Friedrich-Luft-Preis

Von Mauersprengern und Kometenjägern

Zwei Sieger: Der Friedrich-Luft-Preis 2018 für die beste Inszenierung geht an „#BerlinBerlin“ und „Drei Milliarden Schwestern“.

Aus den Mauersegmenten werden Sitzgelegenheiten: Szene aus „#BerlinBerlin“ im Theater Strahl.

Aus den Mauersegmenten werden Sitzgelegenheiten: Szene aus „#BerlinBerlin“ im Theater Strahl.

Foto: Foto: Jörg Metzner

Berlin. Verdammt, wo stand denn eigentlich die Mauer? Und was hat sie überhaupt getrennt? Ein paar Jugendliche laufen herum, stellen quaderförmige Steine in einer diagonalen Reihe auf. „Krass, ist die hoch“, sagt der eine. „Da kommen wir ja nie rüber“, sagt ein anderer. „Vielleicht können wir irgendwo Eintritt zahlen“, schlägt ein Dritter vor.

Wir sind in einer fernen Zukunft, an einem Ort, wo vielleicht einmal Berlin lag. Einer der Jugendlichen erinnert sich noch an die Erzählungen seines UrUrUr-Großvaters: Da gab es den Grenzwall noch, der die Stadt geteilt hat. Der Opa wollte „raus in die Freiheit“. Oder „rein in die Freiheit?“. Die beiden einigen sich auf „rüber in die Freiheit“. Und überlegen, was das eigentlich heißt: Freiheit.

Mit dieser Zukunftsvision beginnt das Stück „#BerlinBerlin“ des Theaters Strahl in der Halle am Ostkreuz, der neuen Spielstätte. Dann die Rückblende: Aus den Steinen bauen die Schauspieler ein Tor, der Eingang zur Klinik. Ingo wird am Tag des Mauerbaus geboren. Er wächst ohne seinen Vater auf, denn der ist im Westen geblieben. Gründet dort eine neue Familie, wie Ingo viel, viel später erfährt. Seine Halbgeschwister lernt er erst kennen, als die Mauer 1989 endlich fällt.

Die Songs spiegeln die Zeit wider und kommentieren die Handlung

Die Jahre vergehen, die Welt verändert sich, die entsprechenden Musikstücke von „Jailhouse Rock“ über „Es geht voran“ oder „Wenn ein Mensch lebt“ charakterisieren die jeweilige Zeit – und kommentieren auch die Handlung. Die Songs werden live von den Schauspielern performt, die auch als Musiker eine gute Figur abgeben.

Mit „#BerlinBerlin“ erzählt das Theater Strahl, dessen Kernzielgruppe Jugendliche sind, eine bewegende Familiengeschichte zwischen Ost und West. Mit schnellen Szenenwechseln werden die beiden so unterschiedlichen Lebenswelten gegeneinander geschnitten, aus den Mauersegmenten wird schnell eine Sitzgruppe oder auch mal ein Grabstein, denn bei einer Beerdigung trifft sich schließlich die Verwandtschaft aus beiden Teilen der Stadt. Das ebenso einfache wie überzeugende Bühnenbild hat Fred Pommerhen entworfen.

Vier Autoren schreiben gemeinsam ein Stück

Sina Ahlers, Uta Bierbaum, Günter Jankowiak und Jörg Steinberg, der die Uraufführung auch inszeniert hat, haben in einem kollektiven Schreibprozess das Stück kreiert. Man merkt „#BerlinBerlin“ an, dass die vier Autoren (Ost-West, jung-alt, Mann-Frau) sehr unterschiedliche Biografien haben. Und trotzdem liest sich das Stück wie von einem Autor geschrieben.

Die Jury des Friedrich-Luft-Preises hat diese „kraftvolle, zeitgeschichtsgetränkte, berührende Inszenierung“ überzeugt. „#BerlinBerlin“ erhält den Friedrich-Luft-Preis für die „beste Berliner und Potsdamer Aufführung des Jahres 2018“. Allerdings nicht allein, denn der Theaterpreis der Berliner Morgenpost wird diesmal geteilt.

Auch „Drei Milliarden Schwestern“, herausgekommen an Volksbühne unter der Regie von Bonn Park in Zusammenarbeit mit P14, dem Jugendtheater des Hauses, wird ausgezeichnet, das Preisgeld in Höhe von 7500 Euro geht je zur Hälfte an die beiden Produktionen. Seit 1992 verleiht die Berliner Morgenpost den Preis im Andenken an ihren 1990 gestorbenen Theaterkritiker Friedrich Luft.

In „Drei Milliarden Schwestern“ rast ein Komet auf die Erde zu und bedroht alles Leben, aber die Protagonistinnen, allesamt Frauen, trinken erstmal Tee, reden und langweilen sich. So wie bei Tschechow. Seine „Drei Schwestern“, eines der beliebtesten Werke auf deutschen Bühnen, bildet die Grundlage für diesen parodistisch grundierten Abend, der ein „experimentell, verspieltes Gesamtkunstwerk“ ist, so die Jurybegründung.

Eine Inszenierung, die mit filmischen und anderen kulturellen Querverweisen gespickt ist, aber auch ohne Kenntnisse der Zitate in seiner selbstironisch-weltrettenden Art wunderbar funktioniert. Und dabei, man denke an Greta Thunberg und die anderen jungen Klimaaktivisten, auch ziemlich aktuell ist.

Für die Livemusik sorgt das Jugendsinfonieorchester Berlin am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium, die Kompositionen stammen von Ben Roessler. Regisseur Bonn Park, der auch den Text geschrieben hat, ist gewissermaßen ein Eigengewächs der Volksbühne, der mittlerweile auch als Dramatiker erfolgreiche Park gehörte zu den P14-Sprösslingen, er blieb dem Jugendtheater mit Texten wie „Molière’s HORNY“ oder „SIMBA – Prinz von Dänemark“ verbunden.

Die Vielfalt der Berliner Jugendtheaterszene gewürdigt

Mit der Auszeichnung der beiden in ihrer Ästhetik höchst unterschiedlichen Produktionen würdigt die Jury auch die Vielfalt der Berliner Jugendtheaterszene. Das Theater Strahl, 1987 vom heutigen Leiter Wolfgang Stüßel in West-Berlin mitbegründet, leistet in dieser tendenziell schwierigen Zielgruppe seit Jahrzehnten auch mit zahlreichen theaterpädagogischen Angeboten eine hervorragende Arbeit.

Rund 260 Vorstellungen bietet Strahl im Jahr an, neben der Halle am Ostkreuz, dem künftigen Stammdomizil, wird auch in der Weißen Rose in Schöneberg gespielt. In zwei Jahren hat Stüßel, ausgebildeter Schauspieler und Diplom-Pädagoge, sein vielleicht größtes Projekt vor sich: den Rückzug und die Übergabe der Leitung in jüngere Hände.

Dass der Friedrich-Luft-Preis geteilt wird, ist kein Novum. Die Auszeichnung des Jahres 1995 wurde sogar gedrittelt. Insgesamt war das Theaterjahr 2018, da war sich die Jury einig, ein spannendes. Zehn Inszenierungen waren nominiert (siehe Kasten). In die Schlussrunde der Jurydiskussion schafften es neben den beiden Siegern zwei Produktionen des Berliner Ensembles: „Krieg“ in der Regie von Robert Borgmann und „Die Parallelwelt“ in der Regie von Kay Voges.

Ein Termin für die Preisverleihung steht noch nicht fest.

Die Nominierten

Insgesamt zehn Inszenierungen wurden von der achtköpfigen Jury für den Friedrich-Luft-Preis 2018 nominiert.

- „Cry Baby“, Deutsches Theater, Regie: René Pollesch

- „The Sequel“, Maxim-Gorki-Theater, Regie: Nora Abdel-Maksoud

- „Die Umschülerinnen oder Die Komödie der unbegabten Kinder“, Sophiensäle, Regie: Vanessa Stern

- „#BerlinBerlin“, Theater Strahl, Regie: Jörg Steinberg

- „Endstation Sehnsucht“, Berliner Ensemble, Regie: Michael Thalheimer

- „Medea. Stimmen“, Deutsches Theater, Regie: Tilmann Köhler

- „Krieg“, Berliner Ensemble, Regie: Robert Borgmann

- „Die Parallelwelt“, Berliner Ensemble, Regie: Kay Voges

- „Unendlicher Spaß“, Sophiensäle, Regie: Thorsten Lensing

- „Drei Milliarden Schwestern“, Volksbühne, Regie: Bonn Park

Die Jury

Die Jury des Friedrich-Luft-Preises besteht derzeit aus acht Mitgliedern: den Schauspielerinnen Martina Gedeck und Claudia Wiedemer, der Theater-Kritikerin Katrin Pauly, Ernst Elitz (Gründungsintendant des Deutschlandradios), der Autorin Lucy Fricke, dem ehemaligen Staatsopern-Intendanten Jürgen Flimm, dem Morgenpost-Kritiker Stefan Kirschner sowie dem Morgenpost-Kulturchef Felix Müller.