Ordentlich was los auf dem Tempelhofer Feld an diesem kalten, aber sonnigen Sonnabend zur Mittagszeit. Skater, Jogger, Radfahrer, mehr oder weniger Geübte auf Elektrorollern und Segways, Spaziergänger, Sonnenanbeter auf Parkbänken – und wir mittendrin. Als Berlins neuer Landesbranddirektor Dr. Karsten Homrighausen seiner Familie von unserer Verabredung erzählte, empfahl die ihm das stillgelegte Flugfeld. Seine Frau und die Kinder waren schon mal da und ganz begeistert. „Ich bin ja von Haus aus neugierig, will immer was Neues entdecken. Es war ein sehr guter Tipp“ sagt Berlins seit August amtierender Feuerwehrchef gleich zur Begrüßung.
Lernen von der Luftbrücke
Dieser Ort stecke für ihn voller Symbolik. „Natürlich die Luftbrücke. Als Symbol für viele Dinge. Sie ist Ausweis dafür, wie eine Gesellschaft zusammensteht, wie sich Freunde in der Not helfen. Das vermissen wir ja heute leider manchmal. Das Tempelhofer Feld entwickelt sich ja auch zunehmend zum Experimentierfeld für neue Mobilitätsangebote; vom Elektrofahrrad bis zum Segway. Und dann das friedliche Miteinander der Menschen, das wünscht man sich in der ganzen Stadt. Und schließlich: Wo gibt es mitten in einer Stadt einen solchen Weitblick. Den brauchen wir in Berlin wenn es darum geht, uns für die Zukunft richtig zu positionieren und zu dimensionieren - auch bei der Feuerwehr.“
Da scheint es ja einige Herausforderungen zu geben. Im letzten Jahr mahnten Feuerwehrleute vor dem Roten Rathaus quasi als Notruf an die Politik, den nicht besonders gut bezahlten und ausgerüsteten Einsatzkräften der Feuerwehr zu Hilfe zu kommen. „Klar, die Berliner Feuerwehr funktioniert. Gleichwohl hat es in den vergangenen Jahrzehnten Entwicklungen gegeben, die uns jetzt vor schwierige Aufgaben stellen. So haben die Kolleginnen und Kollegen darauf aufmerksam gemacht, dass sie kaputt gespart worden sind. Wenn Feuerwehrleute demonstrieren, ist es fünf nach Zwölf. Jetzt gilt es die Berliner Feuerwehr zukunftssicher aufzustellen. Das hat Innensenator Geisel auch erkannt.“
Es geht nicht von jetzt auf gleich
Es gebe jetzt gute Vereinbarungen zwischen dem Senator und den Gewerkschaften. „Aber bessere Bezahlung und Modernisierung der Einsatzfahrzeuge sind nicht von heute auf morgen zu erreichen.“ Der Turnaround, also eine Besserung, sei eingeleitet. Im Doppelhaushalt 2018/19 sind 354 neue Stellen eingeplant. Weiteres Geld für die Beschaffung von Ersatzfahrzeugen kommt aus dem Nachtragshaushalt 2019.
„Aber ich muss deutlich sagen: Ein Signal, das allerdings noch nicht reicht, um die Berliner Feuerwehr bis 2030 zukunftssicher zu machen angesichts der wachsenden Stadt. Dabei zähle ich auf die Verantwortung der Politik. Auch auf die Parlamentarier im Abgeordnetenhaus, denn die haben das letzte Wort,“ sagt der Chef der rund 3.500 Frauen und Männer in den dunkelblauen Uniformen. Eine vorsorgliche Mahnung vor dem Hintergrund, dass er für den Innensenator ein Konzept „Strategie 2030“ erarbeiten soll.
Aus Stuttgart nach Berlin
Was hat ihn eigentlich bewogen, aus dem eher wohlgeordneten und beschaulichen Stuttgart in das eher chaotische und letztlich doch finanzklamme Berlin zu wechseln? „Es hat mich nach vielen sehr unterschiedlichen Verwendungen unheimlich gereizt, Chef einer großen Feuerwehr zu werden. Allerdings musste auch der Familienrat zustimmen.“ Bevor er Chef von Deutschlands größter und ältester Feuerwehr wurde, war er unter anderem Dozent an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal (Baden-Württemberg) für Führungslehre, nach 9/11 reiste er als gefragter Fachmann für Stabsausbildung im Katastrophenschutz durchs Land, hat im Vorfeld der Fußballweltmeisterschaften 2006 in Deutschland, 2010 in Südafrika, 2014 in Brasilien und von Olympia 2012 in London die Sicherheitskonzepte für die Großveranstaltungen miterarbeitet. Zwölf Jahre war er Leiter der Abteilung Einsatz der Stuttgarter Feuerwehr, vor dem Wechsel nach Berlin Referatsleiter „Feuerwehr und Brandschutz“ und Landesbranddirektor im baden-württembergischen Innenministerium. Seine Neugier ist auch der Grund für die vielen sehr unterschiedlichen Verwendungen. „Und ich schaue auch gern über den Tellerrand der Feuerwehr hinaus.“ Schon seit jungen Jahren. So hat er Wehrdienst bei der Bundeswehr geleistet, obwohl er das gar nicht musste.
„Ich wollte mitreden und wissen, wie das beim Bund ist“

Eigentlich war er freigestellt, weil er Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr in seiner Heimat Herdecke (Westfalen) war. In die trat er schon als Dreizehnjähriger ein. „Ich fand die roten Fahrzeuge mit Blaulicht und Martinshorn faszinierend. Bei uns zu Hause haben wir vier Kinder mit den Eltern viele gesellschaftliche Diskussionen geführt. Auch ein Grund, zur Feuerwehr zu gehen. Frei nach von John F. Kennedy, frage nicht, was Dein Land für dich tun kann, sondern Du für das Land.“
Zurück zur Berliner Feuerwehr. Die beschwert nicht nur Mängel, die ist auch höchst innovativ. Während wir uns auf der Hälfte des Wegs dem Ostausgang Neukölln nähern, zieht Dr. Homrighausen sein Smartphone aus der Tasche und öffnet eine spezielle App. Uhrzeiten und Zahlen werden sichtbar. „Es ist jetzt 12.15 Uhr, die 535 zeigt die Einsätze seit 0 Uhr an. Wir in der Feuerwehrführung haben damit einen optimalen Überblick, was unsere Einsatzkräfte gerade leisten. Das ist einmalig in Deutschland. Auf diese Entwicklung sind wir sehr stolz.“
Nicht jeder Einsatz ist ein Notfall
Der Freude folgt die Ernüchterung auf dem Fuße. „Von den 535 Einsätzen sind etwa 480 Rettungsdienste zu fahren. Hier wird mir oftmals gemeldet, dass es sich um unterschwellige Einsätze handelt.“ Also keine wirklichen Notfälle. Das sei kein Vorwurf. Aber die Gesellschaft müsse sich Gedanken machen, wie die Versorgungsstrukturen von der Einzelperson bis hin zu den Krankenhäusern verbessert werden kann. „Wie viele Berliner haben heute eigentlich noch einen Hausarzt, an den sie sich wenden können; auch am Wochenende? Die Fähigkeit zur Selbsthilfe könnte besser werden. Leichte Verletzungen oder leichte Erkrankungen sind kein Fall für die 112. Wir müssen dazu kommen, wieder vernünftig zu sortieren: Was ist ein Fall für die Rettungsdienste, was für den Ärztlichen Notdienst, was für den Hausarzt, was für den Krankentransport.“ Der Feuerwehrchef hofft in diesem Zusammenhang auf Besserung durch mehr Aufklärung mittels einer Kampagne.
Dr. Homrighausen ist promovierter Chemiker, aber nicht der erste Berliner Feuerwehrchef mit diesem akademischen Titel (der erste war Dr. Friedrich Kaufhold, 1957 bis 1968 im Westteil der Stadt). Wohl ist er der einzige Landesbranddirektor in Deutschland, der drei goldene Sterne auf den Schulterklappen seiner Uniform trägt. Feuerwehr ist Ländersache. Berlin hat sich für das reichhaltigste Dekor entschieden. „Selbst der Präsident des Deutschen Feuerwehrverbandes hat nur zwei Sterne. Die Zusammenarbeit ist jedoch hervorragend. Wir sind seit langem befreundet.“
Ein frohgemuter Charakter
Da kann sich der „drahtige“ Mann mit dem kurzen Stoppelhaar ein Schmunzeln nicht verkneifen. Wie er sich ohnehin während des Spaziergangs als eher frohgemuter Charakter in beruflich höchst ernstem, auch brandgefährlichen Umfeld entpuppt. Und dabei ist er in Westfalen aufgewachsen, einem Menschenschlag, dem man vor allem Verlässlichkeit, bisweilen auch ein bisschen Sturköpfigkeit nachsagt. Letzteres ist ihm schon wegen seiner permanenten Neugier nicht zuzutrauen.
„Neben der Familie habe ich einen großen Freundeskreis. Da lernt man viel dazu, weitet seinen Horizont und bereichert sein Wissen. Die Welt ist zu bunt, um an einer Stelle zu verharren.“ Das gilt auch für die Urlaube: Hochgebirge, holländische Nordsee, französischer Atlantik, Skilaufen, Hüttenwanderung und, wieder ganz Neugier, im Sommer soll die Umgebung Berlins per Boot entdeckt werden.
Selbstverständlich alles dosiert, zumal jetzt in Berlin, da die Herausforderungen immens sind. Denn es gilt, das Vertrauen bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zurückzugewinnen, weil in den vergangenen 20 Jahren zu wenig investiert und saniert worden ist. „Die Menschen in der Berliner Feuerwehr kommen nicht mit der Motivation, extrem viel Geld zu verdienen, zu uns, sondern um anderen Menschen zu helfen. Wenn es dafür an Anerkennung in der Gesellschaft mangelt und Sparen als Diktat verordnet wird, nimmt die Motivation Schaden. Deshalb verstehe ich mich auch als Motivator.“
„Die Feuerwehr rettet jeden“
Angesichts des Auftrags zur Hilfe für jedermann ist die zunehmende Gewalt bei Rettungseinsätzen gegen sie ein weiterer Schlag gegen das Selbstverständnis der Feuerwehrleute. „Das stimmt mich traurig. Wir müssen den Anfängen wehren. Unglaublich, wie manche Unbelehrbare meinten, an Silvester Krieg spielen zu können. Die Feuerwehr rettet jeden. Wir machen keinen Unterschied zwischen Alter, Herkunft, Nationalität oder Religion. Insofern ist die Feuerwehr ein ganz wichtiger Kitt für den Zusammenhalt unserer Gesellschaft. Umso unverständlicher die Attacken auf unsere Helfer in der Not.“ Die die Berliner besonders nervende Böllerei übrigens sei ein spezielles Problem dieser Stadt. „Das kenne ich aus dem süd- und westdeutschen Raum in diesen Ausprägungen nicht.“
Motivation auch von ganz oben ist also dringlich geboten. Bei seinem Antritt vor einem halben Jahr hat sich „der Neue“ in einem umfänglichen Rundschreiben bei seinen Mitarbeitern vorgestellt, die Erwartungen an sie formuliert und die eigenen Ziele beschrieben. Ein Kernsatz lautete: „Wir müssen das Richtige richtig machen“. Also alles auf den Prüfstand. Erste Veränderungen sind beschlossen: Schichtpläne wurden geändert, angefallene Überstunden in großem Stil ausbezahlt. Aber das, so Homrighausen, könne nur der Anfang sein.
„Wir hatten großes Glück“
Als Landesbranddirektor ist er zugleich Chef der Freiwilligen Feuerwehren Berlins (1.451 Mitglieder). „Die Zusammenarbeit ist mir ganz wichtig. Sie wird immer dann besonders wirksam, wenn sie näher am Einsatzort und deshalb schneller sind.“
Das Richtige richtig machen. Auch als Erfahrung aus dem Terroranschlag am Breitscheidplatz? „Ich war damals noch nicht im Dienst. Aber eine Lehre ist, dass Kommunikation bei derartigen Großereignissen alles ist. Keine Lage ist identisch. Der Erfolg eines koordinierten Einsatzes verschiedener Rettungskräfte hängt entscheidend ab von der Kommunikation. Da gibt es noch Optimierungsbedarf.“ Wer neu nach Berlin kommt, hat es bekanntlich eher schwer, eine Wohnung zu finden, zumal eine Großfamilie wie die Homrighausens mit drei Kindern. Schon eine gefunden? „Wir hatten großes Glück. Kaum war der Suchauftrag im Internet eingestellt, hatte ich schon Kontakt zu einem Vermieter.“ Wohl ein beruhigendes Gefühl, einen Feuerwehrchef als Mieter und Nachbarn zu haben.
Zur Person
Familie Dr. Karsten Homrighausen wurde 1968 in Welzheim nahe Stuttgart geboren, wuchs im westfälischen Herdecke auf , ist verheiratet, hat drei Kinder und wohnt in Friedenau.
Ausbildung Schon während der Schulzeit Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr, nach dem Abitur ab 1989 studierte er Chemie in der Ruhr Universität Bochum, 1997 Promotion zum Dr. rer. nat. Karrierestufen: 1997 Ernennung zum Regierungsbrandreferendar in Baden-Württemberg, zwei Jahre später Beförderung zum Brandassessor. Es folgten Stationen als Dozent an der Landesfeuerwehrschule in Bruchsal und als Referent in der Branddirektion Stuttgart. Von 2004 bis 2016 leitete er die Einsatzabteilung der Stuttgarter Feuerwehr. Danach Verwendung im Stuttgarter Innenministerium als Referatsleiter „Feuerwehr und Brandschutz“.
Berlin Seit August 2018 als Landesbranddirektor Leiter der Berliner Feuerwehr. Berlins Feuerwehr: die älteste (seit 1851) und größte (rund 3.5oo Mitarbeiter in der Berufs- und 1.450 in den Freiwilligen Feuerwehren). Sie hat 35 Feuer- und Rettungswachen, zum Fuhrpark gehören 188 Lösch-, 250 Rettungs- , 41 Drehleiter- und 22 Rüstfahrzeuge.
Der Spaziergang führte rund um das Tempelhofer Feld.


