Deutsches Theater

„Zeiten des Aufruhrs“: Wenn die Ehe zur Hölle wird

In „Zeiten des Aufruhrs“ spielen Maren Eggert und Alexander Khuon ein Ehepaar in der Krise. Ein Gespräch über Emanzipation und Macht.

Die Schauspieler Maren Eggert und Alexander Khuon im Foyer des Deutschen Theater.

Die Schauspieler Maren Eggert und Alexander Khuon im Foyer des Deutschen Theater.

Foto: Jörg Krauthöfer /Funke Mediengruppe

Berlin. In „Zeiten des Aufruhrs“ sind Maren Eggert und Alexander Khuon im Deutschen Theater als Ehepaar zu sehen, das in die Krise gerät - obwohl sie eigentlich alles haben. Warum das mit der Liebe so kompliziert ist, was wir seit den 50er-Jahren dazu gelernt haben und weshalb so viele Männer an der Macht klammern, erklären sie im Interview.

Berliner Morgenpost: Kate Winslet hat für ihre Rolle in „Zeiten des Aufruhrs“ einen Golden Globe gewonnen, Leonardo DiCaprio war für den Oscar nominiert. Sie bringen also ziemlich populären Stoff auf die Bühne. Haben Sie Angst, an der Vorlage zu scheitern?

Maren Eggert: Ich finde den Film sehr rührend, weil es ein Herzensprojekt von Kate Winslet war. Aber ich vergleiche mich nicht mit ihr.

Alexander Khuon: Ich mache mich auch davon los, auch bei Stücken, die keine filmische Vorlage haben. Wenn ich in keinem Stück spielen würde, das ich schon mal toll irgendwo gesehen habe, könnte ich nicht mehr spielen.

Sie beide spielen die Wheelers, die eigentlich alles haben: ein Haus, ein Einkommen, zwei gesunde Kinder. Trotzdem wird der Vorort zur Hölle für sie. Woran hapert es?

Eggert: Als die beiden sich kennenlernen, wollen sie etwas Besonderes aus ihrem Leben machen, nicht so werden wie die anderen. Aber irgendwann merken sie, dass ihnen das nicht gelungen ist und sie schon viel zu lange in diesem Leben festhängen. April möchte nach Paris ausbrechen.

Khuon: Meine Figur, Frank, hat sich im Alltag viel mehr eingerichtet als seine Frau. Bloß kann er sich und April das nicht eingestehen. Ihre Träume platzen in den Moment, in dem beide realisieren, dass sie verschiedene Wünsche haben.

Eggert: Kann ich dazu noch etwas sagen?

Natürlich.

Eggert: Das Leben der beiden ist einfach so unterschiedlich: April ist als Ehefrau in den 50er-Jahren im Konstrukt Hausfrau gefangen. Sie kann nicht arbeiten, sich verwirklichen, das Haus verlassen. Und April möchte nicht diese Art Frau sein.

Khuon: Aber es ist eben nicht so einfach. Auch nicht für Frank. Als April nach Paris will, ist er zunächst begeistert. Als sie zum dritten Mal schwanger wird, ist das Thema allerdings für ihn gestorben. Sein Credo: Wir bleiben erstmal hier. Aber April will das „erstmal“ endlich verlassen und das Kind abtreiben. Das versteht er nicht.

Gerade der Konflikt um die Abtreibung kommt einem sehr aktuell vor, angesichts der Debatte um die Novellierung von § 219a. Haben wir nichts gelernt seit den 50ern?

Eggert: Zumindest nichts, was die gesellschaftliche Ächtung eines Schwangerschaftsabbruchs angeht.

April ist eine Frau, die am Patriarchat zerschellt?

Khuon: Klar, der strukturelle Moment ist da. Aber man müsste sich dann fragen: Warum verlässt sie ihn nicht? Weil die beiden sich lieben. Sie verzweifeln daran.

Eggert: Das stimmt. Ihr großes Handicap ist ihre Liebe. Dass sie am Ende stirbt, das kann man betrachten als ihren einzig möglichen Weg in irgendeine Art von Freiheit. Aber es gibt in dem Stück noch einen anderen Aspekt, den ich gerne ansprechen würde. Ich rede jetzt über Frank, ich hoffe, das ist okay?

Khuon: Mal gucken. (lacht)

Eggers: Frank ist nicht bereit, das Rollenkonzept zu überdenken. Ihm gefällt es, die Kontrolle zu haben über April und die Familie. Die will er nicht aufgeben.

Khuon: Jemand, der viel Kontrolle aufbaut, hat eigentlich viel Angst. Frank denkt: Wenn wir nach Paris aufbrechen, was mache ich dann da? Wenn ich in mir nach dem Sinn meines Lebens suchen soll, was, wenn da nichts in mir ist?

Haben also alle Despoten, die sehr viel Kontrolle an sich reißen, eigentlich die Hose voll?

Khuon: Ich tue mich schwer mit Allgemeinheiten. Aber ich glaube, dass für viele Männer gilt: Je mehr Kontrolle ich abgebe, desto mehr Angst vor dem Kontrollverlust spüre ich. Und warum hat man Angst? Weil man etwas nicht einschätzen kann.

Zum Beispiel?

Khuon: Weil man zum Beispiel plötzlich allein mit einem Baby zu Hause sitzt und zusehen kann, wie man wieder in den Job findet. Und dann realisieren muss, dass das echt ein Problem ist. Ich habe auch gerade ein Kind bekommen. Ich weiß, was das bedeutet. Als Mann kann man sich immer noch sehr eloquent aus der Verantwortung herausreden.

Eggert: Ich glaube, dass es im Leben einer Frau bestimmte Faktoren gibt, die der Mann gar nicht umreißen kann. Zum Beispiel die Selbstaufgabe, die von der Gesellschaft gefordert wird, sobald du Mutter wirst.

Macht es einen Unterschied, dass mit Jette Steckel eine Frau Regie führt?

Khuon: Jette guckt total toll auf die Rollenproblematik. Sie hält die Ambivalenzen offen und zeigt, was hoffentlich eh jedem klar ist: Dass wir leider nicht weit entfernt sind von den 50ern.

Man könnte auch den Eindruck gewinnen, in dem Stück geht es um das Zerbrechen eines Paares an der eigenen Bequemlichkeit.

Khuon: Klar, die Verlockung, sich gut einzurichten wie April und Frank, die ist nachvollziehbar. Aber auch als Paar muss man miteinander Neues erleben. Sonst wird man unglücklich.

Eggers: Aber das ist auch viel verlangt. Ich habe auch zwei Kinder. Natürlich denke ich manchmal: Ist es nicht einfach schön, dass wir eine Wohnung haben, dass wir zu essen haben, dass es uns gut geht? Kann ich damit nicht einfach zufrieden sein und den nächsten Krimi lesen, anstatt mich mit Philosophie zu beschäftigen?

Khuon: Das Tragische ist aber, wenn man sich verliert.

Damit haben wir eh ein Problem: Wir fliegen, obwohl wir wissen, wie sehr wir das Klima schädigen. Oder wir kaufen die Jeans bei H&M, obwohl wir um die grauenhaften Arbeitsbedingungen wissen. Zerbricht die Welt an unserer Bequemlichkeit?

Eggert: Ja. Wer ausbrechen will, muss immer wieder ehrlich mit sich sein, keine Ausreden gelten lassen. Zum Beispiel, wenn die innere Stimme sagt: „Dieses letzte Stück Fleisch esse ich jetzt noch.“ Das muss man verneinen.

Zuletzt haben Sie vor acht Jahren als Bruder und Schwester in „Elektra“ auf der Bühne gestanden. Wie war das jetzt, wieder miteinander zu spielen?

Eggert: Was soll ich sagen? Alexander ist einfach der beste Spielpartner der Welt. (lacht)

Khuon: Das ist großartig. Ich spiele total gern mit Maren, da muss man nichts forcieren.

Auf der Berlinale hat Angela Schanelec, in deren Film, Sie Frau Eggert, zu sehen waren, über Sie gesagt, Sie sei durchsichtig und undurchsichtig zur selben Zeit. Können Sie das verstehen, Herr Khuon?

Khuon: Ja, total. Sie ist offen und gleichzeitig sehr bei sich. Sie ist präsent und dabei porös. Man muss nie Angst haben, dass etwas schief geht. Man hält sich gegenseitig.

Eggert: (hält sich die Ohren zu und singt): Lalalala