Das sphärische Türkis-Blau weist dunklere und hellere Verläufe auf – als schaue man vom Meeresgrund zur Wasseroberfläche hinauf, die vom Sonnenlicht angestrahlt wird. In diesem wunderbaren Blau schweben filigrane abstrakte Kompositionen aus feinen Linien und sich überlagernden Flächen in dunklem Terrakottarot und warmem Ockergelb. Pure Schwerelosigkeit lässt sich hier erleben. Man fühlt sich an Wassily Kandinsky erinnert, an die verspielten Chiffren Paul Klees. Das kleinformatige Tempera-Gemälde stammt jedoch von Alfred Ehrhardt (1901–1984), den man eher als Fotografen kennt.

Die Assoziation mit den Bauhaus-Malern ist nicht zufällig. Tatsächlich verbrachte Alfred Ehrhardt vom November 1928 bis zum April 1929 eine prägende Zeit als Student und Hilfslehrer am Bauhaus in Dessau. Aus der Zeit von 1929 bis 1932 stammen auch die künstlerischen Arbeiten, welche die Alfred-Ehrhardt-Stiftung nun anlässlich des 100. Bauhaus-Jubiläums in der Ausstellung „Alfred Ehrhardt: Malerei, Zeichnung, Grafik“ zeigt. Die Arbeiten waren vermutlich 1931 schon einmal in einer großen, viel beachteten Einzelausstellung im Hamburger Kunstverein zu sehen, der einzigen zu Ehrhardts Lebzeiten. Denn seine kurze Malerkarriere endete abrupt, als er 1933 nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten wegen „Kulturbolschewismus“ von seiner Tätigkeit als Dozent für Materialstudien an der Landeskunstschule Hamburg „beurlaubt“ wurde. Ehrhardts Nähe zum avantgardistischen Bauhaus war den Nazis ein Dorn im Auge.

Kosmische Landschaften aus Planeten und Sternen

Während seines kurzen Aufenthalts am Bauhaus in Dessau besuchte er den Vorkurs von Josef Albers, hospitierte in der Theaterwerkstatt von Oskar Schlemmer und hielt im Kreis um Kandinsky, der seine Arbeit schätzte und sich mit ihm anfreundete, etliche Vorträge. Ehrhardt übertrug die kunstpädagogischen Prinzipien der Bauhaus-Vorkurse zunächst auf seine Arbeit mit Schülern im reformpädagogisch inspirierten Landschulheim Marienau, wo er von 1924 bis 1930 tätig war. 1930 von Max Sauerlandt an die Landeskunstschule Hamburg berufen, wurde er dort Leiter des neu eingerichteten Vorkurses nach dem Bauhaus-Vorbild, des ersten außerhalb der Bauhausschule.

Die Nähe zum Bauhaus prägt neben Ehrhardts fortschrittlicher Lehrtätigkeit auch seine künstlerische Arbeit. In den Motiven sieht man Anleihen bei Klee, Kandinsky und Schlemmer, in der Ausführung schlägt sich die Materialkunde aus den Vorkursen nieder: unterschiedlich Werkzeuge wie Pinsel, Spachtel, Pinselstil, dazu die Besonderheit des Malgrundes. Die Farbe wird mitunter mit Sand vermischt, damit das Bild Haptik und Struktur erhält.

Die Motive sind oft auf wenige Linien reduziert, die entweder abstrakte Gebilde formen oder aber Figürliches andeuten: Fische, Vögel, Stiere und auf das Wesentliche minimierte menschliche Gestalten. Die Natur war für ihn wie für die Bauhäusler Klee und Kandinsky ein wesentlicher Bezugspunkt. Selbst die abstraktesten Bilder Ehrhardts wirken noch wie kosmische Landschaften mit Planeten und Sternenformationen.

Anders als die zur Esoterik neigenden Künstler Klee und Kandinsky war für Ehrhardt Farbe nichts als Farbe. Sie galt es durch Dissonanzen in ein dialektisches Verhältnis aus Spannung und Harmonie zu versetzen. Da kam der leidenschaftliche Musiker zur Geltung, denn Ehrhardt hatte sich seit frühester Kindheit der Musik verschrieben, liebte Bach und die Zwölftonmusik, war ein passionierter Organist. In seinen Bildern, die von Rhythmus und Harmonie zeugen, findet man immer wieder wie Notensysteme wirkende Linien.

Was für ein begnadeter Avantgardemaler wäre Alfred Ehrhardt wohl geworden, hätten die Nationalsozialisten ihm nicht früh den Boden dafür entzogen! Nach seiner Entlassung aus der Lehrtätigkeit 1933 widmete sich Ehrhardt ersatzweise der Fotografie, die er als künstlerisches Mittel des „Neuen Sehens“ auch schon vom Bauhaus kannte, bisher selbst aber allenfalls zu Dokumentationszwecken genutzt hatte.

Alfred Ehrhardt Stiftung, Auguststr. 75, Mitte, Tel. 20 09 53 33, Di–So 11–18 Uhr, bis 18. April