Premiere

Ein Ausbruchsversuch aus dem Gefängnis der Geschlechter

Lustig und schlau: Patrick Wengenroths „He? She? Me! Free!“ im Studio der Schaubühne.

Umzugskisten, Pyjamas und Musik: Auch so kann man über Genderfragen reden.

Umzugskisten, Pyjamas und Musik: Auch so kann man über Genderfragen reden.

Foto: Schaubuehne / Gianmarco Bresadola

Berlin. Von rechtspopulistischer Seite wird das Gespräch über Genderfragen gern brachial verteufelt und zum Sinnbild für abwegige, linke Orchideenpolitik erklärt. Da ist dann, wieder und immer wieder, von einer absurden Ideologie die Rede, von Bevormundung, von weltfernen Weltverbesserern und von der Nutzlosigkeit von Unisextoiletten.

Man braucht nicht viel mehr als ein bisschen Neugier und Offenheit, um in solchen Behauptungen stumpfsinniges Stammtischgerede zu erkennen. Man muss aber, andererseits, mit dem Rechtspopulismus auch nicht immer sofort in den Ring steigen. Ein Besuch der Performance von Patrick Wengenroth „He? She? Me! Free!“, die am Donnerstag im Studio der Schaubühne Premiere feierte, reicht aus, um die Relevanz all dieser Fragen zu erkennen: Welche gesellschaftlichen Auswirkungen haben sexuelle Rollenfestlegungen? Wie stark beruht die Identität eines Menschen auf seinem Geschlecht und den sozialen Zuschreibungen, die daraus folgen? Ist eine Welt denkbar, in der dies in anderem Maße, vielleicht überhaupt nicht mehr geschieht? Und wäre sie vielleicht eine bessere?

All dies könnte in theorielastiges, freudloses Diskurstheater münden, aber Regisseur Patrick Wengenroth weiß diese Klippe listig zu umschiffen. Schon mit früheren Inszenierungen wie „thisitgirl“ und „Love hurts in tinder times“ hat er unter Beweis gestellt, wie er existenziellen Großfragen die Schwere nehmen kann, ohne sie zu banalisieren. Mascha Mazurs aus Pappe gefertigtes Bühnenhäuschen verwandelt das Schaubühnen-Studio in eine kleine WG, in der ein paar Gitarren, ein Keyboard und ein Schlagzeug herumstehen und wo der Ablaufplan des Abends sympathischerweise einfach an die Wand getackert ist – die ganze Produktion hat etwas lustig Unfertiges, ein bisschen wie der Gig einer Garagenband.

Die Schauspieler Bernardo Arias Porras, Iris Becher, Eva Meckbach und Ruth Rosenfeld versuchen sich zusammen mit Musiker Matze Kloppe und Regisseur Patrick Wengenroth in verschiedenen Gesprächssituationen: Da wird Bernardo Arias Porras als Transmensch zu einer eben erfolgten Geschlechtsumwandlung befragt, da erzählt Ruth Rosenfeld von den Zumutungen einer Zwangsverheiratung oder Eva Meckbach von den Anwandlungen ihrer läufigen Hündin. Die Akteure reden sich mit Eva an, schlüpfen zwischendurch in lilafarbene Pyjamas, haben erkennbar großen Spaß an dem Balanceakt zwischen Albernheit und tiefem Ernst und machen immer wieder Musik, die assoziative Räume öffnet: Gillian Welchs großartige Ballade „Everything is free“, der suggestive Verletzungssong „Aua“ von Mine, Fatoni und Danger Dan oder, als Klassiker am Ende, Queens „I want to break free“ - wer noch das Video in Erinnerung hat, in dem Freddie Mercury als herrlich schnurrbärtige Hausfrau den Staubsauger schwingt, wird darin den Geist dieses Abends wiedererkennen. Er macht auf sexuelle Stereotype, Unterdrückung und falsche Privilegien aufmerksam und tut dies auf die denkbar lässigste und unterhaltsamste Weise. Das sollte man sich ansehen.

Schaubühne am Lehniner Platz, Charlottenburg. Nächste Vorstellung:Samstag, 19.30 Uhr.