Kriegsende in Berlin

Graffitis im Reichstagsgebäude: Was die Sieger schrieben

Ab Mai 1945 hinterließen russische Soldaten im Berliner Reichstag Hunderte Signaturen an den Wänden. Karin Felix hat sie erforscht.

„Ich war hier“: Soldaten beschriften die Wände im Reichstagsgebäude, Frühjahr 1945.

„Ich war hier“: Soldaten beschriften die Wände im Reichstagsgebäude, Frühjahr 1945.

Foto: akg-images / picture-alliance

Berlin. „Schreibt!“ steht da an der Westwand der Plenarsaalebene. Ein russischer Soldat hat dieses Wort im Frühling 1945 mit einem verkohlten Stück Holz an eine Wand im Berliner Reichstag gemalt. Und seine Kameraden? Sie schrieben. „Der Traum wurde wahr“, zum Beispiel. Oder: „Was du säst, wirst du ernten“.

Zu Hunderten sagen die Graffitis: Wir waren dabei, als die Rote Armee Nazi-Deutschland besiegte. Dass die Schriftzüge erhalten sind, ist einer Mischung aus Glück und Geschichtsbewusstsein zu verdanken: Beim Reichstags-Umbau in den 1960er Jahren wurden alle Innenwände mit dünnen Paneelen versehen, unabsichtlich schützten sie die Inschriften über Jahrzehnte.

Zum Vorschein kamen sie erst wieder, als das Gebäude Ende der 90er Jahre nach Plänen Norman Fosters erneut umgebaut wurde.

Foster sah darin erhaltenswerte „Zeichen der Geschichte“. Bis auf wenige Ausnahmen, die auf Wunsch der russischen Botschaft dann doch getilgt wurden (sie sollen zu ordinär gewesen sein), konservierten Restauratoren die Graffitis. Doch systematisch erfasst und erforscht wurden die Inschriften bislang nicht.

Das hat Karin Felix nun nachgeholt. Es gibt wohl niemanden, der sich so intensiv mit der Entzifferung der Graffitis befasst hat wie die langjährige Besucherführerin durchs Reichstagsgebäude. Ihr sei es immer wieder passiert, dass Besucher nach bestimmten Namen an den Wänden fragten.

Grüße, Flüche, Ortsangaben

„Um nicht immer die gleichen Fragen zu beantworten, begann ich mit Hilfe von Muttersprachlern die Namen zu dokumentieren“, schreibt sie. Vollständig versammelt sind sie nun in ihrem Buch „Ich war hier - Die Graffitis des Reichstagsgebäudes“.

Mehr als 700 Namen konnten sie und ihre Helferinnen und Helfer entziffern, aber auch Grüße, Flüche, Ortsangaben, mit Kohle oder Kreide hingekritzelt. Den Reichstag hielten die jungen Männer für Hitlers Machtzentrale, nennen das Gebäude deshalb die „Höhle des Löwen“, wörtlich aus dem Russischen übersetzt: Hitlers „Bärenhöhle“. Wer waren sie? Hatten sie Angst? Waren sie stolz? Erleichtert? Was hatten sie zuvor erlebt, wie ging es für sie weiter?

Boris Viktorovich Sapunov, inzwischen verstorben, war 2001 der erste Veteran, der seine eigene Signatur wiedererkannte. Der unscheinbare Mann mit der Plastiktüte in der Hand und dem falsch geknöpften Jackett war, wie sich herausstellen sollte, Professor für Geschichte in Sankt Petersburg. Auf die Frage, ob er und seine Kameraden stolz gewesen seien, als sie ihre Namen an den Wänden verewigt hätten, sagte Sapunov: „Stolz waren wir nicht. Besoffen waren wir. Angst hatten wir, zum Schluss noch erschossen zu werden.“

„Die Hitlers kommen und gehen“

„Mutig und arglos“ habe sie sich auf dieses „Abenteuer“ eingelassen, schreibt die Autorin. Nachdem sich lange kein Verlag bereit erklären wollte, das Buch zu drucken, liegt jetzt ein in seiner ganzen Nüchternheit bewegendes Mosaik aus Einzelschicksalen vor, das vielfältig ausgreift.

Es sind Geschichten von gewaltsam getrennten Familien, von Enkeln, die sich aufgrund ihrer Familienhistorie für Völkerverständigung einsetzen, von alten Männern, die ihre Erinnerungen an Deutschland noch einmal teilen wollten, kurz vor ihrem Tod. Die Hitlers, schreibt einer, kommen und gehen. Kein Grund, ein ganzes Volk zu verurteilen.

Der dreiteilige Aufbau des Buches bettet das Dokumentierte in den geschichtlichen Forschungsstand ein: Nach einem kurzen Abriss des militärhistorischen Hintergrunds, der Geschichte des Gebäudes und der Graffitis dokumentiert Karin Felix im Kapitel „Begegnungen“ den Schriftwechsel mit Veteranen und deren Nachfahren, die sie ausfindig machen konnte.

Der umfangreiche dritte Teil „Dokumentation“ schließlich zeigt systematisch Fotos aller erhaltenen Graffitis: Von Ebene zu Ebene geht es durchs ganze Gebäude, man sieht zunächst eine Gesamtansicht der betreffenden Wand oder Ecke, anschließend detaillierte Nahaufnahmen, daneben Transkriptionen aus dem Kyrillischen und Übersetzungen ins Deutsche.

Das Anliegen ihres Buches sei es, schreibt die Autorin, dafür zu sorgen, „dass Erinnerungen ehemaliger Soldaten oder deren Angehöriger angemessen in unsere Öffentlichkeit einfließen, ohne sofort im Sturm von Empörung und Verteidigung unterzugehen“. Wertend oder moderierend eingegriffen hat sie in die Aufzeichnungen nicht. Andere Blickwinkel gelte es zu respektieren, man müsse sie deshalb ja nicht unbedingt teilen.

Die Spuren, die bleiben

Aber heißt es „ein Graffiti“ oder „ein Graffito“? Viele „Graffiti“ oder „Graffitis“? Karin Felix hat sich abgesichert: Der Duden erlaubt inzwischen beides. Regeln des alltäglichen Sprachgebrauchs sind nicht in Stein gemeißelt.

Und die Bilder zeigen ja auch keine Grabsteine. Anders als auf Friedhöfen ist es hier der Eindruck von gewesener Lebendigkeit, der anrührt und Fragen anstößt. Nach den Spuren, die von einem Menschen bleiben. Nach den Dingen, für die jemand kämpft oder auch nicht. Nach dem seltsamen Verhältnis von Befreiung und Zerstörung, Bewahrung und Abkapselung, von Menschen, Gebäuden, Nationen. Und nach den Lücken, dem unleserlichen Rest.

Auch ein Herz mit Pfeil ist zu sehen, darin die Namen „Galina - Anatolii“. Eine russische Schülerin habe es 2011 erkannt, ein Foto davon hänge bei ihrer Großmutter zuhause, es soll ihr Urgroßvater gemalt haben. Doch auch auf mehrere Bitten, schreibt Karin Felix, habe die junge Frau ihren Namen nicht verraten wollen.