Deutsches Theater

Corinna Harfouch - Gegen die Zweifel

Corinna Harfouch probt derzeit Ingmar Bergmans „Persona“ am Deutschen Theater. Eine Begegnung.

Corinna Harfouch / Schauspielerin im Deutschen Theater

Corinna Harfouch / Schauspielerin im Deutschen Theater

Foto: Reto Klar

Berlin. Die eisblauen Augen tasten über den Boden, die Hände umfassen die Knie. Heute, sagt sie, ist so ein Tag, an dem sie sich fragt: „Wieso mache ich das immer wieder? Die meiste Zeit ist es nicht angenehm.“ Nachdem Corinna Harfouch solche Sätze über das Schauspielen fallen lässt wie kleine Bomben auf ihre Karriere, auf Theaterrollen, Kinoerfolge und Preise, schüttelt sie ihren Kopf. „Es gibt kurze Momente, in denen man wirklich sehr glücklich ist“, sagt sie dann, ein bisschen entschuldigend fast, und fügt an: „Wenn man etwas gefunden hat. Das kann in den Proben sein, aber auch bei einer Vorstellung.“ Heute hat sie halt nichts gefunden. Vielleicht lässt sie die Zweifel detonieren, um die Bodenhaftung nicht zu verlieren. Vielleicht machen diese sie aber gerade auch produktiv , wie andere die Selbstgewissheit. Vielleicht kommen sie auch von dem Stück, das sie gerade am Deutschen Theater probt: „Persona“.

Wer den gleichnamigen Filmklassiker von Ingmar Bergman kennt, der weiß, dass das Spiel mit Identitäten verunsichern soll. So wie die beiden Protagonistinnen, die Krankenschwester Alma und die Schauspielerin Elisabeth Vogler, die nach einer Aufführung ihre Sprache ablegt wie ein lästiges Kostüm, das sie nie wieder anziehen wird. „Sprachekel“ hat Harfouch das getauft.

„Wenn du den Glauben verlierst an die Sprache, an deine Religion als Schauspielerin, ist das eine existenzielle Krise“, sagt sie. Um die zu verstehen, hat sie bei den Proben selbst geschwiegen. Es hat ihre Mitmenschen rasend gemacht. Und sie selbst auch. „Ich hab das genau eineinhalb Tage durchgehalten. Denn es ist so krass, nicht zu sprechen. Es ist eben das Mittel, mit dem wir uns scheinbar verständigen. Und wir sind unendlich irritiert, wenn es jemand nicht tut“, sagt sie.

Weil das Stück eine Koproduktion mit dem Stadsteater Malmö ist, hatte es dort vor wenigen Wochen schon Premiere. „Die schwedischen Kollegen sind sehr freundlich, so sehr, dass einen die Freundlichkeit fast erschüttert“, sagt Harfouch und lacht. Dort hat sie der Sprache halber die Schweigende gemimt. In Berlin werden nun die Rollen getauscht und Harfouch wird in die Almas schlüpfen, die sich durch die Pflege der verstummten Schauspielerin verliert.

Harfouch spielt also gleich zwei Berufe, die sie beherrscht, auch wenn sie selbst manchmal daran zweifelt: Die 64-Jährige lernte Krankenschwester, ehe sie an der Ernst Busch Schule Schauspiel studierte. „Ich habe die besten Erinnerungen an die Arbeit als Krankenschwester“, sagt sie. Noch heute kann sie Blut abnehmen – bloß nützt das nun auf der Bühne nicht unbedingt viel.

Tabus berühren, Rollenklischees sprengen

Dort versucht man, Bergmans Film, der ihn 1966 noch populärer machte, als er ohnehin schon war, zu übersetzen. Wegen des Spiels mit Kamera und Schnitt ist das keine einfache Aufgabe. Ob sie Angst habe, dem Film mit der Inszenierung nicht gerecht zu werden? Harfouch schüttelt den Kopf. Das ist ihr ja auch schon mal gelungen, 2015 war das, mit „Herbstsonate“, auch eine Bergman-Adaption. Da spielte sie eine Mutter, die nicht zur Liebe zu ihrer Töchter fähig ist, mit so viel Verve, dass nach den Aufführungen häufig Frauen aus dem Publikum auf sie zukamen. Wie schrecklich diese Mutterfigur sei, sagten sie. Dass man die eigenen Kinder doch lieben müsse. Harfouch reizen solche Rollen. Oder ihre Magda Goebbels im Film „Der Untergang“. Vielleicht, weil sie weit weg sind von ihr, die mittlerweile fünf Enkel hat. Vielleicht, weil sie Tabus berühren. Vielleicht, weil sie Rollenklischees sprengen, in denen Frauen unbedingt glücklich sein müssen über die eigenen Nachkommen.

Bergman hat solche Medea-Figuren in vielen Filmen untergebracht – weil er selbst sich von seiner Mutter vernachlässigt fühlte. So sehr Harfouch ihn als Künstler bewundert, so viel Kritik hat sie daran. „Es macht mich wütend, dass er Frauen seine eigenen Probleme in den Mund legt“, sagt sie. „Aber da er ein großer Künstler war, ist das Material trotzdem handhabbar. Das versöhnt mich mit ihm immer wieder.“

Die Idee zu „Persona“ kam dem schwedischen Regisseur in einer totalen Schaffenskrise: Als er dachte, ihm würde nie wieder etwas gelingen. Weil ihm – das ist nur halb so paradox, wie es klingt – schon so vieles gelungen war. „Erfolg kann einen enorm in eine Krise bringen“, sagt auch Harfouch. Bergman hat sie auf seinen Film abgeleitet wie ein Stromleiter Energie. „Ich glaube natürlich an die Katharsis“, sagt Harfouch, so tonlos, dass man nicht sicher ist, ob das stimmt.

"Sie wollen etwas kaputt machen"

Dass man an der Sprache zweifelt, so wie die schweigende Protagonistin des Stücks, das kann Harfouch verstehen – gerade jetzt, da Rechtspopulisten Sprache manipulieren. „Was die Leute antreibt, auch die der AfD, ist ja keine politische Überzeugung. Sie wollen etwas kaputt machen. Bloß: Das hatten wir doch alles schon. Wenn es nicht so traurig wäre, müsste man lachen“, sagt sie und klopft mit der Hand den Takt der Silben, als wollte sie ihren Worten Halt geben. Und ein bisschen sich selbst auch.

Harfouch kommt aus Sachsen. Als in ihrer Heimat über Aufmärsche von Rechtsextremen und Jagd auf Migranten berichtet wird, ist sie in Malmö – und fassungslos. „Wir haben es einfach vermasselt, habe ich da gedacht, einfach vermasselt“, sagt sie, die Wörter brechen ihr weg wie der Takt der Hand. „Wir haben die Probleme nicht ernst genommen, haben uns ausgeruht, uns wohlgefühlt in unserer Blase und nicht hingesehen.“ Wie soll man jetzt weitermachen?

Harfouch lässt ihre Schultern sinken, als hingen Tonnen daran. Nach diesen Momenten voller Zweifel, sagt sie später, sieht sie vor ihrem inneren Auge einen abgebrannten Wald. „Und ein halbes Jahr später sprießt es. Daran glaube ich auch.“

Deutsches Theater, Schumannstr. 13a., Mitte. Premiere: 30.11., 20 Uhr. Weitere Vorstellungen 1., 19. und 20.12., je 19.30 Uhr.