Jubiläum

Alexander von Humboldts Gespür für die Welt

In diesem Jahr feiert Berlin einen seiner berühmtesten Söhne: Den Naturforscher Alexander von Humboldt, der vor 250 Jahren zur Welt kam

Bewacher des Stadtbilds: Das vom Bildhauer Reinhold Begas geschaffene Denkmal von Alexander von Humboldt (1769-1859).

Bewacher des Stadtbilds: Das vom Bildhauer Reinhold Begas geschaffene Denkmal von Alexander von Humboldt (1769-1859).

Foto: imago stock / imago stock&people

Wer sich heute eine Wohnung in der Umgebung der Oranienburger Straße 67 kaufen will, sollte mit Preisen um 5500 Euro pro Quadratmeter rechnen. Entsprechend hoch sind die Mieten. Im Jahr 1844 war es dort günstiger, natürlich. Trotzdem hatte der Mieter im ersten Stock, 76 Jahre alt, Sorge, er könne sich die Wohnung bald nicht mehr leisten. Er musste wohl wegziehen. Ein Fall von Gentrifizierung? Nicht wirklich. Der ältere Herr gehörte zum engeren Freundeskreis des Königs, ebenso zu den berühmtesten, beliebtesten und gelehrtesten Köpfen von Berlin. Einst auch zu den wohlhabendsten, doch sein Vermögen war dahingeschmolzen. Die Geschichte ging gut aus. Plötzlich war da sein Freund, der nette Herr Mendelssohn, der kaufte das Haus und gewährte dem Grandseigneur Wohnrecht bis ans Ende seiner Tage – zu günstiger Miete.

Alexander von Humboldt war der Nutznießer, und man war gut zu ihm in der Stadt, wollte ihn immer in seinen Mauern haben. Vor allem der König, aber auch all die Gebildeten aus den adeligen und wohlhabenden Kreisen, die gern darüber plauderten, was in der Welt passiert – und Humboldt war ein weit gereister Mann. Er selbst hätte lieber in Paris gewohnt. Nicht in Berlin. „Macht nur, dass ich niemals nötig habe, die Türme Berlins wiederzusehen“, hatte er mal in Paris gesagt, geplagt von seinem gespaltenen Verhältnis zur Stadt der Preußenkönige – wie zu diesen selbst auch.

Der König ermahnte ihn, nach Berlin zurückzukehren

Dabei wird Humboldt, zur Welt gekommen am 14. September 1769 in Berlin, im diesem Jahr nicht nur wegen seines 250. Geburtstags ins Blickfeld rücken, in Europa und in Amerika. Gefeiert wird er besonders in seiner Geburtsstadt. Als einer der beiden Namensgeber (neben Bruder Wilhelm) des wiederaufgebauten Hohenzollernschlosses, das gegen Ende des Jahres als Humboldt Forum eingeweiht werden soll, wenn es rechtzeitig fertig wird. Humboldt selbst zählte nicht zu den pünktlichsten Zeitgenossen. Ausgerechnet aus jenem Schloss, das nun auch seinen Namen tragen soll, hatte er damals, im Spätsommer 1826, einen Mahnbrief erhalten. Einen schroffen, vom König.

„Mein lieber Herr von Humboldt!“, schrieb Friedrich Wilhelm III. an den da noch an der Seine wohnenden, „Sie müssen nun mit der Herausgabe der Werke fertig sein, welche Sie nur in Paris beenden zu können glaubten. Ich kann Ihnen daher keine fernere Erlaubnis geben, in einem Lande zu bleiben, das jedem wahren Preußen ein verhasstes sein sollte. Ich erwarte daher, dass Sie in kürzester Zeit in Ihr Vaterland zurückkehren. Ihr wohlaffektionierter Friedrich Wilhelm.“ Immerhin: Der Monarch war wohlaffektionierter als zornig, verdoppelte er doch gleich mal das Gehalt, das Humboldt als privilegiertes Mitglied der Preußischen Akademie der Wissenschaften

bezog, auf 5000 Taler jährlich. Ohne jede Lehrverpflichtung.

Jetzt immerhin sollte es eine Anwesenheitspflicht geben, wenn auch nur allgemein für die Hauptstadt. Bei aller absolutistischen Gesinnung war dem bildungsambitionierten König klar, welche Ausstrahlung, ja Sogwirkung der Gelehrte auf Gleichgesinnte ausübte, die sich unmittelbar auch auf seine
Metropole übertrug. Und es gab einen Kompromiss: Pro Jahr sollte Humboldt vier Monate lang das Fluidum von Paris einatmen dürfen, das ihm, trotz aller Restauration, immer noch den Hauch von gesellschaftlicher Dynamik aus der Zeit der Revolution schenkte – ganz im Gegensatz zu Preußen.

„Schloss Langeweil“ – schon als Jugendlicher im herrschaftlichen Tegeler Anwesen äußerte sich Humboldt despektierlich über seine preußische Heimat. Als der von Rousseau inspirierte Hauslehrer Joachim Heinrich Campe den beiden Brüdern von den Weltumsegelungen James Cooks und anderer Exotik erzählte, wollte Alexander nur noch eines: hinaus. „Ich bin für die Tropen geboren“, schrieb er in sein Tagebuch. Er studierte mehrere Fächer, reüssierte vor allem als Bergbauingenieur, nahm sich aber immer wieder Zeit für ausgedehnte Reisen. Mit leichter Hand schloss er Bekanntschaften. Mit Goethe, der viel von ihm hielt, mit Schiller, dem er auf die Nerven ging, auch mit den späteren Reformern Stein und Hardenberg. Georg Forster, Cooks Reisebegleiter, wurde sein bester Freund.

Sein Höhenrekord in den Anden hielt 50 Jahre

Als seine Mutter starb, ließ er sich sein Erbe auszahlen und folgte seiner „Bestimmung“: dem Drang in die Tropen. Akribisch bereitete er seine Reise nach Amerika (1799–1804) vor, kaufte die neuesten wissenschaftlichen Geräte, besorgte sich Expertisen der kompetentesten Wissenschaftler. Dann, kaum unterwegs mit seinem Begleiter Aimé Bonpland, bestieg er beim Zwischenhalt auf Teneriffa den 3700 Meter hohen Teide, korrigierte auf dem Atlantiksegler die Navigation des Kapitäns. In Südamerika angekommen, ließ er sich monatelang den Orinoko hinauf flößen, tilgte dort die Legende von El Dorado, kartierte im tiefsten Dschungel eine geheimnisvolle Kanalverbindung zum Amazonas-System, erkletterte den Chimborazo bis auf 5600 Meter – ein Höhenweltrekord, der 50 Jahre hielt.

Über Mexiko, wo er die Bergbauämter beriet, ging es dann nach Washington, wo sie wochenlang beim US-Präsidenten weilten. Humboldts mit Karten unterfüttertem Ratschlag, in Panama einen Kanal zu bauen, lauschte Thomas Jefferson aufmerksam, sein Drängen auf ein Ende der Sklaverei überhörte er. Als Humboldt sich 1804 in Europa zurückmeldete, hatten ihn viele für tot gehalten. Doch er lebte noch weitere 55 Jahre. Für die Auswertung der Südamerika-Forschung ließ er sich 30 Jahre Zeit. Danach galten sechs Prozent aller bekannten Spezies als von ihm entdeckt. Er ging weiter auf Reisen, lebte zunächst meist in Paris, wo er immer wieder Simón Bolivar Mut zusprach, Südamerika zu befreien. 1829 ging er nochmal auf große Fahrt, bis nach Sibirien.

Schließlich folgte Humboldt doch dem Ruf des preußischen Königs, musste mit dem Anblick der Berliner Türme leben. 1859 starb er, gerade rechtzeitig, bevor sein geerbtes Vermögen aufgebraucht war, von ihm über sechs Jahrzehnte verwandelt in Wissen.

Anmerkung der Redaktion: Schon vor dem 250. Geburtstag Alexander von Humboldts am 14. September bietet die Humboldt-Universität in Zusammenarbeit mit zahlreichen Institutionen ein umfangreiches Programm mit Vorträgen, Ausstellungen, Buchvorstellungen und Konzerten. So beginnt ab dem 1. Mai die Ausstellung „12 mal Humboldt“ des Botanischen Museums Berlin im Botanischen Garten, die Humboldts Verdienste im Bereich der Pflanzenkunde berücksichtigt. Vom 5. bis 7. Juni ist eine Tagung über Alexander von Humboldt in der Akademie der Wissenschaften geplant, in der Staatsbibliothek (West) werden im September Humboldts Reisetagebücher gezeigt. Ein vollständiger Überblick des Programms findet sich im Netz unter avhumboldt250.de.