Ausstellung

“Mantegna und Bellini“ verzaubern Berlins Kunstfreunde

Acht Jahre nach „Gesichter der Renaissance“ präsentiert Berlin mit „Mantegna und Bellini“ eine Renaissance-Ausstellung der Superlative.

Besucher sehen sich in der Ausstellung "Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance" in der Gemäldegalerie am Kulturforum Werke der beiden Künstler an. Die Sonderausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin und der National Gallery, London in Kooperation mit dem British Museum läuft noch bis zum 30. Juni

Besucher sehen sich in der Ausstellung "Mantegna und Bellini. Meister der Renaissance" in der Gemäldegalerie am Kulturforum Werke der beiden Künstler an. Die Sonderausstellung der Staatlichen Museen zu Berlin und der National Gallery, London in Kooperation mit dem British Museum läuft noch bis zum 30. Juni

Foto: Britta Pedersen / dpa

„Mantegna + Bellini“ steht in weißen Lettern auf grauem Untergrund. Wer die große Hinweistafel über dem Kulturforum von der Potsdamer Straße aus erblickt, könnte auch an einen Firmennamen denken. Vielleicht an ein Software-Unternehmen, das seinen Firmensitz in Toplage gerade baulich erweitert? Im Vordergrund befindet sich jedenfalls eine riesige Baustelle. Wer zwischen Baugittern und vorbei an Baggern seinen Weg zur Gemäldegalerie findet, erblickt im Kleingedruckten, dass es um zwei „Meister der Renaissance“ geht.

Vielleicht ist die Assoziation gar nicht so falsch: Giovanni Bellini und Andrea Mantegna waren Markennamen und so etwas wie Software-Giganten ihrer Zeit; der eine half beim Corporate Design der mächtigen Republik Venedig, der andere war in Mantua überaus erfindungsreicher Chefillustrator der Fürstenfamilie Gonzaga – und beide waren eng verbunden. Sie waren nicht nur befreundete, sondern verschwägerte Rivalen: 1453 heiratete der Handwerkersohn Mantegna Bellins Schwester Nicolosia – und damit in die führende Künstlerfamilie Venedigs ein.

Unterschiede und Gemeinsamkeiten zwischen Bellini und Mantegnas Malstil und Motivbehandlung zu beleuchten, gehört zu den Lieblingsübungen von Kunsthistorikern. Noch nie aber hat es eine große vergleichende Ausstellung geben. In Berlin und London befindet sich die weltweit umfangreichsten Bestände der beiden Malerfürsten, deswegen lag eine Kooperation der Berliner Gemäldegalerie und der National Gallery in London nahe. Nach London wurde „Mantegna + Bellini“ jetzt in Berlin eröffnet.

Laut Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen zu Berlin, sind die beiden Künstler „mit Sicherheit die bedeutendsten Maler der italienischen Renaissance“. Die Ausstellung in der Gemäldegalerie mit rund 100 Werken von 50 internationalen Leihgebern, darunter der Pariser Louvre, das New York Metropolitan Museum und das Kunsthistorische Museum in Wien, sei das wahrscheinlich „wichtigste Ausstellungsereignis 2019 in Berlin“. Dagmar Korbacher, die die Ausstellung gemeinsam mit Neville Rowley kuratiert hat, spricht vom „unwahrscheinlichsten Traumpaar der italienischen Kunstgeschichte“.

Sobald sich das Auge an das Schummerlicht gewöhnt, sticht auf der zentralen Blickachse Bellinis berühmtes Auferstehungsbild aus dem Bestand der Berliner Gemäldegalerie ins Auge: Jesus floatet senkrecht mit Siegesfahne und Segensgeste in lichtgetränkter Himmelsluft. Er ist wie die Morgensonne am Himmel aufgegangen, während Soldaten der imperialen Kolonialmacht am unteren Bildrand dösen oder verdutzt neben dem schattigen Grab stehen.

Eine Leihgabe entstammt dem Privatbesitz der britischen Queen

Eine weitere Ikone ist das Porträtbild des venezianischen Dogen Loredan. Es ist das berühmteste Bild Bellinis überhaupt und hat noch nie zuvor die Britischen Inseln verlassen. Der Doge war nicht nur Staatsoberhaupt der Republik Venedig, sondern auch höchster Richter. Bellini verleiht ihm vor himmelblauem Grund gleichzeitig strenge und milde Züge. Die „unwahrscheinlichste Leihgabe“ (Eissenhauer) aber sind drei monumentale Werke Mantegnas aus dem Privatbesitz der englischen Queen: der „Triumphzug Cäsars“ anlässlich des Sieges über die Gallier. Die Bilder hängen normalerweise im Hampton Court-Palast und haben ebenfalls die Insel bisher nie verlassen.

In London wurde das Gipfeltreffen von Mantegna und Bellini in verwinkelten Räumen gezeigt. Der Rezensent des „Guardian“ bemerkte gequält, dass am Beginn ein Schild stehen sollte: „Lass jegliche Hoffnung fahren, du, der du hier ohne Doktortitel eintrittst.“ In der großzügigen Wandelhalle der Berliner Gemäldegalerie wirkt die Schau indes alles andere als akademisch bemüht. Die Beschilderung lenkt geschickt den Blick. Nach 15 Metern könnte man schwören, bereits eine gewisse Expertise für die beiden Meister entwickelt zu haben, die in ihrer Motivbehandlung immer auch etwas über ihre eigene Persönlichkeit zu verraten scheinen. Die zeitliche Distanz erscheint wie durch Zauber weggewischt.

Die ungeheure Innovationslust der damaligen Künstler wird ebenso deutlich wie ihre entspannte Zitierfreunde. Diese reicht bis hin zum Abpausen von Motiven oder dem Übermalen von Zeichnungen. In einem Fall ist ein Bellini-Gemälde zwanzig Jahre später von Tizian übermalt und mit einem anderen Hintergrund versehen worden. Würden diese Künstler heute leben, müssten sie sich wahrscheinlich mit Copyright-Klagen plagen.

Vom Künstlerbiografen Giorgio Vasari stammt die Epochenbezeichnung Renaissance (rinascimento). Der Ausdruck steht für stilistische und motivische Anleihen bei der Philosophie und Kunst der klassischen Antike. Um Wiedergeburt im buchstäblichen Sinn handelt es sich bei Teilen der Ausstellung, weil Eitempera auf Holzgrund als Malweise nicht für die Ewigkeit bestimmt ist und Fachrestauratoren die Wiederauferstehung einer Reihe von Bildern in aller Farbenpracht zu verdanken ist.

Schwierig ist die Baustellensituation am Kulturforum

Eine Besonderheit ist auch der Audioguide: Ingo Zamperoni, der Tagesthemenmoderator, lieh dafür seine Stimme. Es gibt sogar biografische Bezüge: Zamparonis Großvater stammte wie Mantegna aus Padua und eine Großtante heiratete in die Familie Trevisan ein, der Mantegna mit dem Porträt des gelehrten und kunstsinnigen Kardinals Ludovico Trevisan um 1459/60 ein Denkmal gesetzt hat.

Die Ausstellung versammelt viele Ingredienzien eines Highlights, schwierig aber ist die Baustellensituation am Kulturforum. Nicht der Brexit, wohl aber die Berliner Kommunalverwaltung bereite ihm Schwierigkeiten, sagte Generaldirektor Eissenhauer: „Die Pflege des Ortes einer der wichtigsten Gemäldegalerien der Welt wird sehr vernachlässigt“.

Kulturforum, Gemäldegalerie, Matthäikirchplatz, Berlin, Di., Mi. und Fr. 10–18 Uhr, Do. bis 20 Uhr, Sa. und So. 11 bis 18 Uhr. 1. März bis 30. Juni 2019