studieren. Nach drei Jahren im Ensemble von Koblenz machte sie sich selbstständig.

Inzwischen gibt sie fast nur noch Konzerte

Sie sang „Die Zauberflöte“ in Bonn, „Die Fledermaus“ in Stuttgart, es folgten Kopenhagen, Paris und New York. Doch das Gastieren auf Opernbühnen genügte ihr irgendwann nicht mehr. Sie suchte neue Herausforderungen in eigenen Programmen mit einem eigenen Stil. Mit ihrer offenen und eigenwilligen Art hat sie sich in der Musikwelt aber nicht nur Freunde gemacht. Inzwischen gibt sie fast nur noch Konzerte. Da kann sie authentisch sein, das betont sie im Gespräch.

Die Sängerin sitzt am Tisch in ihrer großzügigen, hellen Wohnung. Sie lebt sozusagen im Auge des Orkans: in einem ruhigen Gartenhaus im Herzen des Trubels in Mitte. Gerade ist sie aus Bali zurückgekehrt, wo sie sich auf dem Anwesen eines Freundes mitten im Dschungel entspannt hat. Jetzt steckt sie wieder voller Tatendrang.

An Händel schätzt sie auch seinen Unternehmergeist. „Er war ein unabhängiger Geist, hat alles selbst in die Hand genommen und ist Risiken eingegangen“, sagt die Sängerin. Sie entwirft nicht nur ihre Konzertprogramme selbst, sondern auch die großen Roben. Ein „Händel-Kleid“ im barocken Stil ist darunter. Sie ist ihre eigene Managerin und hat vor zwei Jahren ihr eigenes Barockorchester aus langjährigen Künstlerfreunden gegründet: die Amici Veneziani. Simone Kermes bezeichnet sie als ihre Familie, für die sie auch kocht. „Es sind Italiener, sie haben Temperament, agieren auf der Bühne spontan, mit vollem Risiko. So bin ich auch“, erklärt sie.

Es ist ihr erstes selbst veranstaltetes Konzert

Mit ihrem Orchester gibt sie Konzerte, um ihre neue Händel-CD zu bewerben. Ausgerechnet in ihrer Wahlheimat Berlin fand sie keinen Konzertveranstalter. Berlin sei keine Sängerstadt, sagte man ihr, doch daran glaubt sie nicht: „Ich habe in Berlin immer ein volles Haus gehabt, und dieses Programm muss nach Berlin.“ Wenn sich Simone Kermes etwas in den Kopf setzt, findet sie auch eine Lösung. Und wenn sich kein Veranstalter findet, übernimmt das die Sängerin eben selbst.

Ihren vielen Berufen fügt sie nun einen weiteren hinzu: Konzertveranstalterin. Alle haben ihr wegen des hohen finanziellen Risikos abgeraten, aber zwischen ihren Konzerten in Paris und Dresden war ein verlockender Termin im Kammermusiksaal der Philharmonie frei. Also mietete sie den Saal, ließ Plakate und Flyer drucken, schaltete Anzeigen, buchte für ihr Orchester Flüge und Hotels und kümmerte sich um den Instrumententransport. Sie macht ganz neue Erfahrungen, etwa dass man farbige Scheinwerfer nur mit einem Extra-Licht-Paket bekommt und dass man Flyer nicht einfach in Kulturinstitutionen auslegen darf. In diesen Wochen hilft es ihr, dass sie einst Sekretärin gelernt hat.

„Händel Himmlisch!“ hat sie das Programm genannt, in dem sie neben den Händel-Arien auch Perlen von Pergolesi, Hasse und Popora singt. „Der Abend soll abwechslungsreich und unterhaltsam werden. Es ist Musik, die mich schon lange begleitet“, erzählt sie. Natürlich wird sie auch die Arie singen, die ihre Fans erwarten, weil sie schon fast zum Markenzeichen der Sängerin geworden ist: „Lascia ch’io pianga“ aus Händels Oper „Rinaldo“. Simone Kermes freut sich auf ihr erstes selbst veranstaltetes Konzert. Sie glaubt fest daran, dass ihre Berliner Fans sie nicht im Stich lassen werden.