Ballett

„La Sylphide“ am Staatsballett: Schwerelose Schwestern

Einen gelingenden Ausflug in die Ballettgeschichte unternimmt das Staatsballett mit „La Sylphide“.

„La Sylphide“ von August Bournonville am Staatsballett

„La Sylphide“ von August Bournonville am Staatsballett

Foto: Staatsballett Berlin / Yan Revazov

Berlin. Mit einem Museumsstück den Eindruck von Zeitgenossenschaft zu erwecken – am Staatsballett gelingt’s. Frisch und luftig wirkt „La Sylphide“ in August Bournonvilles Version aus dem Jahr 1836 bei der Premiere an der Deutschen Oper.

Trotz des wuchtig-realistischen Burg-Settings mit Gebälk und Kamin im Ersten Akt, trotz der Lokalkolorit vortäuschenden schottischen Kostüme, trotz der ausladenden Pantomimen.

Gestensprache ist nun einmal Teil der klassisch-romantischen Handlungsballette – und in „La Sylphide“ sind die Körperbewegungen klar kommunikativ: Man versteht die Handlung auch ohne Vorwissen.

Junker James (Marian Walter, der den verletzen Daniil Simkin ersetzt) ist Effie versprochen, die Hochzeitsfeier wird eben vorbereitet. Da erscheint ihm, der auf seinem Lehnsessel döst, ein zauberhaft leichtfüßiges Wesen in weißem Tüll, die ihm seine Liebe bekundet. Ein Idealbild des Ballett, wurde diese erdenthobene Weiblichkeit mit „La Sylphide“ überhaupt erst erfunden. Des Luftgeists Zuneigung (als Gast: Maria Kochetkova) bringt James in einen Loyalitätskonflikt. Auch wenn er mit Effie (Alicia Ruben) tanzt, denkt er an die sich ihm entziehende Sylphide. Schließlich verlässt er seine eigenen Feierlichkeiten, um der überirdischen Kreatur in den Wald zu folgen, wo die beiden einen kurzen Moment des Glücks erleben.

Bournonville-Spezialist Frank Andersen studierte die Choreographie ein

Sonnenreflexe tanzen auf den Blättern in diesem lichten Wald, den die Bühnen- und Kostümbildnerin Marie í Dali und die Lichtgestalterin Ellen Ruge vor einer träumerisch blauen Bergkulisse kreiert haben. Aktualisiert müsste man sagen, denn „La Sylphide“ wird seit seiner Premiere vor bald 200 Jahren am Königlich Dänischen Ballett im Original getanzt und an andere Compagnien weitergegeben. In Berlin hat Bournonville-Spezialist Frank Andersen die Choreographie einstudiert. Ob es ihm zu verdanken ist, dass alle Bühnenzeichen stimmig gesetzt sind? Oder nimmt man als Zuschauerin die Anachronismen des Balletts hin und fokussiert auf das Gelungene, weil „La Sylphide“ von den Intendanten Johannes Öhman und, noch im Hintergrund, Sasha Waltz, in ein transparent kommuniziertes Programmkonzept eingebettet ist? 50 Prozent klassisches und 50 Prozent zeitgenössisches Repertoire zeigen sie und möchten mit „La Sylphide“ Tanzgeschichte anschaulich machen.

Sicher ist es auch Bournonvilles Kunstwerk selbst, das Spuren seiner Entstehungszeit trägt, aber nicht veraltet wirkt. Was „La Sylphide“ unterscheidet von etlicher Klassik, die in den vergangenen Jahren am Staatsballett zu sehen war: Es ist kein durch dutzende Tanznummern aufgerüschtes Amüsement, sondern dramaturgisch wie musikalisch auf Spannung und den Fortgang der Narration konzentriert. Kaum begonnen, schon zerronnen – „La Sylphide“ dauert eine kurze Stunde.

Klarheit herrscht in der Erzählung wie in den Bewegungsqualitäten: Die Sylphide hält ihre Arme keusch am Körper, ihre Sprungkombinationen zielen auf Schwerelosigkeit. James darf stolz schreiten und sich mit seinen Sprüngen hoch in die Luft schrauben. Eindrücklich ist, dass die beiden sich kaum berühren – die Sylphide als Luftwesen ist für James nicht zu greifen. Vielleicht ist sie auch nur Produkt seiner Phantasie? Maria Kochetkova zeichnet die Sylphide als unschuldigen Geist, der James mit der Besitzlust eines Kindes begehrt, ohne Übelwollen.

Großäugig wimpernklimpernd staunt sie den Menschenmann an. Bringt ihm Früchte, schöpft Wasser und hebt vorsichtig ein Vogelnest aus dem Baum, um es ihm darzubieten. Väterlich streng fordert James sie auf, das Nest wieder zurückzulegen. Zwei Seiten hat diese Figur und Marian Walter verkörpert sie glaubwürdig: Er ist ritterlich Anbetender und zugleich autoritär Anweisender, wenn er etwa die Hexe Madge (Aurora Dickie) mit körperlicher Gewalt aus seiner Burghalle entfernen möchte.

Fast ein Kommentar auf die #MeToo-Debatte

Verführbar ist er auch: die Sylphide erinnert ihn mit Fingerzeig auf den Verlobungsring immer wieder an seine Verpflichtung. Fast könnte man es als einen Kommentar auf #MeToo verstehen, dass James für sein herrisches Alles-Haben-Wollen bestraft wird. Madge, die Hexe, kocht aus Rache beider Unglück: einen vergifteten Schleier, mit dem James die Sylphide vermeintlich an sich binden kann. Vehement fordert er ihn ein, wirft Madge verächtlich Münzen auf den Boden.

Als er aber der Sylphide das Gewebe umwindet, verliert diese ihre Flügel und stirbt. Sagenhaft, wie abrupt Kochetkova zusammensackt und ihre Linie bricht oder wie das Ensemble ihrer Schwestern als empathischer Kollektivkörper jeden ihrer schweren Atemzüge in einer pulsierenden Armbewegung mitvollzieht. Wie überhaupt die Auftritte des Ensembles nicht Selbstzweck sind: Soli der Sylphen zerstreuen James’ Aufmerksamkeit; ein Kreistanz, dessen Anmut ihn berauscht, ist ein Versuch, ihn fernzuhalten. Vergebens.

Am Schluss muss auch James sterben: Madge bricht ihm das Herz. Im Hintergrund entschwebt die Sylphide in die Lüfte, ihre Schwestern ziehen in einer Prozession über die Bühne, Madge triumphiert – und mitten über diesem Geschehen senkt sich der Vorhang. Kurz, aber stimmig, dieser Ausflug in die Ballettgeschichte. Bravi aus dem Publikum.

Deutsche Oper, Bismarckstraße 35, Charlottenburg. Tel. 20 60 92 630. Termine: 12., 22.3; 4., 22., 26.4.; 26., 31.5.