Kniende Gitarrensoli, ein Steg, der ins Publikum führt und viel, viel Nebel. So präsentiert Anna Calvi ihr aktuelles Album „Hunter“ am Freitagabend im Astra Kulturhaus. Und wenn dabei mal das Mikrofon ihre Spielhand blockiert, dann lässt sie eben den Griff des Mikros über die Saiten fahren.

Zu Beginn des Konzerts scheint noch für einige Sekunden eine leichte Unsicherheit in der Stimme der Britin mitzuschwingen, vielleicht ist auch nur das Mikrofon noch nicht richtig eingestellt, doch die dadurch entstandene Irritation verfliegt bereits nach wenigen Tönen. Anna Calvis Stimme gewinnt schnell an Festigkeit, sie wirkt entschlossen, sieht von Ansagen zwischen ihren Songs vollkommen ab und konzentriert sich auf die Musik.

Der Sound der Lieder, die fast gänzlich von ihrer derzeitigen Platte stammen, ist live deutlich rauer als auf dem Album, was den Songs hervorragend zu Gesicht steht. Nummern wie „Wish“, die auf dem Album eher untergehen, entwickeln so eine beeindruckende Durchschlagskraft.

Im Laufe des Abends füllt die Sängerin mit dieser Durchschlagskraft nicht nur die Bühne aus, sondern bewegt sich auch immer wieder über den Steg, der weit in die Menge führt und es dem Publikum erlaubt, ihr beeindruckendes, oft wildes Gitarrenspiel von allen Seiten zu betrachten.

Musikalische Kritik an rigiden Geschlechterrollen

Dass es auch ruhiger geht, zeigt der Song „Swimming Pool“, eine atmosphärische Nummer, die nach gelungener Filmmusik klingt und Szenen eines schwimmenden Paares vor dem geistigen Auge entstehen lässt. Die Reduktion des Ensembles auf der Bühne (die Musikerin wird nur von einem Schlagzeug und einem Keyboard begleitet) gibt der Musik zudem eine angenehme Geradlinigkeit.

Während sich die Sängerin für das Konzert mit blutrotem Oberteil und dunklem Lippenstift optisch zur Femme Fatale des Rock ‘n‘ Roll stilisiert hat, kritisiert sie mit ihrer Musik vor allem rigide Geschlechterrollen. „If I was a man in all but my body / Oh would I now understand you completely“, heißt es zum Beispiel in „As a Man“.

Sowohl der Gesang als auch das Gitarrenspiel Calvis werden immer wieder mit euphorischen Pfiffen und Gejohle quittiert. Dabei macht vor allem der Kontrast zwischen laut und leise viele Lieder aufregend. An einer Stelle flüstert die Sängerin ihren Text geradezu ins Mikro, bevor plötzlich ein kratziges Gitarrensolo aus ihr herausbricht. Das Publikum dankt es ihr mit begeisterten Schreien.

Zum Ende hin dreht die Musikerin mit den Songs „Don’t Beat the Girl out of My Boy“ und „Alpha“ noch einmal richtig auf. Sie schmeißt sich auf den Boden, lässt ihre Gitarre liegend aufheulen. Dann steht sie wieder auf, hält ihr Instrument am Gurt in die Höhe und schleift es schließlich über den Steg, bis sie es liegen lässt und sich, untermalt vom Brummen der Verstärker, mit nach oben gereckten Händen feiern lässt.