Friedrich-Luft-Preis

Die besten Theatermomente: Das sind die Nominierten

Dramatisches Chaos, deutsche Zeitgeschichte und eine digitale Bühne: Die Nominierungen für den Friedrich-Luft-Preis 2018 stehen fest.

Was tun, wenn ein Komet auf die Erde zurast? „Drei Milliarden Schwestern“ an der Volksbühne.

Was tun, wenn ein Komet auf die Erde zurast? „Drei Milliarden Schwestern“ an der Volksbühne.

Foto: Volksbühne / Thomas Aurin

Zehn Inszenierungen hat die Jury aus dem Theaterjahr 2018 für den Friedrich-Luft-Preis der Berliner Morgenpost nominiert. Das von Oliver Reese zur Spielzeit 2017/18 übernommene Berliner Ensemble ist Spitzenreiter und mit gleich drei Nominierungen vertreten. Die meisten Abende stehen nach wie vor auf den aktuellen Spielplänen und sind noch zu sehen. Über den finalen Gewinner wird die Jury Ende Februar entscheiden.

„Drei Milliarden Schwestern“ (Regie: Bonn Park), Volksbühne.

Abwarten, Tee trinken. Das war schon Tschechows „Drei Schwestern“ ein probates Mittel, die Zeit totzuschlagen. Ihren jugendlichen Wiedergängerinnen geht es nicht anders, nur dass ihr Blick dabei nicht „nach Moskau“ gerichtet ist, sondern auf den Kometen, der gerade auf die Erde zurast. Autor und Regisseur Bonn Park hat aus dieser Ausgangslage gemeinsam mit dem Volksbühnen-Jugendklub P14 eine entfesselt anarchische Opernparodie entwickelt. Begleitet wird die knallbunt kostümierte Schwesternschaft auf ihrem kosmischen Trip vom Jugendsinfonieorchester am Georg-Friedrich-Händel-Gymnasium und singt sich dabei unerschrocken ebenso durch die Pop- wie durch die Opernliteratur. Selten sah und hörte man so gut gelaunten Weltschmerz.

Nächste Termine: 13.1., 23.2., Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte.

„Krieg“ (Regie: Robert Borgmann), Berliner Ensemble.

Robert Borgmann hat sich getraut und als erster Regisseur die 1986 entstandene Trilogie „Krieg“ von Rainald Goetz komplett an einem Abend auf die Bühne gebracht. Er inszeniert den sprachsprengenden Text im Berliner Ensemble als eine opulente, gut vierstündige Orgie der Zersetzung, die ihre Grenzen von Szene zu Szene enger zieht. Zunächst wird hier die bundesrepublikanische Gesellschaft zerlegt, danach die Kleinfamilie, am Schluss bleibt nur das in eine Kiste gezwängte Individuum übrig. Die Sprache hat bei Goetz ihre ordnende, ihre verlässliche Rolle verloren, aber im Zugriff dieses beeindruckend starken Ensembles erwächst sie zu neuer Größe.

Nächster Termin: Voraussichtlich im März, Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte.

„The Sequel“ (Regie: Nora Abdel-Maksoud), Gorki Studio.

Am Maxim-Gorki-Theater führen unsere Gegenwartsdiskurse ein produktives Eigenleben und werden auf der Bühne gerne auch zum Spaßfaktor. Besonders gelungen ist das in Nora Abdel-Maksouds Studio-Produktion „The Sequel“. In der Fortsetzung ihres vor zwei Jahren entstandenen Erfolgsstücks „The Making-of“ blickt die Regisseurin hinter die Kulissen des Film- und Theatergeschäfts. In den Hauptrollen: Ein alter, weißer Mann und eine Political-Correctness-Amazone, eine verspannte Film-Regisseurin und ein schwäbelnder Fledermaus-Mann. Sie alle sind so herrlich peinlich, kleinlich und entlarvend in ihren Antidiskriminierungs- und Korrektheitsdiskursen, dass man beim Lachen irritierenderweise bisweilen vergisst, auf wessen Seite man eigentlich steht oder stehen sollte. Eine Inszenierung voll auf der Höhe der Zeit, die mit minimalen Mitteln maximale Unterhaltung bietet.

Nächste Termine: 6.1. und 3.2., Gorki Studio, Hinter dem Gießhaus 2, Mitte.

„Unendlicher Spaß“ (Regie: Thorsten Lensing), Sophiensäle.

Willkommen in der Freakshow! In Thorsten Lensings Inszenierung von David Foster Wallaces Mammutroman „Unendlicher Spaß“ sehen wir lauter demolierten Typen beim Straucheln zu. Wir sehen Angeber, Versager, Verzweifelte, die fallen, die sich berappeln, die mit hinreißenden Slapstick-Nummern durchs Leben taumeln. Mit einem spielwütigen Ensemble, dem zum Beispiel Ursina Lardi, Devid Striesow und Sebastian Blomberg angehören, kondensiert Lensing das futuristische Gesellschafts- und Familienpanorama um die Brüder Incandenza sehr klug auf einen zugespitzten, episodenhaften Abend. Vier Stunden Unterhaltung auf höchstem Niveau.

Nächste Termine: 2.2. und 3.2., Sophiensäle, Sophienstraße 18, Mitte und als Gastspiel am 12.4. an der Volksbühne am Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte.

„Die Umschülerinnen“ (Regie: Vanessa Stern), Sophiensäle.

Sechs Frauen zeigen dem Theaterbetrieb die Zähne. Sie schieben sich schiefe Gebisse in den Mund und tragen dazu Skioutfits, die an Tiere erinnern. Sie entern die Bühne als Winterversion der Bremer Stadtmusikanten, die bekanntlich ihren deprimierenden Alltag verlassen, um zu neuen Ufern aufbrechen. Auch unsere sechs Schauspielerinnen diskutieren im Stuhlkreis ihre Möglichkeiten, teilen deprimierende Stadttheatererfahrungen, Auftritte als TV-Leiche und Begegnungen mit dem Job-Center. Sie demaskieren ihre Selbstoptimierungsversuche und haben einen Riesenspaß dabei. Regisseurin Vanessa Stern ist eine selbstironische und schonungslose Revue des Schauspielerinnendaseins unter prekären Arbeitsbedingungen gelungen.

Derzeit keine weiteren Termine bekannt.

„Medea. Stimmen“ (Regie: Tilmann Köhler), Deutsches Theater, Kammerspiele.

Gerechtigkeit für Medea! Bei Euripides war sie die rachsüchtige Kindsmörderin. Stimmt so nicht, befand Christa Wolf, und schrieb den Mythos um. Tilmann Köhler hat ihre Version auf die Bühne der Kammerspiele des Deutschen Theaters gebracht. Dunkel ist es, man sieht im Zentrum eine knöcheltiefe Wasserfläche. Wenn Maren Eggert als Medea hineintritt oder Kathleen Morgeneyer als Glauke epileptisch zuckt, dann schlägt der See reflektierende Wellen. Nach einer Weile wird er wieder ruhig, jetzt spiegeln sich die Figuren in ihm. Und weil Medea hier vor allem eine Unangepasste, eine Fremde ist, der der Hass des Volkes entgegenschlägt, spiegelt sich auch sehr viel Gegenwart in diesem Abend.

Nächster Termin: 26.2., Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte.

#BerlinBerlin (Regie: Jörg Steinberg), Theater Strahl.

„Happy New Year 2099“ steht auf den T-Shirts der Jugendlichen. Die Zeiten, in denen dort, wo sie jetzt herumalbern, einmal eine Mauer stand, die Deutschland teilte, kennen sie nur aus den Geschichtsbüchern. Das Theater Strahl macht diese Zeiten in dem Jugendstück „#BerlinBerlin“ ganz ohne Pathos, dafür sehr temporeich und schmissig greifbar für die Nachgeborenen. Vier Autoren aus Ost und West haben gemeinsam eine deutsch-deutsche Familien- und Coming-of-Age-Geschichte geschrieben, die unter der Regie von Jörg Steinberg dem Protagonisten Ingo und seiner Familie in den Jahren zwischen 1961 und dem Mauerfall nachspürt. Die Darsteller performen dazu außerdem als Live-Band Songs von den Puhdys, Nina Hagen oder Bruce Springsteen. Ein wichtiger, längst überfälliger Abend über Alltag und Flucht im geteilten Deutschland, der in jeder Hinsicht familientauglich ist.

Nächste Termine: 17. und 18.1., Theater Strahl, Halle Ostkreuz.

„Die Parallelwelt“ (Regie: Kay Voges), Berliner Ensemble.

Regisseur Kay Voges wagt mit „Die Parallelwelt“ ein tollkühnes Simultantheater-Experiment. Im Schauspiel Dortmund steht ein siebenköpfiges Ensem­ble auf der Bühne, im Berliner Ensemble zeitgleich ebenfalls. Sie sind verbunden per Glasfaserkabel, das Bilder und Töne in Lichtgeschwindigkeit hin- und herschickt. Gemeinsam erzählen sie die Geschichte von Fred, der in Dortmund anfangs bereits im Sterben liegt, während er in Berlin gerade geboren wird. Es ist ein Leben, das einmal vorwärts und einmal rückwärts erzählt wird. Die faszinierend präzise Bildregie von Voxi Bärenklau sorgt dafür, dass wir auf Splitscreens das Bühnengeschehen der jeweils anderen Stadt mitverfolgen können. Die große Faszination dieses Abends besteht darin, dass er mit dem Verhältnis von Raum und Zeit auf der Bühne jongliert und dem Theater selbst dabei eine neue, bislang unbekannte Dimension verleiht.

Nächste Termine: 24.1., 2.2., 3.2., Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte.

„Endstation Sehnsucht“ (Regie: Michael Thalheimer), Berliner Ensemble.

Alles rutscht. In der linken unteren Ecke der engen, steilen Schräge, die Bühnenbildner Olaf Altmann in die rostige Bühnenwand eingelassen hat, sammelt sich im Laufe des Abends, was von den Menschen übrig blieb, von ihren Sehnsüchten, von ihrem alten Leben. Das von Blanche DuBois war einmal glamourös. Mit immer noch kapriziöser Attitüde quartiert sie sich bei ihrer Schwester Stella ein, die mit ihren Proleten-Gatten Stanley ein raues Unterschichtleben führt. Regisseur Michael Thalheimer macht aus Tennessee Williams’ Südstaaten-Melodram eine hochkonzentrierte, feinfühlige Charakterstudie der Erniedrigten und Beleidigten. Jede einzelne Figur ist glänzend besetzt und makellos konturiert, ganz besonders überzeugt Cordelia Wege als fiebrig-flirrende Blanche, die dem Abgrund immer näher kommt, bis sie schließlich endgültig stürzt.

Nächste Termine: 31.1., 5.2., 6.2., Berliner Ensemble, Bertolt-Brecht-Platz 1, Mitte.

„Cry Baby“ (Regie: René Pollesch), Deutsches Theater.

Das war schon ein toller Coup von Ulrich Khuon, dem Intendanten des Deutschen Theaters, dass er mit Regisseur René Pollesch und Schauspielerin Sophie Rois gleich zwei bedeutende Protagonisten der Volksbühnen-Ära unter Frank Castorf an sein Haus in die Schumannstraße locken konnte. Ihr Einstand mit der irrwitzig komischen Diskurs-Komödie „Cry Baby“ geriet fulminant. Es geht in Polleschs bunter Pyjama-Party um alles und um nichts, ums Schlafen, um den Prinzen von Homburg, Klytämnestra, Luis Buñuel und immer wieder anspielungsreich auch ums Theater selbst. Sophie Rois tut derweil, was sie am besten kann: sich aufregen. Mit Grandezza natürlich. Alle anderen halten mit, kontern in Wortkaskaden, duellieren sich im Morgenmantel, sodass es eine wahre Freude ist, dabei zuzuschauen, wie sich hier alles wunderbar neu zusammenfügt.

Nächste Termine: 16.1., 19.1., 21.1., Deutsches Theater, Schumannstr. 13a, Mitte.

Der Friedrich-Luft-Preis

Auszeichnung Die Berliner Morgenpost vergibt den mit 7500 Euro dotierten Friedrich-Luft-Preis für die beste Regie seit 1992. Er erinnert an den Berliner Feuilletonisten und Theaterkritiker Friedrich Luft (1911–1990), der unter anderem mit seiner Sendung „Stimme der Kritik“ im Rias bekannt wurde.

Die Jury besteht aus acht Mitgliedern: Ernst Elitz (Gründungsintendant des Deutschlandradios), Jürgen Flimm (Regisseur und ehemaliger Intendant der Staatsoper), Lucy Fricke (Schriftstellerin), Martina Gedeck und Claudia Wiedemer (Schauspielerinnen), Katrin Pauly (Theaterkritikerin), Morgenpost-Redakteur Stefan Kirschner und Morgenpost-Kulturchef Felix Müller. Die Entscheidung wird Ende Februar bekannt gegeben, die Verleihung findet im Frühjahr statt.