Volksbühne

Irmin Schmidt - Der letzte Mann am Dirigentenpult

Irmin Schmidt spielt Filmmusik in der Volksbühne. Er ist das letzte Mitglied der Band Can, gehört aber noch lange nicht ins Museum.

Berlin. Irmin Schmidt ist Last Man Standing – und zwar breitbeinig. Der letzte Überlebende der enorm wichtigen Krautrock- und Improvisationsband Can aus Köln ist 81. Davon merkt man nichts, wenn er in der fast ausverkauften Volksbühne vor dem Filmorchester Babelsberg steht und mit großer Zackigkeit drei Orchestersuiten dirigiert.

Seine Filmmusiken der letzten Jahrzehnte sind das, von Wim Wenders bis Schimanski. Dazu kommt „Can Dialog“, eine Bearbeitung dessen, was Schmidt schon in den 70er-Jahren gemeinsam mit Jaki Liebezeit, Holger Czukay, Michael Karoli, den Sängern Malcolm Mooney und Damo Suzuki fürs Kino aufgenommen hat.

Die Orchesterfassungen, die Gregor Schwellenbach aus diesen reichlich verdrogten Miniaturen destilliert hat, klingen mal nach Spätromantik, dann wieder nach mittlerem Strawinsky oder Manuel de Falla. Was damals bei Can von sägenden E-Gitarren durchzogen war, fies flötenbegleitet, immer wieder in poppige Refrains getaucht – an diesem Abend wird es überzogen mit Klangseligkeit.

Doch es gibt auch klassische Spannungsmusik zu hören, mit atonalen Einsprengseln: hohe Ostinati sägen an den Nerven, das Schlagwerk schabt unheimlich von hinten an einem Adagio. Je länger der Abend, desto weiter nähern sich Schmidt und Co. der Gegenwart an. Irgendwann glaubt man, Philip Glass zuzuhören, der aus Versehen ein Kinderschlagzeug verschluckt hat.

Automat, Peaches und Bettina Köster rocken durchs Can-Repertoire

Wer im Bier trinkenden Berliner Insider-Publikum sich bis dahin etwas zu sehr in der Philharmonie wähnte, wird nach der Pause erlöst. Die Band Automat um Jochen Arbeit – bekannt vom aktuellen Lineup der Einstürzenden Neubauten – rockt und funkt sich durchs Can-Repertoire. Unterstützt wird die blind eingespielte Combo von so unterschiedlichen Leuten wie der kanadische Wahl-Berlinerin Peaches, der Britin Gemma Rey, dem Reggae-Sänger Tikiman alias Paul St. Hilaire und der wunderbaren Bettina Köster, in den 80er-Jahren Frontfrau bei Malaria.

Die „Hildegard Knef das Punk“, wie Köster einmal genannt wurde, stiehlt allen die Show. Mit fast 60 Jahre alter Grandezza und Coolness posiert sie auf der Bühne wie jemand, dem keiner mehr was über Rock 'n' Roll erzählen kann. Eine Stimme, auf der All-Time-Kaputtheitsskala nah an Nico und Marianne Faithful. Mit der sagt sie, sie hätten erst jetzt, 50 Jahre nach Gründung, entdeckt, was Can für eine tolle Frauenband sei. Dafür gibt es Lacher und zu Recht Applaus. Schauspieler und Selbstdarsteller Ben Becker springt aus der ersten Reihe und will Kösters Hals gar nicht mehr loslassen vor Hingerissenheit.

Und es stimmt: Tikiman, der einzige Herr in dieser Vokalrunde, kommt nicht wirklich an gegen die versammelte weibliche Power. Wenn Peaches Hochdruckgesang sich im rauschhaften Finale mit Gemma Reys Gitarrenlinien verschlingt und alle zusammen „I want more and more and more“ skandieren, ist die lustvolle Geschlechtsumwertung perfekt. Das tröstet drüber hinweg, dass mancher Moment im Rock-Teil des Abends ein wenig runtergeholzt daher kommt. Als habe man vor lauter Ehrfurcht gegenüber dem Improvisationsgeist der Can vergessen, mehr als eine Stunde miteinander zu proben.

Aber egal, welcher Ansatz einem besser gefällt: Dass das Werk von Schmidt und Can in seiner Offenheit so unterschiedliche Interpretationen trägt, zeigt, dass es noch lange nicht zwischen all die aufwendig verpackten Geburtstagseditionen ins Musik-Museum verstaut gehört.