Bühne

"Fabian" am Deutschen Theater: Die Dreißiger als Comicstrip

Regisseur Alexander Riemenschneider führt Erich Kästners Großstadtroman "Fabian" souverän in unsere Gegenwart.

Tanz auf dem Vulkan: Božidar Kocevski, Birgit Unterweger und Thorsten Hierse in der Box des Deutschen Theaters.

Tanz auf dem Vulkan: Božidar Kocevski, Birgit Unterweger und Thorsten Hierse in der Box des Deutschen Theaters.

Foto: ARNO DECLAIR

Berlin.  Schüsse nachts auf offener Straße mit Verwundeten kurz hinterm Märkischen Museum rufen keine Polizisten auf den Plan. Im Gegenteil: Fabian und sein Freund Labude greifen beherzt ein. Da haben sich die Schießwütigen längst gegenseitig getroffen. Nichts Ernstes, aber trotzdem schmerzhaft. Was ihre Wut aufeinander noch mehr anstachelt.

Als wäre die nicht ohnehin schon riesengroß. Stammen sie doch aus konträren politischen Lagern. Der eine ist Kommunist, der andere ein Nazi. Flogen gerade noch Kugeln durch die Luft, sind es jetzt radikale Parolen. Der Nazi verheddert sich dabei gestisch zwischen Hitlergruß und aggressiver Schussbereitschaft. Erstarrt letztlich zur Karikatur. Der am Boden liegende Kommunist lässt sich widerstrebend entwaffnen. Dann ziehen Fabian und Labude ungerührt weiter durchs Berliner Nachtleben, als sei nichts gewesen.

Das Berlin Anfang der 30er-Jahre kurz vor Hitlers Machtergreifung ist laut und bunt in der Box des Deutschen Theater. Hier, auf der experimentellen, kleinen Bühne, feiert Erich Kästners „Fabian“ so außergewöhnliche wie rasante Premiere. Regisseur Alexander Riemenschneider hat Kästners Roman aus dem Jahr 1931 mit Meike Schmitz für die Bühne adaptiert. Er inszeniert die süffig-ironische „Die Geschichte eines Moralisten“, so der Untertitel, wie eine visuelle Explosion.

„Dieses Stück hat keine Handlung“

Johanna Pfau hat dafür einen winzigen Pseudo-Guckkasten auf Spielfläche gesetzt und feuerwehrrot angepinselt. Überall kleben Comic-Sprechblasen. Dazu noch zweidimensionale Pappmaché-Requisiten wie ein Telefonhörer oder ein Bierkrug, die sich die Schauspieler je nach Bedarf von der Wand pflücken.

Bevor es los geht, gibt es aber erst einmal eine Gebrauchsanweisung für die kommenden 90 Minuten von den Schauspielern. Ihre wichtigste Ansage: „Dieses Stück hat keine Handlung.“ Rotlippig, mit weißgeschminkten Gesichtern und Glitzer unter den Augen, schwarzweiß gekleidet, sehen die drei aus wie Pantomimen, die einem Schwarzweißfilm entsprungen und in einem Comicstrip gelandet sind. Dennoch chargieren sie selten. Für Klischees sind ihre Figuren schließlich zu ungewöhnlich.

Zusammengehalten wird das Spiel von Fabian. Thorsten Hierse bleibt die ganze Zeit über in der Rolle des promovierten Germanisten, während Božidar Kocevski alle anderen Männer- und Birgit Unterweger sämtliche Frauenrollen übernimmt.

Fabian mäandert ohne Ziel durch Berlin. Erkundet vorzugsweise das Nachtleben. Bordelle, extravagante Sexclubs, Künstlerateliers, in denen unmoralische Angebote quasi Pflicht sind. Nüchtern und distanziert beobachtet er das Treiben. Den berühmten „Tanz auf dem Vulkan“, der langsam Richtung Katastrophe taumelt.

Ein Abgesang auf eine Ära

Sein Freund Labude indes versucht mit einer Habilitation und politischem Engagement nach vorn zu blicken. Beide stürzen ab. Erst in den Clubs, denen der Live-Soundtrack von Tobias Vethake einen Nachhall des Vibrierens der Techno-Ära gibt, dann im Leben. Dabei hat Fabian gerade erst durch die Liebe zur Juristin Cornelia begonnen, so etwas wie einen Sinn im Sein zu sehen.

Ein furioses Trio, das da mit Volldampf dem Ende einer Epoche entgegen tanzt. Der wehmütige Abgesang auf eine Ära. Und zugleich ein starkes Plädoyer für moralische Integrität, das nicht zufällig starke Parallelen zur Gegenwart aufzeigt.