Leander Haußmann

Der Traum von der Wiederauferstehung der Volksbühne

| Lesedauer: 5 Minuten
Stefan Kirschner
Lustig ist das Stasileben: Uwe Dag Berlin (3.v.l.), Christopher Nell (2.v.l.) und Antonia Bill in „Haußmanns Staatssicherheitstheater“

Lustig ist das Stasileben: Uwe Dag Berlin (3.v.l.), Christopher Nell (2.v.l.) und Antonia Bill in „Haußmanns Staatssicherheitstheater“

Foto: Christoph Soeder / dpa

Leander Haußmann inszeniert sein „Staatssicherheitstheater“ an der Volksbühne – und auch Ex-Hausherr Frank Castorf schaut vorbei.

Berlin. Das Räuberrad steht wieder vor der Volksbühne. Der wie früher klassisch verkürzte Stücktitel, in diesem Fall „Staatstheater“, prangt auf dem Fassadenbanner. Es sind all die Menschen gekommen, darunter auch der amtierende Kultursenator Klaus Lederer und mit Thomas Flierl auch einer seiner Vorgänger, die einst hier an diesem Ort eine Premiere von Frank Castorf besucht haben. Und ja, der langjährige Hausherr war auch da, wahrscheinlich das erste Mal seit seinem Rauswurf vor knapp eineinhalb Jahren.

Alles wie zu den glorreichen Zeiten, das ist das dominierende Gefühl, inklusive eines staunenmachenden Bühnenbildes von Lothar Holler: Erst montieren Arbeiter zwei Podien auf der Bühne, dann fährt die ganze Chose hoch und ein mehrgeschossiger Querschnitt eines Mietshauses in Prenzlauer Berg taucht auf: Vom Keller, wo sich die Stasi-Mitarbeiter tummeln und einer Kneipe, die von Künstlern frequentiert wird, über Wohnungen, in denen die eingebaute Dusche im Schlafzimmer liegt und einem Treppenhaus mit knarzigen Dielen bis zum Dachboden, wo die Wäsche trocknet und die Stasi-Leitung ihr Büro hat. Lauter kleine Räume, die die Piefigkeit und Muffigkeit des untergegangenen Landes ausstrahlen, liebevoll mit vielen Details ausgestattet. Willkommen in „Haußmanns Staatssicherheitstheater“, bei dem im Programmheft der mittlere Teil im Stile der von der Stasi-Unterlagenbehörde freigegebenen Akten geschwärzt ist.

Es gibt keine Rollenzuweisungen in dieser Uraufführung, für die Regisseur Leander Haußmann auch den Text geschrieben hat. Horst Kotterba spielt einen Künstler, der gerade seine Stasi-Akte abgeholt hat, die parallel dazu von seiner Lebensgefährtin auf dem Bett liegend wie ein Fotoalbum durchgeblättert wird - per Kamera wird das auch auf zwei Leinwände am Bühnenrand projiziert. Zwischen den beiden kommt es schließlich zum Disput, Silvia Rieger, mit der Ära Castorf eng verbunden, tritt im langen schwarzen Kleid im Stil einer Medea auf - leider lässt die Textverständlichkeit zu wünschen übrig.

Es geht um die Bohème in der Spätphase der DDR

"Die Stasi bildete den dunklen Hintergrund für unser sonnenhelles Glück", dieses Haußmann-Zitat auf der ersten Seite des Programmheftes schwebt gewissermaßen über dem Abend. Es geht um die Bohème in der Spätphase der DDR, um die aus Stasi-Sicht "negativ-dekadenten" jungen Menschen, die den Staat zersetzen wollen.

Regisseur und Autor Haußmann hat ja eigene Erfahrungen mit der Staatsmacht gemacht – das kann man in seiner sehr unterhaltsam geschriebenen Biografie „Buh“ nachlesen. Als Castorf in den 80er-Jahren am Theater Gera "Clavigo" inszenierte, ließ er die jungen Schauspieler Uwe Dag Berlin und Leander Haußmann in die thüringische Kleinstadt zum Vorsprechen für die Rolle des Carlos anreisen. Sie saßen in einer Kneipe und Castorf engagierte beide: "Lernt ma beede den Text, sprecht dit Ding halt im Chor. Als Carlos 1 und Carlos 2."

Auch Norbert Stöß, der ebenso wie Uwe Dag Berlin jetzt an der Volksbühne im "Staatssicherheitstheater" dabei ist, spielte damals in Gera. Laut Stasi hatte er im Treppenhaus des Theaters Wände mit den Parolen "Freiheit! Die Mauer muss weg" und "Tapetenwechsel ist machbar, Herr Nachbar" verziert. Er wurde dafür zu einer Haftstrafe verurteilt.

Vieles scheint ungefiltert zu sein

Man kann sich gut vorstellen, welchen Spaß die drei jetzt bei den Proben mit der Darstellung der Spitzel als Knallchargen hatten; vieles scheint ungefiltert in die Premiere eingeflossen zu sein. Das ist aus persönlicher Sicht allzu verständlich, aber für das Publikum auf Dauer etwas ermüdend.

Und auch die anderen Darsteller, von Kostümbildnerin Janina Brinkmann vorzugsweise mit beigen Blousons, Hütchen und diesen wunderbar bescheuerten Herren-Handtäschchen am Handgelenk ausgestattet (ein bevorzugter Ort, um die Dienstwaffe zu verstauen), bleiben dieser Linie treu. Man arbeitet nicht bei der "Firma", wie die Stasi in der Bevölkerung bezeichnet wurde, sondern in der „Fa-Mielke", wie deren übergewichtiger Chef (Waldemar Kobus) belustigt sagt, als er gerade eine Nachdenkrunde durch sein vollgestelltes Büro dreht.

Dem Abend fehlt dramaturgische Betreuung. Hier flufft nichts. Im ersten Teil kommen ein paar lose Nummern, teils mit Musik und Gesang des wunderbaren Christopher Nell. Nach der Pause dann die sehr gedehnte Ermittlungsparodie, der Operative Vorgang „Virus“ läuft im Stile einer Eifersuchtsklamotte völlig aus dem Ruder.

Zum Finale treten als Gäste – und wahrscheinlich nur in der Premiere – Detlev Buck (in Abschnittsbevollmächtigter-Uniform wie im Haußmann-Film "Sonnenallee") und Volksbühnen-Ikone Alexander Scheer (in Netzstrümpfen wie in einer der letzten Castorf-Inszenierungen) auf. Scheer beschwört mit der Faust auf dem Herz die Wiederkehr der alten Volksbühne. Aber ein paar frühere Protagonisten, ein tolles Bühnenbild und eine an Castorf-Abende erinnernde Länge reichen dafür noch nicht aus.

Volksbühne, Rosa-Luxemburg-Platz, Mitte. Weitere Vorstellungen: 21. Dezember, 5. und 24. Januar, Kartentelefon: 030/240 65 777.