Kultur

Deutsche Oper - Turbulenzen im Dorfgasthof

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler zeigt Bellinis Belcanto-Oper „La Sonnambula“ an der Deutschen Oper.

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler lebt in Berlin. An der Deutschen Oper gibt er mit der Belcanto-Oper „La Sonnambula“ sein Debüt.

Der Schweizer Regisseur Jossi Wieler lebt in Berlin. An der Deutschen Oper gibt er mit der Belcanto-Oper „La Sonnambula“ sein Debüt.

Foto: Reto Klar

Regisseur Jossi Wieler ist ein nachdenklicher, etwas verschlossen wirkender, aber überaus freundlicher Mann. Nur einmal erstarrt sein Lächeln. Es geht um die Frage, ob angesichts vieler Inszenierungen, die in Theatern und Opernhäusern zu sehen sind, überhaupt noch vom ehrenwerten Beruf des Regisseurs die Rede sein kann? Erst später im Gespräch, das in der Deutschen Oper am Rande seiner Proben zu Vincenzo Bellinis Belcanto-Oper „La Sonnambula“ stattfindet, wird Wieler kritische Anmerkungen zum Operngeschäft machen und sein persönliches Ethos benennen. Aber zunächst versucht er, mit einer altüberlieferten Anekdote sein Lächeln zurückzuholen. Wie also kam der Beruf des Regisseurs zustande? „Es waren einmal zwei Schauspieler auf der Bühne“, sagt Wieler: „Da sagte der eine zum anderen, geh mal runter und schau, ob ich in der Mitte stehe. Seither ist er nicht mehr auf die Bühne zurückgekommen.“

Ein Opernhaus, das Jossi Wieler für eine Inszenierung einkauft, muss ihn im Doppelpack nehmen. Sergio Morabito wird in der Deutschen Oper ebenfalls als Dramaturg und Regisseur ausgewiesen. „Wir arbeiten jetzt schon seit 25 Jahren zusammen und entwickeln die Konzepte gemeinsam“, sagt Jossi Wieler: „Wir sitzen täglich vor der Probe, manchmal schon um halb acht, vor dem Modell und bereiten die jeweilige Probe vor. Der Opernbetrieb ist so hierarchisch strukturiert, dass Regisseure mitunter gar nicht offen genug sind, ihre Fragen mit jemandem im Dialog zu klären. Wir reden über Wochen, wir streiten uns auch oft.“

Im eigentlichen Probenprozess würden sie sich die Aufgaben schon eher teilen, sagt Wieler. weil er als Regisseur für die Vermittlung an die Sänger und die Methodik zuständig sei. „Aber selbstverständlich gibt es auch während einer Probe einen intensiven Austausch. Sergio kommt heute viel öfter mit auf die Bühne, was für mich früher noch undenkbar war.“

Ihre dreistündige Bellini-Inszenierung war bereits 2012 für die Staatsoper Stuttgart entstanden. Dort war Jossi Wieler im Jahr davor Intendant geworden, im vergangenen Jahr hat der 67-Jährige sein Amt wieder aufgegeben. Er sei seine Entscheidung gewesen, wird er mehrfach im Gespräch sagen. Das hat etwas Selbstbeschwörerisches, denn in der Opernwelt ist hinlänglich bekannt, dass er ein hoch geschätzter Intendant war. Als Regisseur brauche er neue Eindrücke, sagt Wieler jetzt, außerdem wolle er ein besseres Privatleben führen. Intendant zu sein, also auch Macht im Sinne von Gestaltungsmacht zu haben, sei wie eine Droge. Wieler gibt seine Entzugserscheinungen offen zu. Jetzt lebt er wieder in seiner Berliner Wohnung und gibt sein Debüt an der Deutschen Oper. Seine nächste Inszenierung wird ein „Freischütz“ in Straßburg sein.

Dass „La Sonnambula“ nur eine Übernahme ist, darin sieht Wieler kein Problem. „Im Repertoirebetrieb gibt es das immer wieder, dass Inszenierungen nach vielen Jahren wieder aufgenommen werden mit einer neuen Sängerbesetzung. Das ist Teil des Musiktheaterbetriebs.“ Eigentlich sei jetzt alles wie in Stuttgart, sagt er, aber man durchdringe das Stück neu. „Nehmen wir eine Figur wie die Wirtin Lisa. In Stuttgart war es eine Sängerin, die schon seit vielen Jahren im Ensemble ist, hier ist es eine jüngere Ensemblesängerin. Allein über die Altersdifferenz ergibt sich auch eine neue Anlage der Figur. Jeder Sänger bringt eine andere Fantasie mit.“

In Stuttgart hat er drei Bellini-Opern auf die Bühne gebracht. „Belcanto steht im Ruf, oder auch Verruf, dass es nur ums schöne Singen geht. Das seien ja keine richtigen Geschichten und Figuren, es gehe nur um Soprane und Tenöre, die Tonwelten ersteigen müssen wie andere den Mount Everest. Es wohnt den Werken aber vielmehr inne. Es sind hochdifferenzierte Stücke.“

Amina heißt bei Bellini die Schlafwandlerin, eine arme Waise, die Elvino, den reichsten Bauern im Dorf, heiraten will. Oder vielleicht auch nicht? Eines Nachts wird sie im Zimmer des zurückgekehrten Grafen Rodolfo aufgefunden. „Was erzählt das Unterbewusste über Phasen des Schlafwandelns? Im Schauspiel hat man sich mit solch transzendentalen Aggregatzuständen viel beschäftigt“, sagt Wieler. Bellinis Oper wurde 1831 uraufgeführt, also lange vor Siegmund Freud. Der Regisseur spricht gerne über fragile Frauenfiguren, die träumen, schlafwandeln und an dramatischen Punkten in Ohnmacht fallen.

Zumal Wieler das Happy-end der Oper eher für eine Behauptung hält. „Natürlich sind alle Figuren, das ganze Dorf, traumatisiert.“ Das Stück spielt in Appenzell. Im Gegensatz zum Sizilianer Bellini, der nie in der Schweiz war, kennt sich Wieler vor Ort bestens aus. Er ist gebürtiger Schweizer. Auf die Frage, wie viel Schweizerisches im Stück steckt, muss er lachen. „Es ist natürlich eine Metapher, dieses vordergründig idyllische Bergdorf. Hinter der Fassade aber grummelt es. Im Stück kommt das Verdrängte und Verschwiegene an die Oberfläche.“ Die Handlung ist jetzt in die biedere Enge eines Dorfgasthofes verlegt. „Es ist eine unaufgeklärte, abergläubige Bauerngesellschaft.“

Oft werde das Publikum nur dekorativ bedient

Wieler hatte in den 70er-Jahren Regie an der Universität Tel Aviv studiert. „Das israelische Theater war sehr beeinflusst vom russischen Theater. Es gab ältere Schauspieler, die noch bei Stanislawski im Studio gelernt hatten. Es gab aber auch viele Einflüsse aus dem experimentellen amerikanischen Theater.“ Dann erzählt er von der Schaubühne oder Pina Bausch in Wuppertal. „Ich habe die Neuerungen im Theater aus der Ferne mitbekommen und dachte, da will ich näher dran sein. So kam ich nach Deutschland. Das war 1980.“ Das israelische Theater, sagt er rückblickend, sei spielerischer gewesen. „Das dramaturgische Denken, wie man ein Werk interpretiert, das ist etwas sehr Deutsches.“ Es prägt auch sein Denken.

Am heutigen Opernbetrieb stört ihn die Zuhörererwartung. „Man geht häufig ins Theater, um Stimmen zu hören und nicht Theater zu sehen. Leider ist die Bereitschaft, sich überraschen zu lassen, gesunken. Der Daumen geht schneller hoch oder runter.“ Eine ganze Musikindustrie sorge dafür, dass wir viel zu hören bekommen. „Aber jede Oper wurde für die Bühne geschrieben und nicht für den CD-Markt. Jeder Sänger versteht, dass es nicht nur darum geht schön zu singen, das ist eine Selbstverständlichkeit, sondern dass man übers Singen und Spielen eine Welt entstehen lassen will.“

Und dann kommt sie doch noch, die Kritik am eigenen Handwerk. „Was mich oft bei Theatermachern irritiert, ist, dass es manchmal nur um Behauptungen geht oder dass man ein Publikum kulinarisch und dekorativ bedienen möchte. Ich will lieber etwas Relevantes über unsere Welt erzählen. Das gehört zu meinem Ethos in der Kunst.“

Deutsche Oper, Bismarckstr. 35, Charlottenburg. Tel. 343 84 343 Termine: 26. Januar (Premiere); 2., 7., 10. Februar; 19. und 25. Mai